Serie: Leckerst un Best

Trend zu Milchtanke: Bessere Preise durch Direktvermarktung

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 15.04.2021 12:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Landwirt Steffen Hinrichs will für seine Töchter vorsorgen. Damit der Milchviehbetrieb in Hesel auch in Zukunft für die Familien reicht, hat er eine Milchtankstelle eingerichtet.

Christa und Steffen Hinrichs bieten nicht nur Milch an, sondern locken Verbraucher unter anderem auch mit Käse, Eiern und Gemüse.
Christa und Steffen Hinrichs bieten nicht nur Milch an, sondern locken Verbraucher unter anderem auch mit Käse, Eiern und Gemüse.
Hesel - Direkt an der Bundesstraße in Hesel befindet sich Steffen Hinrichs‘ Milchviehbetrieb - und März 2018 auch eine Milchtankstelle. Der Standort scheint optimal. Schätzungsweise etwa 18.000 Fahrzeuge kommen am Tag an der kleinen Holzhütte mit dem Milchautomaten vorne am Hof vorbei. Ein lukratives Geschäft, sollte man meinen. Ganz so einfach ist es aber nicht, schildert der Landwirt. Zum einen ist auf der Bundesstraße eine Geschwindigkeit erlaubt, die nicht unbedingt zum Blick an die Straßenseite einlädt. Werbeplakate dürfen - so will es das Gesetz - nicht zu dicht an der Bundesstraße angebracht werden. Steffen Hinrichs zielt daher mit seinem Angebot zwar auch auf Pendler ab, aber eben auch auf Fahrradfahrer, Fußgänger und Touristen. „Wir wollen jeden einzelnen Verbraucher ansprechen“, so Hinrichs.

So funktioniert eine Milchtankstelle

Milchtankstellen dürfen nur in direkter Nähe des produzierenden Milchbetriebs errichtet werden, erklärt Landwirt Steffen Hinrichs. Täglich werden die rund 100 Kühe auf seinem Hof in Hesel frisch gemolken. Die etwa 37 Grad warme Milch wird dann in einem Milchtank innerhalb von zwei Stunden auf etwa vier Grad runtergekühlt. In der Zeit werden die Kühe gefüttert und auch Familie Hinrichs nimmt ihr Frühstück ein. Die kühle Milch wird in den täglich gereinigten 100-Liter-Bottich des Milchautomaten gefüllt. Alle zehn Minuten wird die Milch darin umgerührt, damit sich keine Sahne bildet.

Kunden können rund um die Uhr in die Verkaufshütte kommen. Sie kaufen sich eine Flasche vor Ort oder bringen ihre eigene mit. Das Geld wird in den Automaten geworfen - ein Liter kostet ein Euro -, die Flasche kommt unter den Zapfhahn und man drückt so lange den Knopf, bis die Flasche voll ist. Weil es sich um Rohmilch handelt, ist der Fettanteil höher als bei Milch im Supermarkt. Er beträgt 4,6 Prozent. Auch sollte die Milch vor Verzehr gut abgekocht werden, um mögliche Keime abzutöten, die eine Durchfallerkrankung auslösen könnten. Weil die Milch nicht homogenisiert wurde, ist sie unter Umständen weniger langer haltbar als Supermarkt-Milch und sollte stets gut gekühlt werden.

In ganz Ostfriesland gibt es Milchtankstellen - etwa in Filsum und Westoverledingen im Landkreis Leer, in Südbrookmerland, Ihlow oder Hinte im Landkreis Aurich, in Friedeburg im Landkreis Wittmund und im Emder Stadtteil Uphusen. Die Ostfriesland Tourismus GmbH hat ein paar gesammelt - hier.

In der ersten Zeit wurden etwa 15 Liter täglich von Kundinnen und Kunden abgezapft. In der Urlaubszeit steigert sich das auf bis zu 50 Liter. Im Durchschnitt rechnet der Landwirt aber mit 25 bis 30 Litern Milch. „In Corona-Zeiten denkt der Verbraucher um, die Nachfrage ist größer“, erklärt er. Nicht nur von dem gestiegenen Interesse an Nachhaltigkeit und mehr Lebensmittelbewusstsein hofft er zu profitieren, sondern auch von dem immer beliebter werdenden Binnentourismus. Weil Milch allein nicht zieht, wie Steffen Hinrichs sagt, bietet er vor Ort auch beispielsweise Eier, Käse, Marmelade, Grillfleisch, Kartoffeln sowie Honig an.

