Fußball

Das kleine Fußballmärchen von Müller-Wohlfahrts Heimatdorf

| | 01.10.2021 13:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Es vergeht momentan kein Wochenende, an dem die Leerhafer nicht auf einen Sieg anstoßen dürfen. Sieben Siege und ein Remis lautet die beeindruckende Zwischenbilanz von der Elf von Trainer Andreas Friedrichs (rechts bückend, Zweiter von rechts). Foto: Privat
Es vergeht momentan kein Wochenende, an dem die Leerhafer nicht auf einen Sieg anstoßen dürfen. Sieben Siege und ein Remis lautet die beeindruckende Zwischenbilanz von der Elf von Trainer Andreas Friedrichs (rechts bückend, Zweiter von rechts). Foto: Privat
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Der ostfriesische Heimatort von Star-Sportarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt sorgt bei den Fußballern für Aufsehen. Letzte Saison Letzter, jetzt ungeschlagen Erster: Was ist in Leerhafe passiert?

Leerhafe - Dort, wo einer der berühmtesten Sportmediziner der Welt 1942 während eines Fliegerangriffes geboren wurde, spielt sich gerade ein kleines Fußballmärchen ab. Der langjährige FC-Bayern- und Nationalmannschafts-Arzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wuchs als Pastoren-Sohn im Wittmunder Vorort Leerhafe auf, bevor er Ostfriesland für ein Medizinstudium verließ. Einige Generationen später machen nun rund 20 „Leerhafer Jungs“ in der ostfriesischen Fußballszene Furore und führen mit dem TuS Leerhafe-Hovel fast sensationell die A-Klasse (Staffel I) an.

Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt war rund 40 Jahre Mannschaftsarzt des FC Bayern. Seine Kindheit und Jugendzeit verbrachte er in Leerhafe. Foto: DPA
Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt war rund 40 Jahre Mannschaftsarzt des FC Bayern. Seine Kindheit und Jugendzeit verbrachte er in Leerhafe. Foto: DPA

„Wir können uns diese Serie selbst kaum erklären. Wir freuen uns einfach“, sagt Trainer Andreas Friedrichs. Zum Zeitpunkt des Saisonabbruches standen die Leerhafer vergangene Spielzeit nach zwei Unentschieden und vier Niederlagen als Aufsteiger auf dem letzten Platz. Jetzt grüßen sie nach acht Spielen mit 22 von 24 möglichen Punkten von der Tabellenspitze. Die Konkurrenz staunt und reibt sich die Augen – so wie die Leerhafer selbst. „Selber Trainer, selbe Mannschaft, selber Teamgeist: Bei uns hat sich eigentlich nichts verändert.“

„Fiddi“ ist in Leerhafe unverzichtbar

Was Dr. Müller-Wohlfahrt als Arzt-Koryphäe jahrzehntelang für viele Profifußballer und Sportstars war, ist Andreas „Fitte“ Friedrichs für den TuS Leerhafe-Hovel: unverzichtbar. Der 42-Jährige spielte selbst Ewigkeiten in der 1. Herren, übernahm schon mehrmals den Trainerposten und wirkte bei dem kleinen Dorfverein mehr als 20 Jahre lang als Jugendtrainer. Dass der TuS drei Herren-Mannschaften stellen kann, ist auch mit sein Verdienst. Bis auf Sören Post hat er alle Spieler des Kaders einmal auch in der Jugend trainiert. So wie Jochen und Steffen Schmidt aus Asel. Ihr jüngerer Bruder Marten bekam bis zur C-Jugend das Rüstzeug ebenfalls von „Fitte“ und den TuS-Trainern mit an die Hand. Inzwischen ist er Stammspieler beim Regionalligisten VfB Oldenburg. Als im Frühjahr 2020 nach der ersten Corona-Zwangspause das Training langsam wieder erlaubt war, trainierte auch der Viertliga-Kicker ab und an bei den alten Kumpels mit.

In der vergangenen Saison sammelte Leerhafe (orange Trikots) nur zwei Punkte in sechs Spielen. Die Saison wurde letztlich abgebrochen. Archivfoto: Ortgies
In der vergangenen Saison sammelte Leerhafe (orange Trikots) nur zwei Punkte in sechs Spielen. Die Saison wurde letztlich abgebrochen. Archivfoto: Ortgies

Das kleine Fußballmärchen in Leerhafe begann im Grunde in der Saison 2019//2020, als nach vielen, vielen Versuchen und zweiten Plätzen endlich als B-Klassen-Meister der Aufstieg in die 1. Kreisklasse gelang. Der TuS stieg in der ersten „Corona-Saison“ über die Quotientenwertung auf, lag aber auch klar vorne. Die ebenfalls abgebrochene Spielzeit 2020/2021 wurde dann wegen zu weniger ausgetragener Spiele nicht gewertet. Der letzte Platz mit zwei Punkten in sechs Spielen täuschte über die wahren Spielverläufe jedoch etwas hinweg. „Wir waren nicht chancenlos, hatten ein Torverhältnis von 4:9.“

Zuschauer singen auf einmal Lieder

Jetzt steht der TuS mit sieben Siegen, einem Remis und 22:7 Toren ganz oben. „Spiele, die letzte Saison gegen uns liefen, entwickeln sich jetzt zu unseren Gunsten. Man kann das manchmal auch nicht erklären“, sagt der Trainer. Beim jüngsten 3:0-Sieg in Dunum war sein Team nicht überlegen, nutzte dann einen Abspielfehler zum 0:1 (74.) und legte durch den nun achtfachen Torschützen Marek Bartsch zweimal nach. „Auf einmal führst du 3:0 und denkst dir: Was ist hier denn los?“

Nur ein Spieler aus dem Leerhafer Kader stammt nicht aus der eigenen Jugend. Archivfoto: Ortgies
Nur ein Spieler aus dem Leerhafer Kader stammt nicht aus der eigenen Jugend. Archivfoto: Ortgies

Die Leerhafer genießen den Augenblick und sorgten im Umfeld auch für etwas Euphorie. Es kommen ein paar mehr Zuschauer zu den Spielen. Und in Dunum erlebte TuS-Veteran Andreas Friedrichs etwas völlig Neues: „Ein paar mitgereiste Zuschauer haben während des Spiels sogar ein Fanlied angestimmt.“

Nach dem Traumstart mit schon acht Punkten Vorsprung wird man von Andreas Friedrichs aber keine große Töne hören. Ganz im Gegenteil. Vor der Saison stellte er eine Rechnung auf, dass in der Zehner-Staffel mit den 18 Spielen im Schnitt ein Punkt zum Klassenerhalt reichen sollte. Die 18-Punkte-Marke knackten die Leerhafer schon Mitte September: So früh hat wohl noch kein ostfriesisches Team sein Saisonziel erreicht.

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