Fußball

Nach Zuidema-Rauswurf: Germania-Vorstand schweigt

| | 02.05.2022 18:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
War mit einer kurzen Unterbrechung sechs Jahre Germania-Trainer: Michael Zuidema. Archivfoto: Doden
War mit einer kurzen Unterbrechung sechs Jahre Germania-Trainer: Michael Zuidema. Archivfoto: Doden
Artikel teilen:

Nach dem überraschenden Rauswurf von Trainer Michael Zuidema schweigt der Vorstand von Germania Leer weiter. Nicht nur die Kommunikation ist verbesserungswürdig. Eine Bestandsaufnahme des Landesligisten.

Leer - Michael Zuidema redete öffentlich für den Geschmack der Vereinsbosse des VfL Germania Leer zu viel, der Vorstand wiederum tut dies bisher gar nicht. Auch am Tag nach dem überraschenden Rauswurf des langjährigen Trainers am Sonntag im Nachgang des Heimspiels gegen den VfL Oythe (0:1) schweigen die handelnden Personen. Nach etlichen vergeblichen Anrufversuchen unserer Zeitung kündigte der 2. Vorsitzende Ferhat Özdemir lediglich in einer Handy-Nachricht an, dass der Fußball-Landesligist in den nächsten Tagen zu einem Pressetermin einladen werde. Fakt ist: Germania Leer steht vor einem großen Umbruch –  und auch vor einem Scherbenhaufen. Ein Großteil der Spieler verlässt den Verein im Sommer. Hinter dem Team fehlen Strukturen in der Fußball-Abteilung. Unsere Zeitung blickt nochmals auf den Trainer-Rauswurf, die Probleme und die Zukunft.

Wurde am Sonntag entlassen: Michael Zuidema. Foto: Weers
Wurde am Sonntag entlassen: Michael Zuidema. Foto: Weers

Der Trainer-Rauswurf

Michael Zuidema wurde am Sonntag nach der 0:1-Pleite gegen Oythe zu einem Gespräch mit dem Vorsitzenden Michael Zimmermann, 2. Vorsitzenden Ferhat Özdemir und Schatzmeister Friedhelm Penning gebeten. Das Trio teilte Zuidema seine sofortige Entlassung mit. „Es waren keine sportlichen Gründe“, so der Coach. Er hatte in den vergangenen Wochen Missstände öffentlich angesprochen. Man konnte seine ungewöhnlich offenen Worte auch als Hilferuf verstehen, zumal zeitgleich die Abgänge diverser Stammspieler bekannt wurden. Zuvor habe er intern schon vieles angesprochen, geändert habe sich laut Zudema ganz wenig bis nichts. Am Montag verteidigte er deshalb nochmal seine klaren Worte: „Man muss Wahrheiten auch mal aussprechen und sich nicht immer in die Tasche lügen.“

Hinter den Kulissen liegt offensichtlich seit einiger Zeit vieles im Argen. Die Mannschaft führt ein „einsames“ Leben. Die oft zitierten schlechten Rahmenbedingungen führten auch dazu, dass schon zwölf Spieler ihren Abschied verkündet haben. Weitere werden folgen, Zusagen gibt es noch keine. Dennoch hätte sich Zuidema, der mit einer kurzen Unterbrechung seit sechs Jahren Germania trainierte, einen Neuanfang im Sommer vorstellen können. Dabei forderte er mehr Unterstützung und Kommunikation der Vereinsführung. Diesem wurden die öffentlichen Forderungen offensichtlich zu viel. Auch am Montag zeigte sich der Coach enttäuscht, wenngleich er nicht nachtrat. „Ich wünsche Germania nur das Beste. Das ist mein Verein. Ein Verein, der viel Strahlkraft hat – aber es muss sich einiges ändern.“

Die Mannschaft von Germania Leer fällt auseinander. Foto: Doden
Die Mannschaft von Germania Leer fällt auseinander. Foto: Doden

Die Mannschaft

Kapitän Lukas Koets, der im Sommer zu BW Papenburg wechselt, wollte sich nicht äußern. „Tut mir leid, ich will dazu jetzt erstmal nichts sagen.“ Die Mannschaft erfuhr am Sonntagabend über den Coach in der Whats-App-Gruppe von dem Trainerrauswurf. „Wir waren natürlich überrascht, dass das jetzt kurz vor Saisonende passiert. Unser Verhältnis von der Mannschaft zum Trainer war völlig intakt. Die Gründe sind dann offensichtlich andere und liegen auf der Hand“, so Julian Jauken, der nach vielen Jahren beim JFV Leer auch Leistungsträger bei Germania Leer wurde – und nun im Sommer zu TuRa 07 Westrhauderfehn wechselt.