Drei Gründe für eine Milchtankstelle

Eine Milchtankstelle einzurichten, ist nicht günstig. Ein Automat kostet mal locker 15.000 Euro, die Holzhütte 4000 und dazu kommen noch der Strom- und Wasserverbrauch sowie Überwachungskameras, rechnet Hinrichs vor. Rund 50.000 Euro habe er insgesamt investiert. „Es braucht Jahre, bis wir das wieder raushaben.“ Dass er sich mit seiner Frau Christa für diesen „Sprung ins kalte Wasser“ entschieden hat, hat drei Gründe. Damit der Hof auch für die drei Töchter - zwei sind schon in der Landwirtschaftslehre - und deren spätere Familien genug Geld abwirft, sahen sie angesichts eines immer mal wieder sinkenden Milchpreises die Notwendigkeit, den Wert ihres Produkts zu steigern. Denn: Bei der Direktvermarktung der Milch über die Tankstelle kann der Landwirt den Preis selbst festlegen. Liegt der Literpreis, den Molkereien zahlen, bei knapp über 30 Cent, so nimmt Steffen Hinrichs auf seinem Hof einen Euro pro Liter Rohmilch. 2015, als der Milchpreis unter 30 Cent fiel, habe er sich dann entschieden, nicht auf einen größeren Betrieb zu setzen, um die Krise zu meistern. „Das wäre mit den Familienkräften nicht zu schaffen“, sagt er. Stattdessen blieb es bei den 100 Kühen - und dem Traum der eigenen Milchtanke, der dann drei Jahre später wahr wurde.

Neben der Verkaufshütte hat Steffen Hinrichs einen Unterstand errichtet, der Besucher zum Verweilen einladen soll.
Neben der Verkaufshütte hat Steffen Hinrichs einen Unterstand errichtet, der Besucher zum Verweilen einladen soll.
Zum anderen möchte er wieder mehr Nähe zu den Verbrauchern, die beim Kauf der Milch im Supermarkt wohl eher selten an die Produzenten und deren Arbeit denken. „Wir wollen den Verbraucher auf den Hof holen und den Kontakt aufnehmen“, sagt er. Viele wüssten nicht mehr, was Landwirtschaft eigentlich leiste und wie vieles funktioniere. Er will Interessierten im direkten Gespräch Fragen zu seiner Arbeit beantworten und auch Einblicke in den Hof geben. Neben der Tankstelle ist ein Pausenhäuschen für Reisende eingerichtet, damit diese länger auf dem Hof bleiben und Eindrücke aufnehmen.


Auch will Hinrichs sich in den „Landvergnügen“-Wohnmobil-Reiseführer eintragen lassen und drei Stellplätze bereit halten. Bei dem Konzept, bei dem bundesweit mehr als tausend Bauernhöfe mitmachen, können Wohnmobilisten für eine Nacht bei einem Betrieb stehen und diesen dabei auch ein bisschen kennenlernen. Der Besucher-Unterstand wie auch die Stellplätze ziehen natürlich auch darauf ab, dass mehr Produkte auf dem Hof gekauft werden.

Auf dem Betrieb in Hesel gibt es rund 100 Milchkühe.
Auf dem Betrieb in Hesel gibt es rund 100 Milchkühe.
Damit einher geht Steffen Hinrichs‘ Wunsch nach mehr Wertschätzung und -schöpfung. Wenn Menschen direkt auf seinen Hof kommen, sehen, wie er arbeitet, hofft er auf mehr Vertrauen von den Verbrauchern. „Wir sehen die Kuh als Individuum, nicht als Wirtschaftsfaktor“, sagt er. Seine Milch hat die Anerkennung „Weidehaltung“ - wie rund 90 Prozent der Milchtankstellen-Betreiber, mit denen er in Kontakt steht. Dafür müssen die Tiere mindestens 120 Tage im Jahr auf die Weide. „Bei uns sind es acht Stunden an 180 Tagen im Jahr“, sagt Hinrichs. Die Weidehaltung sei auch aus einem anderen Grund für ihn wichtig: Biodiversität. Diese werde dadurch gefördert. Auch sei der Hof durch die Anerkennung verpflichtet, den Kühen nur Futter zu geben, das nicht genmanipuliert ist. Statt Futter aus Übersee aus genetisch verändertem Soja werde auf seinem Hof beispielsweise hiesiges Gras, Raps und Mais. Wer als Milchtrinker Wert auf mehr Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein legt, sollte regional kaufen, findet Steffen Hinrichs. „Der Verbraucher muss auch bereit sein, uns zu unterstützen.“

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