Osnabrück  Expertin erklärt: Warum Social Media für die Politik immer wichtiger wird

Finn L. Streckwaldt
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Von Finn L. Streckwaldt
| 05.05.2026 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Social Media wird immer wichtiger für die Politik. Hier Bundeskanzler Friedrich Merz auf seinem Tiktok-Kanal. Foto: IMAGO/Hanno Bode
Social Media wird immer wichtiger für die Politik. Hier Bundeskanzler Friedrich Merz auf seinem Tiktok-Kanal. Foto: IMAGO/Hanno Bode
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Wie viel Social Media verträgt die Politik? Im Interview erklärt eine Expertin, warum Instagram und Tiktok immer wichtiger werden, warum Politik-Influencer als glaubwürdiger gelten als Berufspolitiker und ob das eine Gefahr für die Demokratie ist.

Während die Debatten über ein mögliches Verbot von Tiktok und Instagram für Jugendliche nicht abreißen, gewinnen die Plattformen für die Politik weiter an Bedeutung. Social Media ist längst eine Arena für politischen Erfolg. Hier wird informiert, unterhalten – und vor allem gekämpft: um Aufmerksamkeit, Deutungshoheit und nicht zuletzt um Wählerstimmen. Die Bertelsmann Stiftung hat diese Entwicklung zuletzt in mehreren Studien untersucht. Im Interview erklärt Projektmanagerin Kira Schrödel, warum Social Media so wichtig für die Politik geworden ist, weshalb Politik-Influencer glaubwürdiger erscheinen als Berufspolitiker – und was das für die Zukunft politischer Kommunikation bedeutet.

Frage: Frau Schrödel, wie wichtig ist Social Media heutzutage für die Verbreitung politischer Inhalte?

Antwort: In unserer Studie haben wir festgestellt, dass soziale Medien für junge Menschen der Hauptkontaktpunkt mit Politik sind. Knapp drei Viertel der jungen Menschen informieren sich dort über das politische Geschehen. Damit liegen sie vor Familie, Freunden oder auch den traditionellen Informationsquellen wie Radio, TV oder Fernsehen und Zeitungen.

Frage: Was ist der Reiz gegenüber klassischen Medien?

Antwort: Zeit am Handy ist für junge Menschen Lebensrealität. Soziale Medien sind schon lange nicht mehr nur Orte der reinen Unterhaltung, sondern vielmehr auch der politischen Meinungsbildung und der Informationsgewinnung. Das Handy bietet einen sehr leichten Zugang dazu, da es im Alltag stets mit dabei ist.

Frage: Welche politischen Inhalte funktionieren auf den Social-Media-Plattformen besonders gut?

Antwort: Wenn wir uns Themen ansehen, dann beispielsweise Migration. Wir sehen, dass Videos über Migration im Durchschnitt 11 Prozent häufiger angesehen wurden. Im Vergleich dazu haben Videos zu Sozialpolitik, Umwelt oder auch Bildung weniger Reichweite.

Frage: Wer entscheidet, was in den sozialen Medien gut läuft?

Antwort: Wenn es um Sichtbarkeit geht, müssen wir über Algorithmen sprechen. Dazu haben wir die Inhalte des Bundestagswahlkampfs 2025 auf Social Media untersucht, unter anderem auf Tiktok. Dabei zeigte sich, dass Beiträge von Parteien in den Feeds junger Menschen unterschiedlich häufig ausgespielt werden. Hier scheint der Algorithmus eine zentrale Rolle zu spielen. Warum diese Unterschiede entstehen, lässt sich nicht eindeutig erklären. Klar ist aber: Manche Parteien profitieren davon, während andere benachteiligt werden und weniger Sichtbarkeit bekommen. 

Frage: Zum Beispiel?

Antwort: Wir sehen, dass die SPD während des Bundestagswahlkampfs über die offiziellen Partei-Accounts die meisten Videos hochgeladen hat; diese wurden aber nur halb so oft in den Feeds junger Menschen angezeigt. Im Vergleich dazu wurde zum Beispiel die Linke fast dreimal so häufig ausgespielt. Videos der AfD wurden fast doppelt so häufig ausgespielt.

Frage: Also bevorzugt der Algorithmus Parteien am Rande des politischen Spektrums.

Antwort: Genau, wir sehen in unserer Untersuchung, dass die Parteien an den politischen Rändern mehr Sichtbarkeit bekommen haben als die Parteien in der Mitte.

Frage: Woran liegt das?

Antwort: Das können wir wegen der Intransparenz der Algorithmen nicht genau erklären. Es war aber wichtig, erstmal wissenschaftlich zu zeigen, was da im Wahlkampf auf Social Media passiert.

Frage: Man hört heutzutage viel von sogenannten Politik-Influencern. Was verstehen Sie darunter?

Antwort: Es gibt keine klare Definition von einem politischen Influencer. Wir haben in unserer Studie Menschen angesehen, die eine hohe Reichweite auf Tiktok und Instagram haben und direkt oder indirekt über politische Inhalte berichtet haben und zudem kein offizielles Parteiamt besitzen oder einer Organisation formell zugeordnet sind.

Frage: Wie erfolgreich sind Politik-Influencer mittlerweile?

Antwort: Unsere repräsentative Umfrage hat ergeben, dass knapp 60 Prozent der jungen Menschen politischen Influencern folgen. Im Vergleich dazu folgen nur 38 Prozent Parteien und Politikern. 

Frage: Warum ist das so?

Antwort: Junge Menschen sehen politische Influencer oftmals als unabhängigere Stimmen, die teilweise auch mehr Vertrauen genießen. Influencer nutzen zum Beispiel häufig den Selfie-Modus, also sprechen direkt in die Kamera. Das wird häufig mit einer Glaubwürdigkeit assoziiert, die jungen Menschen sehr wichtig ist. Sie wünschen sich eine einfache Sprache und Authentizität. Nicht zuletzt sind politische Influencer oftmals jünger als vergleichbare Politiker und damit auch näher an der Lebensrealität junger Menschen. 

Frage: Wie sollten die Öffentlichkeit, Politiker, aber auch die Parteien mit dieser neuen Gruppe von Akteuren umgehen?

Antwort: Politische Präsenz in den sozialen Medien ist keine Frage des Obs. Wer gerade junge Menschen erreichen will, kommt an Social Media nicht vorbei. Zur Erinnerung: Drei Viertel der jungen Menschen informieren sich über Politik in sozialen Medien – das ist ihr zentraler Kontaktpunkt. Wer mit ihnen sprechen will, muss also dort präsent sein. Wir sehen auch, dass die Parteien im vergangenen Bundestagswahlkampf diese Relevanz erkannt haben. 

Frage: Ist diese Verlagerung auf Social Media und auch der Einfluss von Politik-Influencern ein Gewinn oder eine Gefahr für unser politisches System?

Antwort: Es ist vor allem die Gegenwart. Wir sehen, dass sich junge Menschen – und vermutlich auch ein großer Teil der Gesamtbevölkerung – stark über soziale Medien politisch informieren. Dort entstehen ganz neue Berührungspunkte im Alltag, die es früher nicht gab.

Antwort: So funktioniert politische Information heutzutage. Das bringt viele Chancen, aber auch Herausforderungen mit sich. 

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