Vereinssport

Ostfrieslands Klubs in der Krise: 32.000 Sportler weniger

| | 07.03.2022 14:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Weniger Kinder als früher betreiben Sport in Vereinen. Der demografische Wandel ist nur eine Ursache. Foto: DPA
Weniger Kinder als früher betreiben Sport in Vereinen. Der demografische Wandel ist nur eine Ursache. Foto: DPA
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In Ostfriesland sind rund 155.000 Sportler in Vereinen organisiert. Vor 20 Jahren waren es mehr als 187.000. Die Auswirkungen der Corona-Krise sind interessant.

Ostfriesland - Keine Frage, Corona hat den Sport schwer getroffen. Doch trotz zwei Jahren mit reichlich Leere in Hallen und Arenen ist der Super-Gau bei den Vereinen ausgeblieben. Ostfrieslands Klubs haben im vergangenen Jahr trotz größter Probleme, Sport überhaupt anzubieten, nur kleinste Verluste erlitten. Die Zahl der Mitglieder sank lediglich um 1,2 Prozent von 157.176 auf 155.244. „Die Sportler haben den Vereinen die Treue gehalten“, sagt die Auricher Kreissportbundvorsitzende Anne Thonicke. „Dafür können wir dankbar sein.“

Doch für Freude oder Erleichterung gibt es noch lange keinen Grund. Denn unabhängig von Corona hat in Ostfriesland seit der Jahrtausendwende ein massiver Sportlerschwund eingesetzt. Die Zahlen klingen dramatisch: In den vergangenen 20 Jahren verloren die Klubs der Region 32.486 Mitglieder. Die Zahl sank von 187.730 auf 155.244.

Vereinstreue lässt stark nach

Der Anteil der Sportmuffel ist sicherlich längst nicht so drastisch gestiegen, wie die Daten es auszuweisen scheinen. „Das Freizeitverhalten hat sich nur verändert“, sagt Jörg Kromminga, der Vorsitzende des Kreissportbundes (KSB) Leer. „Viele Menschen gehen ins Fitnessstudio oder betreiben Sport für sich alleine.“ Auch Ganztagsschulen und veränderte Arbeitszeiten verstärken die Abkehr vom Verein.

Und die Auricher KSB-Vorsitzende Anne Thonicke nennt einen weiteren Grund, warum sinkende Zahlen nicht automatisch weniger Aktive bedeuten. „Früher blieben viele Menschen ein Leben lang Mitglied in ihrem Verein – auch wenn sie längst nicht mehr Sport betrieben haben. Diese Treue gibt es bei den jungen Leuten nicht mehr.“

Whatsapp statt Sportverein

Vielerorts hat der Verein auch nicht mehr die Funktion des sozialen Treffpunkts. „Früher gingen die Menschen auch zum Sport, um andere Leute zu treffen“, sagt Jörg Kromminga. „Um Kontakt zu haben, reicht den Leuten heute ja Whatsapp.“

Doch gerade in diesem Punkt hat offenbar in den Corona-Jahren ein Umdenken eingesetzt. Diesen Eindruck hat jedenfalls Anne Thonicke gewonnen, die neben ihrem KSB-Job als hauptamtliche Geschäftsführerin des MTV Aurich ihr Geld verdient und ehrenamtlich die Geschicke des TuS Hinte leitet. „Die Menschen sehnen sich regelrecht nach realen Kontakten“, sagt sie.

Corona verhinderte Trendwende

Möglicherweise hat diese Sehnsucht schon vorher eingesetzt. Darauf deuten die Daten vor der Corona-Krise hin. In drei der vier ostfriesischen Sportbünde wurde von 2018 auf 2019 nach jahrzehntelangem Abwärtstrend erstmals ein leichter Zuwachs notiert. Lediglich im Kreis Aurich ging die Zahl noch leicht abwärts. Der Kreis Leer verzeichnete hingen einen Anstieg von 570 Mitgliedern auf 49.256. „Wir waren unendlich stolz auf die Kehrtwende“, sagt Jörg Kromminga.

So zeigen sich die Chefs der Sportbünde optimistisch, bald wieder an dieses zarte Wachstumszeichen anknüpfen zu können. Peter Bartsch ist erst seit vier Monaten als Emder KSB-Chef im Amt und hofft auf baldige Normalität im Leben. „Mit Aktionswochen für Kinder und Bewegungscamp wollen wir den Nachwuchs wieder in die Vereine holen“, sagt er und verweist auf abrufbare Gelder für die Klubs. So stelle der Landessportbund 8,9 Millionen Euro für derartige Aktionen zur Verfügung.

Starke Zuwächse in Uplengen

Auch Jörg Kromminga ist fest davon überzeugt, dass funktionierende Vereine bald wieder Zulauf bekommen werden. Er hat sich die Vorjahreszahlen im Detail angeschaut und bei etlichen Vereinen schon im Vorjahr Zuwächse registriert. „VfB Uplengen hat 98 Mitglieder mehr, in Steenfelde sind es 92, in Veenhusen 88 und in Schwerinsdorf 81. Mit guten Angeboten klappt das“, sagt Kromminga. Über ein riesiges Wachstum freut sich im Kreis Aurich der Schwimmerverein Wiesmoor. Die Steigerung von mehr als 35 Prozent hat aber einen simplen Grund. Die Stadt hat dem Klub statt einer nun sieben Nichtschwimmer-Stunden pro Woche ermöglicht. Und die Warteliste war lang.

Gleichzeitig gibt es aber Klubs mit deutlichen Verlusten. So verlor im Kreis Leer der SV Burlage 127 Sportler. Und auch der möglicherweise populärste Klub des Kreisgebiets hat die Wende zum Guten noch nicht geschafft. Germania Leer hat im vergangenen Jahr laut Kromminga 82 Mitglieder eingebüßt.

Die Vereine der Stadt Emden hat es noch weitaus schlimmer erwischt. Dort war der Mitglieder-Verlust im vergangenen Jahr mit fast 5 Prozent mit Abstand am höchsten in Ostfriesland. „Wir werden alles tun, um die Umkehr zu schaffen“, sagt Peter Bartsch. „Das ist unser Ansporn und unsere Aufgabe.“

Jörg Kromminga hofft, dass bald überall aus rot markierten Verlusten wieder grüne Hoffnungszahlen werden. „Die Gesellschaft braucht die Sportvereine. Sonst wäre das Leben viel ärmer.“

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