Erdgasförderung

Erdbeben am Dienstagmorgen – war auch die Krummhörn betroffen?

Andreas Ellinger Timo Sager
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Von Andreas Ellinger und Timo Sager
| 16.11.2021 20:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im Nordosten der Niederlande bebte in der Nacht zu Dienstag die Erde. Symbolfoto: Pixabay
Im Nordosten der Niederlande bebte in der Nacht zu Dienstag die Erde. Symbolfoto: Pixabay
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Eines der stärksten Erdbeben in der Provinz Groningen hat sich in der Nacht zum Dienstag ereignet. Nach niederländischen Behördenangaben waren die Erschütterungen mindestens bis Delfzijl spürbar.

Groningen/Ostfriesland - Das war ein Schlag! So beschreiben Betroffene – laut Medienberichten – das Erdbeben, das sich in der Nacht zum Dienstag im Raum Groningen ereignet hat. Das ganze Haus habe kurz, aber heftig gewackelt – so zitiert die Niederländische Rundfunkstiftung (NOS) einen Groninger. Das Zentrum des Bebens war in Garrelsweer, eine knappe halbe Stunde mit dem Auto von der Provinzhauptstadt entfernt, in deren Nordosten.

Um 0.46 Uhr (Weltzeit), also 1.46 Uhr deutscher Zeit, registrierte das Königlich Niederländische Meteorologische Institut (KNMI) eine Magnitude von 3,2: „Das Erdbeben in Garrelsweer ist das fünftgrößte Erdbeben, das jemals in Groningen gemessen wurde.“ Kilometerweit sei es zu spüren gewesen – bis in die Stadt Groningen. Auch die Messtation in Delfzijl, in knapp 13 Kilometern Entfernung vom Epizentrum, zeichnete die Erschütterungen auf.

160 Schadensmeldungen aus dem Erdbeben-Gebiet

Zum Vergleich: Das stärkste in der Provinz Groningen gemessene Erdbeben wies eine Magnitude von 3,5 auf – am 8. August 2006 in Westeremden. Ein Erdbeben in Lastrup (Landkreis Cloppenburg) erreichte am 1. Oktober 2018 einen Wert von 3,6. Ein Erdbeben am 13. September 2021 in Langwedel (Landkreis Verden) hat das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie mit 2,9 erfasst.

Diese Karte vermittelt einen Eindruck vom Erdbebengebiet um Garrelsweer. Das Königlich Niederländische Meteorologische Institut (KNMI) hat darin die Messwerte der maximalen Bodenbeschleunigung grafisch skizziert. Quelle: KNMI / Grafik-Repro: Reil
Diese Karte vermittelt einen Eindruck vom Erdbebengebiet um Garrelsweer. Das Königlich Niederländische Meteorologische Institut (KNMI) hat darin die Messwerte der maximalen Bodenbeschleunigung grafisch skizziert. Quelle: KNMI / Grafik-Repro: Reil

Beim Groninger Institut für Bergbauschäden gingen am Dienstag bis 16 Uhr 204 Schadensmeldungen ein, davon 160 aus dem Wirkungsbereich des Erdbebens. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Zahl der Schadensmeldungen, die das Institut pro Tag zu verarbeiten hat, liegt bei 81. Über das digitale Melde-Portal hinaus seien „mehr als 240 Anrufe“ eingegangen – mindestens 100 mehr als im Durchschnitt. Das Dagblad van het Noorden (DVHN) berichtete, dass aufgrund der Erdbebengefahr – laut Wirtschaftsminister Stef Blok – noch 27.000 Häuser in Groningen geprüft und verstärkt werden müssten. Die Regierung gehe davon aus, dass 13.700 davon einer Verstärkung bedürfen.

Wirkte sich das Groninger Erdbeben auf Ostfriesland aus?

Das Institut für Bergbauschäden veranschaulichte das Erdbebengebiet auf einer Landkarte mit einem Kreis um Garrelsweer – auch ein Zipfel der Krummhörn ist enthalten, im Bereich der Knock. Beim niedersächsischen Landesbergbauamt waren am Dienstagnachmittag aber keine Auswirkungen auf Deutschland bekannt.

Dieses Erdbeben sei – wie schon unzählige andere zuvor im Groninger Raum – ein Ergebnis der Erdgasförderung, erklärt das KNMI auf seiner Internetseite. „Die Bewohner von Garrelsweer erlebten das Beben als eine Bombe, die explodierte und das ganze Haus erschütterte“, berichtet die Staatliche Bergwerksaufsicht der Niederlande (SodM). „Das Beben war von Pieterburen bis Hoggezand und von Delfzijl bis Groningen [...] zu spüren.“ Als von Menschen wahrnehmbar gelten Erdbeben ab einer Magnitude von ungefähr 2,0.

Bei Groningen befindet sich das größte Erdgasfeld Europas

Der Generalinspekteur der Behörde, Theodor Kockelkoren, bedauerte, dass es „so ein schweres Erdbeben“ immer noch geben könne, „obwohl die Gasförderung stark reduziert wurde“. Aktuell gebe es mehr Beben als erwartet: „Das ist besorgniserregend.“ Das Groninger Gasfeld gilt als das größte der Europäischen Union und weltweit als eines der zehn größten. Laut Kockelkoren sind derzeit keine Eingriffe möglich, um die Beben zu stoppen.

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Seine Behörde erläutert: „Die aktuellen Beben sind das Ergebnis der Druckunterschiede, die durch die jahrelange Gasförderung im Groninger Gasfeld verursacht wurden. Die Drücke im Gasfeld werden nicht mehr durch die aktuelle Gasförderung bestimmt, sondern wurden in der Vergangenheit durch Gasförderung aufgebaut.“ Dieser Druckausgleich sorge für einen Druckabfall bei Loppersum. Dadurch entstünden Spannungen an Frakturen im tiefen Untergrund, die zu einem Zittern führen könnten – dieses Mal laut KNMI in drei Kilometern Tiefe.

Noch Jahrzehnte lang kann es zu Erdbeben kommen

Außer der bereits eingeleiteten Verringerung der Gasförderung soll es keine weiteren Möglichkeiten geben, die Erdbeben zu bekämpfen. „Der Druckausgleichsprozess kann Jahrzehnte dauern“, schreibt die Bergwerksaufsicht. „Erst wenn der Druck überall gleich ist, sind keine gasbedingten Erdbeben mehr zu erwarten.“

Ein Sprecher des niederländischen Wirtschaftsministeriums teilte auf Anfrage unserer Zeitung mit, dass ein Ende der Erdgasförderung für das Jahr 2022 beschlossen sei. Am 1. Oktober habe das letzte reguläre Gasjahr begonnen. Danach stehe das Groninger Rohstoff-Vorkommen lediglich für Notfälle zur Verfügung, etwa für sehr kalte Winter. Und das voraussichtlich nur noch bis zum Jahr 2025.