Der Interimstrainer

Frank Bajen war einige Jahre in der Jugendabteilung des JFV Leer tätig und zu Saisonbeginn auch kurzzeitig Co-Trainer bei TuRa 07 Westrhauderfehn. „Ich mache das aus Verbundenheit zum Verein für die letzten sechs Spiele“, so der Leiter des Therapiezentrums des Klinikums Emden. Als Physiotherapeut war er für Kickers Emden in der 3. Liga und GW Firrel in der Landesliga tätig. Am Montag leitete er seine erste Trainingseinheit, Samstag folgt das Heimspiel gegen Steinfeld. Den Abstieg wird auch er nicht mehr verhindern können. Er soll dem Verein nun Zeit verschaffen, einen Zuidema-Nachfolger für den Sommer zu finden.

Der Vorstand

Der Vorstand half in den vergangenen Jahren mit vielen Gesprächen dabei, die hohen Restschulden von rund 720.000 Euro – besonders durch Verzichtserklärungen der Gläubiger – abzubauen. Der Verein ist seit einigen Monaten schuldenfrei. Während viele Germania-Sparten wie Judo oder Leichtathletik – sie stellen die meisten Mitglieder – autark und gut organisiert funktionieren, fehlt es in der Fußball-Abteilung aber an Strukturen, Ämtern und handelnden Personen in vielen Bereichen. Einen Sportlichen Leiter oder ähnliches, der kleine Probleme gar nicht groß werden lässt, sucht man vergebens. Kritiker sagen, bei Kickers Leer sei dies alles viel besser organisiert. Dort ist Ferhat Özdemir 1. Vorsitzender.

Eine ungewisse sportliche Zukunft

Auch ein wichtiger Mann wie Mario Rauch, der über Jahre als eine Art Teammanager fungierte, ist nicht mehr bei Germania aktiv und lässt seit vielen Monaten schon sein Vorstandsamt (offiziell Jugendwart) ruhen. Der „Ur-Germane“ hatte andere Ansichten über die Ausrichtung des Vereins. Er engagierte sich vielfältig im Vorder- (Stadionsprecher) und Hintergrund. Auch dank seiner Kontakte in die Niederlande wechselten die Goguadze-Brüder, Ibrahim Sillah und Alagie Jabbie (beide nun Kickers Emden) in der Vergangenheit nach Leer.

Die Zukunft

Germania wird nächste Saison mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in der Bezirksliga spielen. Das ist kein Drama, dies tat der Klub auch von 2010 bis 2012 und 2016 bis 2019. Doch diesmal ist die Frage: mit welchem Team? Der Unterschied zu früheren Umbrüchen ist, dass diesmal langjährige und oft selbst ausgebildete Spieler wie Lukas Koets, Julian Jauken, Max Schrock-Opitz oder Eike Begemann wechseln. Es geht nicht nur Qualität, sondern auch Identifikation. Ein nicht zu unterschätzender Faktor.

"Ur"-Germane Max Schrock-Opitz (links) wechselt zum SV Holtland. Foto: Doden
"Ur"-Germane Max Schrock-Opitz (links) wechselt zum SV Holtland. Foto: Doden

Auffangen will das der Verein auch mit einigen niederländischen Talenten. Zudem sei man in Gesprächen mit Spielern aus der Region. Wie nachhaltig solch eine Kader-Zusammenstellung dann ist, wird sich zeigen. Wie es in Zukunft mit Germania weitergeht, hängt auch entscheidend davon ab, ob auch neben dem Feld „gute Transfers“ getätigt werden und die Mannschaft um die Mannschaft verstärkt wird.

Ähnliche Artikel