Sportgeschichte
Leeraner kennt Geheimnis von Englands Örtchen Badminton
Der Leeraner Bernd-Volker Brahms ist Mr. Badminton. Er kennt die Geschichte, besitzt Federbälle von 1870 ebenso wie uralte Siegerpokale. Und er weiß, warum der Sport Badminton heißt.
Leer - Fußball, Handball, Tischtennis – die Namen dieser Sportarten lassen sich leicht ableiten. Aber warum heißt Badminton eigentlich Badminton? Weil im Südwesten Englands jener Ort diesen Namen trägt, von dem aus das Spiel die Welt eroberte. In „Badminton House“, dem Herrschaftssitz der Familie Somerset, finden sich die Ursprünge dieser Sportart. Ein Leeraner ist schon auf dem Landsitz in der Grafschaft Gloucestershire gewesen und hat nach den Ursprüngen des Sports geforscht. Bernd-Volker Brahms begnügte sich als aktiver Spieler mit der Bezirksebene. Als Theorie-Experte, Sammler musealer Schätze und Historiker dieser Sportart ist der 52-Jährige aber absolute Weltklasse.
Brahms besitzt 60 uralte Schläger (einen gar von 1870), genauso alte Federbälle, rund 100 Bücher über seine Leidenschaft (das älteste von 1873), historische Pokale, einen Spielball vom olympischen Herrenfinale 2016 und vieles mehr. „In der Breite gibt es wahrscheinlich niemanden, der so viel über Badminton gesammelt hat“, sagt er.
Siebenmal Gast bei Olympia
Das vielleicht wertvollste Stück Sportgeschichte steht aber nicht in seinem persönlichen Archiv, sondern steckt im Gedächtnis. „Mein Besuch in Badminton House war ein herausragendes Erlebnis“, sagt Brahms, der mit Frau und Tochter in Stendal lebt. Dabei hat der Reporter des MDR-Hörfunks schon bei sieben Olympischen Spielen für verschiedene Medien von seiner Sportart berichtet, er hat den zweifachen chinesischen Olympiasieger Lin Dan getroffen und ein Handbuch des Badmintons geschrieben, das sogar in chinesischer Sprache erschienen ist. „Aber die Geschichte des Sports fasziniert mich ganz besonders.“
Seit seinem ersten Training beim VfR Heisfelde 1983 ließ ihn dieser Sport nicht mehr los. Seinen drei Brüdern ging es nicht anders. Mit dem Spiel alleine wollte sich das Brahms-Quartett bald nicht mehr begnügen. Von 1989 bis 1996 organisierte die Familie das Turnier „Heisfelde Open“ mit bis zu 150 Spielern aus Nord-, West- und Ostdeutschland. „Nach der Wende kamen auch Spieler aus der ehemaligen DDR“, erzählt Bernd-Volker Brahms. „Eine Bekannte hat mir jetzt noch zu Weihnachten geschrieben.“ Sie spielte früher mit der Mutter von Toni Kroos zusammen Badminton. „Tonis Mutter ist mehrfache DDR-Meisterin“, erwähnt der Super-Experte beiläufig ein nettes Detail.
Pioniere aus Indien und England
Doch wertvoller ist ihm anderes Wissen. „Der historische Ansatz wurde für mich zunehmend interessanter.“ So begab er sich auf die ersten Spuren des Sports in Deutschland, die ihn nach Bad Homburg führten. Dort gründete sich 1902 der erste Verein des Landes.
Zu dieser Zeit war Badminton in England und in Indien schon eine Institution. Vermutlich haben laut Brahms englische Offiziere ein Federballspiel nach Indien gebracht. Indische Offiziere waren dann zu Gast in Badminton House, als dort um 1850 erste Wettkämpfe mit einem Netz ausgetragen wurden. „Der Legende nach hat es geregnet. Deshalb sind sie in die Halle des Landsitzes gegangen“, sagt Brahms.
Pokal von 1925 gab es bei Ebay
So entstand in England allmählich der Wettkampfsport. 1873 wurden Regeln niedergeschrieben, 1899 erstmals die All England Championships ausgetragen – das Pendant zum Wimbledon-Turnier der Tennisspieler. Bernd-Volker Brahms besitzt den Pokal der Sieger im Herrendoppel von 1925. Herbert Uber und Arthur Kenneth Jones hatten ihn einst erkämpft. Bei Ebay wurde die Trophäe vor Jahren angeboten.
„Der Besitzer wusste nicht, was er besaß“, sagt Brahms. Der Experte gelangte für läppische 60 Pfund in den Besitz des nur zwölf Zentimeter großen Schmuckstücks. „Ich hätte auch 500 geboten.“ Die Wege des typischen Mini-Pokals aus jener Zeit ließen sich nicht mehr nachvollziehen. Nun aber ziert das Sammlerstück die Vitrine des Sporthistorikers in Stendal.
Traum von Badminton House
Der Leeraner weiß alles über seinen Sport, er besitzt die spannendsten Utensilien, zu denen auch eine Badminton-Briefmarke aus Indonesien von 1958 gehört, und ist trotzdem noch nicht am Ziel.
2019 besuchte er mit einer Gruppe von Funktionären „Badminton House“, das für die Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich ist. Nun arbeitet Brahms daran, dass ihn Henry John Fritz Roy Somerset – er ist ein Cousin 7. Grades von Königin Elizabeth II. – noch einmal persönlich Einlass in seinen Landsitz gewährt. Mit der Zusage würde der 12. Duke of Beaufort dem Ostfriesen einen Herzenswunsch erfüllen. „Ich möchte die Atmosphäre des Hauses zu gerne noch einmal in Ruhe aufnehmen“, sagt Bernd-Volker Brahms. „Viel mehr geht nicht.“
Spätestens nach einem neuerlichen Besuch des geliebten Ortes würde er wohl an einem weiteren Traum arbeiten. „Ich möchte noch mal ein zusammenfassendes Buch über die Geschichte des Badmintonsports schreiben.“ Sein Wissen sollte für einen dicken Wälzer reichen.