Ossiloop  Wunderläufer aus Upgant-Schott siegte 1983

| | 12.05.2022 17:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Beim Ossiloop 1983 war Johann Janssen die Nummer eins. Fotos: Privat
Beim Ossiloop 1983 war Johann Janssen die Nummer eins. Fotos: Privat
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Johann Janssen war ein Läufer-Phänomen. Er begann erst mit 37, verzichtete auf einen Trainer und lief zwei Jahre später einen Marathon in 2:39 Stunden. Es folgte sogar ein deutscher Rekord.

Upgant-Schott - Der schnellste aller 461 Janssens, die bis zu diesem Jahr beim Ossiloop gestartet sind, drückte dem Lauf gleich bei der zweiten Auflage seinen Stempel auf. Johann Janssen rannte vor 39 Jahren allen auf und davon und siegte mit fast einer Viertelstunde Vorsprung. Noch eindrucksvoller als sein Tempo und seine zahlreichen Rekorde auf Bezirks-, Landes- und sogar Bundesebene war der Zeitplan seiner Karriere. Denn der Mann aus Upgant-Schott schnürte die ersten Laufschuhe in einem Alter, in dem andere bereits ihre Karriere beenden. „Ich habe erst mit 37 angefangen“, erzählt der heute 83-Jährige. „Vorher war ich Fußballer – in Marienhafe und in Osteel.“

Als Janssen dann mit dem Laufen begann, kam der Spätstarter immer früh ins Ziel. Irgendwann konnte in Ostfriesland niemand mehr mithalten. Auf phänomenale Weise kletterte der Anfänger in kürzester Zeit die Bestenlisten empor. Über 25 Kilometer stellte er 1984 im Dauerregen von Paderborn in 1:22:02 Stunden sogar einen Deutschen Rekord in der Altersklasse 45 auf.

Johann Janssen lief viele Marathons, die es früher auch in Ostfriesland gab.
Johann Janssen lief viele Marathons, die es früher auch in Ostfriesland gab.

Zehn Stunden auf dem Bau

Verblüffend sind auch die bescheidenen Mittel, mit denen Janssen in die nationale Elite vorpreschte. „Ich hatte keinen Trainer“, sagt er ganz lapidar. Der Wunderläufer aus Upgant-Schott kannte auch keinen Ernährungsplan und nahm nie an Lehrgängen teil. „Ich hatte nur ein Buch von Herbert Steffny. Daran habe ich mich orientiert.“

Es blieb Janssen in seinem Arbeitsleben aber nicht viel Zeit, um die Theorie aus der Lektüre auf der Straße oder im Wald umzusetzen. Johann Janssen war von Beruf Maurer. „Zehn Stunden am Tag war ich auf dem Bau.“ Oft schuftete er sogar auf den Inseln wie Baltrum, Juist oder Helgoland.

Die Ossiloop-Sieger von 1983 erhielten einen Erinnerungsteller. Rechts Siegerin Hilde Bontjer (heute Knoop).
Die Ossiloop-Sieger von 1983 erhielten einen Erinnerungsteller. Rechts Siegerin Hilde Bontjer (heute Knoop).

Familie wartete im Ziel

Sobald er aber die Maurerkelle aus der Hand gelegt hatte, zog der Autodidakt die Turnschuhe an und lief noch ein oder zwei Stunden. „Meistens alleine. Da war ich ein Einzelgänger.“ Bei Wettkämpfen tauchte er aber in Gesellschaft auf. Seine Frau Hildegard stand fast immer im Ziel. Und auch die drei Kinder schauten gerne zu, wie der Papa Urkunden und Pokale ergatterte. „Mein Vater kam fast immer als Erster ins Ziel“, erinnert sich Tochter Marion Spinneker, die später eine erstklassige Handball-Torfrau wurde.

Das alles war nicht abzusehen, als Fußballer Johann Janssen 1975 einfach einmal mit zum Lauftreff des TV Osteel beim Forsthaus in Lütetsburg kam. „Die anderen merkten, dass ich verdammt schnell war“, erinnert sich der einst wohl flotteste Maurer der Nation. Johann Janssen fand sofort Gefallen am neuen Sport. Er lief und lief und lief. Ob im Wald, beim Cross, auf der Straße oder auf der Bahn – Janssen mischte vorne mit.

Johann Janssen hatte zu Spitzenzeiten nicht mal einen Trainer. Foto: Lilienthal
Johann Janssen hatte zu Spitzenzeiten nicht mal einen Trainer. Foto: Lilienthal

Mit Marathon-Zeiten für Aufsehen gesorgt

Nach zwei Jahren absolvierte er seinen ersten Marathon. „Das war 1977 in Pewsum“, erzählt er. Der Neuling stellte mit 39 Jahren in unfassbaren 2:39:29 Stunden gleich einen Bezirksrekord auf. Seine Bestzeit von 2:26:41 Stunden folgte 1983 beim Bremer Stadtmarathon. Man mag sich angesichts dieses unglaublichen Talents gar nicht ausmalen, wie schnell Janssen mit einem professionellen Trainer hätte vielleicht laufen können – und wenn er dann noch mit 15, 20 oder 25 mit dem Laufsport begonnen hätte.

Aber der Mann aus Upgant-Schott sorgte auch im fortgeschrittenen Alter für Aufsehen in deutschen Großstädten. Beim Berlin-Marathon belegte er 1982 Platz 50 von 5000 Teilnehmern. Und bei der Senioren-Weltmeisterschaft gewann er 1979 mit der Marathon-Mannschaft in Hannover sogar die Silbermedaille. Auf regionaler Ebene erwies sich Janssen ohnehin meistens als unschlagbar, wie ein dicker Ordner mit Zeitungsartikeln belegt, den Ehefrau Hildegard angelegt hat.

Plötzliches Ende der Karriere

Das Ende der Laufbahn kam ganz plötzlich ein Jahr nach seiner Ossiloop-Premiere. Eine gefährliche Lungenembolie überstand der Athlet 1984 zwar, aber die Lunge war nie mehr so leistungsfähig wie zuvor. So verabschiedete sich Johann Janssen genauso plötzlich aus der Laufszene wie er einst aufgetaucht war. Bis 2020 ließ er es dafür als Boßler von „Goode Trüll“ Upgant-Schott etwas ruhiger angehen.

Einmal kehrte Johann Janssen noch zum Ossiloop zurück. Klaus Beyer, der Erfinder und einstige Organisator des Ossiloops, überredete ihn 1998 zum Start beim Jubiläum. „Er ließ ja keine Ruhe“, sagt der Senior. So lief Ostfrieslands schnellster Janssen vor 24 Jahren bei der 100. Etappe auch mal ein ganz gemächliches Tempo.

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