Fußball
„Kalle“ und sein Leben zwischen Kirmes und Fußballplatz
„Kalle“ Lübcke ist ein besonderer Bezirksliga-Kicker. Der Mann vom TuS Weene führt in der achten Generation einen Schausteller-Betrieb. Die Geschichte über ein Leben zwischen Kirmes und Fußballplatz.
Weene - Als Kicker ist Carl-Heinz Lübcke, den alle nur „Kalle“ nennen, eine treue Seele. Bis auf kurze Jugend-Gastspiele in Egels und Aurich schnürt er seit 22 Jahren die Fußballschuhe für den TuS Weene. Viel unterwegs ist der defensive Mittelfeldspieler dafür abseits des Platzes – von Berufswegen. Der 26-Jährige ist Schausteller, bereits in der achten Generation. Auch am vergangenen Wochenende war es wieder ein Leben zwischen Kirmes und Fußballplatz.
„Ich bin mit Leib und Seele Schausteller – und ebenso leidenschaftlicher Fußballer. So oft es geht, versuche ich beides unter einen Hut zu bekommen.“ Am Wochenende klappte es mal wieder. Am Sonntagnachmittag verließ er für ein paar Stunden die „Schützenwiese“ in Esens, um beim Bezirksliga-Heimspiel gegen den FC Norden dabei zu sein. Das Abschlusstraining am Freitag war zeitlich nicht drin.„Leider haben wir kurz vor Schluss 0:1 verloren. Danach ging es schnell unter die Dusche und zurück in die Pizzabude.“
Eltern-Liebe auf dem Jahrmarkt
Vor zwei Jahren hat der Schirumer den elterlichen Betrieb übernommen, fährt mit Pizza-, Crêpes- und Popcorn-Buden über die Rummelplätze und Jahrmärkte im Nordwesten. Zwei seiner fünf Geschwister (zwischen 24 und 36 Jahre alt) sind ebenfalls Schausteller geworden. Sie alle führen eine lange Familientradition fort. „Von der Seite meiner Mutter sind wir in der achten Generation. Aber auch mein Vater stammt aus einer Schausteller-Familie, dort können wir es bis zum Ur-Opa zurückverfolgen“, sagt „Kalle“ Lübcke, der während der Volksfest-Saison die Wohnung in Schirum nur selten sieht und im Wohnwagen lebt: Diese Woche hier, nächste Woche dort.
Bei der Familien-Historie ist es irgendwie auch klar, dass sich seine Eltern auf einem Jahrmarkt kennengelernt haben. Sein Vater stammt aus Wilhelmshaven, arbeitete viel mit Festzelten. Die Familie der Mutter kommt aus Südfranken. „Sie waren früher eher die Illusionisten, meine Großmutter sogar noch eine Artistin.“ Die Kinderkarussells und Schießbude der Eltern wurden über die Jahre verkauft.
Geburt startete auf der Kirmes
Sein eigenes Leben begann natürlich auch auf der Kirmes. „Es war gerade Frühlingsfest in Wilhelmshaven, als bei meiner Mama die Wehen einsetzten“, erzählt Lübcke. Seine älteren Geschwister erlebten teilweise noch ein komplettes Schausteller-Dasein, gingen an dem Ort wochenweise zur Schule, wo gerade die Jahrmärkte stattfanden. „Mitte der 90er haben meine Eltern dann ein Haus in Schirum gekauft, da war ich zwei Jahre alt. Ich bin dann auch bei uns immer zur Schule gegangen. Das war dann für meine Eltern und uns Kinder manchmal mit erhöhtem Aufwand verbunden, wenn wir morgens meinetwegen früh aus Bremen Richtung Heimat losgefahren sind und meine Mutter dann mittags mit uns wieder zurückfuhr.“
So wechselten seine Schlafplätze zwischen Wohnwagen und Kinderzimmer. Durch das feste Heim konnte er als Kind auch seine große Leidenschaft Fußball ausüben. Mit dem TuS Weene schaffte er die vergangenen Jahre den ganzen Weg und drei Aufstiege von der B-Klasse bis in die Bezirksliga. Dort geht es für die Ihlower um den Klassenerhalt. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir es schaffen. Wir haben ein herausragendes Klima in der Mannschaft. Man freut sich jedes Mal, die Jungs zu sehen.“
Fußball geht nicht immer
So nimmt der Schausteller auch vieles auf sich, um dabei zu sein. „Das ist einfach bemerkenswert. Beim 1:0-Derbysieg in Aurich kam er an einem Freitagabend direkt von einem Volksfest aus Wilhelmshaven. Nach dem Spiel musste er dort sofort wieder hin. Nachts stieß er dann wieder zur Siegesfeier dazu“, berichtet Trainer Marco Frerichs.
Der Coach und langjährige Mitspieler hat aber auch Verständnis, wenn Lübcke beim Training und Spiel mal passen muss. Das kommt immer mal wieder vor. „Das hängt dann von vielen Faktoren ab. Wie viel ist auf dem Markt los, wie läuft es gerade, kann ich meine Mitarbeiter jetzt für ein paar Stunden alleine lassen? Das sind oft auch kurzfristige Entscheidungen. Aber es geht nicht anders, es ist ja auch mein Beruf.“
Corona traf die Schausteller hart
Auch seine Branche wurde in der Corona-Pandemie hart getroffen. Fast alle Volksfeste fielen 2020 aus, auch 2021 viele. „Ohne die staatlichen Hilfen hätte man diese Zeit nicht überstanden.“ Auch in diesem Jahr ist auch Lübcke wie andere noch teils auf Hilfe angewiesen. Denn alternative Märkte in Friedeburg, Esens und Emden sind die Ausnahme. „Normalerweise sind wir von März bis Dezember auf 40 mehrtägigen Veranstaltungen“, so der passionierte Pizzabäcker. „Das habe ich von meinem Vater gelernt, wir machen alles selber.“
Ob seine Söhne Hjalte (5) und Ben (3) einmal die neunte Schausteller-Generation sein werden, wird man sehen. „Das entscheiden sie später selbst.“ Aber der Papa hat mit 26 Jahren ja auch noch ein langes Schausteller-Leben vor sich. Nach dem Fachabitur hatte er sich zwischenzeitlich umorientiert und ein Bauingenieur-Studium begonnen. Doch der Ruf des Rummels war zu laut, die Leidenschaft zu groß. So wie die für den Fußball. „Ohne kann ich nicht.“