Weihnachten in der Kindheit

Weihnachten zwischen Kuhstall und Kirche

| | 10.12.2021 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Andrea Bunjes half auch auf dem Bauernhof schon mal tatkräftig mit.
Andrea Bunjes half auch auf dem Bauernhof schon mal tatkräftig mit.
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Ex-Hammerwerferin Andrea Bunjes wuchs in Neuburg an der Jümme auf. Auf dem Bauernhof ihrer Eltern sorgte sie später für die Menüs.

Hattenheim/Neuburg - Alle Jahre wieder zu Weihnachten taucht Polizeioberkommissarin Andrea Bunjes tief in ihre Vergangenheit ein. Dann verbringt die ehemalige Weltklasse-Hammerwerferin die Tage nicht im südhessischen Hattenheim am Rhein, sondern im kleinen Neuburg an der Jümme.

Dort fühlt sich die Beamtin des Landeskriminalamts Wiesbaden dann wieder ein bisschen wie die Tochter einer Landwirtsfamilie. „Der Hof ist mittlerweile verkauft, aber meine Mutter wohnt gleich nebenan.“ Und der alleinstehende niederländische Bauer, der Gebäude und Land übernommen hat, verbringt das Weihnachtsfest oft bei Familie Bunjes.

Bei Oma auf dem Schoß fühlte sich Andrea Bunjes früher zu Weihnachten geborgen. Rechts daneben ist Schwester Sabine zu sehen.
Bei Oma auf dem Schoß fühlte sich Andrea Bunjes früher zu Weihnachten geborgen. Rechts daneben ist Schwester Sabine zu sehen.

Auch er profitiert von der Heiligabend-Leidenschaft der Olympia-Teilnehmerin (2004 in Athen). Denn alljährlich wird aus der Kommissarin eine Menü-Köchin. Und die Fälle, die sie mittlerweile gemeinsam mit der Mutter in der Küche löst, haben nichts mit Gaunern sondern mit Gewürzen, Gemüsen, Soßen, Suppen oder Süßem zu tun.

Andrea Bunjes bei der WM 2009 in Berlin. Foto: DPA
Andrea Bunjes bei der WM 2009 in Berlin. Foto: DPA

Den Job am Herd hat sie einst selbst gewählt, um die Familie beim so geliebten Fest auf dem Bauernhof kulinarisch zu erfreuen. Denn die Eltern hatten auch an jenen Tagen viel Arbeit und wenig Pause. Zwischen Kuhstall und Kirche blieb schlichtweg keine Zeit für die Küche. Das ging allen Menschen im Ort so. Im beschaulichen Neuburg lebten die Leute nun einmal von der Landwirtschaft. Und weil der Jümmiger Hammrich nicht für Getreide taugte, hatte auch Familie Bunjes jede Menge Kühe. Tiere aber legen nun einmal auch an Festtagen keine Pause bei der Milchproduktion ein. So prägte der Bauernhof auch das Weihnachtsgeschehen.

Melken vor der Kirche

Die Heiligabend-Andacht begann im jährlichen Wechsel mit dem Nachbarort Amdorf um 17.30 oder um 18.30 Uhr. So mussten die Kühe tatsächlich flexibel sein. „Beim frühen Termin begann das Melken schon eine halbe Stunde früher so gegen halb vier“, erzählt Andrea Bunjes.

Vor 40 Jahren gab es zu Weihnachten einen Schlitten (rechts Andrea Bunjes).
Vor 40 Jahren gab es zu Weihnachten einen Schlitten (rechts Andrea Bunjes).

Da steigerte sich bereits die Spannung bei Andrea Bunjes, ihrer älteren Schwester Sabine und ihrem jüngeren Bruder Reinhard. Denn bevor die Neuburger Mädchen und Jungen zu Hause beschenkt wurden, mussten sie in der Kirche an- und auftreten. „Wir waren genügend Kinder im kleinen Ort, um alle Rollen beim Krippenspiel besetzen zu können“, erinnert sich Andrea Bunjes. „Bis ich konfirmiert wurde, habe ich in jedem Jahr mitgemacht.“

Fünf Lieder unterm Weihnachtsbaum

Anschließend ging es eilig nach Hause zum Hof. Bevor die Hammerwerferin dort mit 18 Jahren das Zepter in der Küche übernahm, servierte die Mutter in klassischer Ostfriesen-Manier Kartoffelsalat mit Würstchen. Danach ging es ab in die gute Stube, die in den Tagen zuvor für die kleine Bunjes-Bande nicht zugänglich war. „Wir hatten Eintrittsverbot. Dort hat meine Mama den Weihnachtsbaum aufgestellt und geschmückt“, erzählt Andrea Bunjes. Anschließend wurde ausgiebig unterm Weihnachtsbaum gesungen. „Mindestens fünf Lieder – denn jeder durfte sich ein Lied aussuchen.“

Andrea Bunjes erinnert sich auch noch an ihr schönstes Weihnachtsgeschenk. „Als ich zwölf oder 13 war, gab es für mich und auch für meine Schwester eine Stereo-Anlage.“ Die war fortan nahezu täglich im Einsatz. Weil CD und Internet noch Fremdwörter waren, nahm die junge Andrea viele Lieder im Radio auf. „Da musste man immer aufpassen, dass der Moderator nicht dazwischen quatschte.“

Kommissarin am Kochtopf

Die Stereo-Anlage nutzte die Sportlerin, bis sie Anfang der 2000er Jahre nach Frankfurt umzog. Dort trainierte sie fortan im Nationalkader. So lebt sie nun seit 20 Jahren fernab von Ostfriesland, zaubert aber Heiligabend nach wie vor am Herd in Neuburg. Ob Wild-Menü, ummanteltes Schweine-Filet oder gefüllte Putenrouladen mit Frischkäse und Walnüssen – die Oberkommissarin, die sich den Küchenjob mittlerweile mit der Mutter teilt, lässt sich immer etwas Neues einfallen. Natürlich dürfen auch Vor- und Nachspeisen nicht fehlen.

Welches Menü 2021 aufgetischt wird, steht noch nicht fest. Aber Mutter und Tochter Bunjes werden gewiss wieder für einen Gaumenschmaus sorgen. Denn ohne Kuhstall ist Zeit genug für die Küche.

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