Oldtimer Der „JEVer-Käfer“ – Familienmitglied auf vier Rädern
Seit 75 Jahren ist der „Brezelkäfer“ untrennbar mit Familie Willms verbunden. Der Oldtimer, Baujahr 1951, ist eine Rarität: Er hat das JEV-Kennzeichen für Jever, das nur noch eine Handvoll Autos hat.
Esens/Wangerland - Dieser knallgelbe VW Käfer ist nicht nur ein Auto – er ist ein Stück Familiengeschichte: „Das Fahrzeug wurde von der ganzen Familie gefahren“, erzählt Robert Willms aus Esens. Mehr als 420.000 Kilometer hat ein Mitglied der Familie Willms aus Rickelhausen in der Gemeinde Wangerland im Alltag, bei Urlauben oder zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten hinter dem Lenkrad des VW Typ 1 mit den getrennten Heckfenstern, den sogenannten Brezelfenstern, zurückgelegt. Gemeinsam mit seiner Frau Adda schwelgt Willms in Erinnerungen, bevor er für die Redaktion seine Garage öffnet.
Es ist ein Modell, das es so kaum noch gibt. Die Serie von Konstrukteur Ferdinand Porsche wurde in dieser Form nur von 1945 bis 1953 produziert. Unter den mehr als 21,5 Millionen von 1938 bis 2003 hergestellten VW Käfern waren vermutlich rund 450.000 Exemplare des „Brezelkäfers“ – je nach Quelle variieren die Angaben hierzu. Gebaut wurde Robert Willms‘ spezieller Käfer im Jahr 1951. Im selben Jahr erfolgte die Erstzulassung. Das Kultauto gehörte seinem Vater Gerd-Anton Willms, bis er im Jahr 2023 im Alter von 91 Jahren starb. „Das war sein erstes Auto.“ Im Dezember 1951 hatte er seine Fahrerlaubnis frisch bestanden.
Käfer ist 75 Jahre mit dem JEV-Kennzeichen auf den Straßen unterwegs
Der Käfer war Gerd-Anton Willms’ erstes Auto, das er für 4600 Mark erworben hatte. In all den Jahren trug das Fahrzeug das Nummernschild „JEV-A 283“. Mittlerweile ist es in ein H-Kennzeichen für weitgehend original erhaltene Autos, die mindestens 30 Jahre alt sind und somit als automobiles Kulturgut gelten, umgewandelt worden. „Das Kennzeichen war das erste und das letzte. Das war uns auch wichtig“, unterstreicht der Sohn des Vorbesitzers Robert Willms. „Mein Vater hat immer Wert auf dieses Jever-Kennzeichen gelegt.“ Seit 1977 wird das nicht mehr vergeben. Laut einer Abfrage beim Landkreis Friesland sind nur noch sechs Pkw mit den Buchstaben JEV unterwegs. Insgesamt sind noch 327 Fahrzeuge gemeldet – darunter 222 landwirtschaftliche Zugmaschinen und 91 Anhänger.
Der 59-jährige Berufsschullehrer an der BBS Wittmund kümmert sich federführend um dieses Erbe seines Vaters, allerdings in enger Abstimmung mit seinen vier Brüdern. „Mein Vater hatte den Wunsch, dass das Auto erhalten bleibt.“ Irgendwie ist es auch für ihn selbst das erste Auto: Der Käfer brachte ihn nach seiner Geburt aus dem Krankenhaus auf den heimischen Hof. Mit ihm fuhr er außerdem seine Braut Adda zum Traualtar. Auf den Wagen war immer Verlass. „Ein absolut zuverlässiges Auto. Es ist seit 75 Jahren immer betriebsbereit“, sagt Robert Willms.
Dieser VW Käfer rollte mal wieder ohne Mängel durch den TÜV
Nicht zuletzt dank guter Pflege ist dieser Oldtimer noch immer fahrtauglich, dabei ist er alles andere als scheckheftgepflegt: Nach 2000 Kilometern Laufleistung wurde beim Wilhelmshavener Händler eine Wartung gemacht. Alle anderen Reparaturen haben Willms’ in der Regel in Eigenleistung erledigt. Die Betriebsanleitung und das originale Bordwerkzeug kamen dafür unzählige Male zum Einsatz. Was sein Vater begann, setzt Robert Willms fort. Er ist nicht der einzige Kfz-Meister in seiner Familie. Wann immer Arbeiten anstehen, entscheiden die Brüder zusammen: „Es ist Teamwork.“ Das ist gut so – nur wenig an dem 75 Jahre alten Käfer erinnert noch an einen heutigen Neuwagen, weshalb vermutlich jeder Kfz-Mechatroniker zunächst mit einer Reparatur überfordert wäre, meint Willms.
Der Erhalt eines Oldtimers ist eine herausfordernde und zeitintensive Aufgabe. „So ein Auto kostet Geld. Man muss die Hand dranhalten.“ Zum Beispiel soll bald der Originalmotor generalüberholt werden. „Ersatzteile muss man erst einmal bekommen. Es ist sehr schwierig, überhaupt etwas zu finden.“ Vieles hat die Familie darum im Verlauf der Jahre zusammengesammelt und eingelagert. Gerade erst ist der Käfer wieder durch den TÜV gekommen. „Ohne Mängel“ – dafür aber mit einem Hinweis, er sei für sein Alter echt gut in Schuss. Der Prüfer wollte sogar unbedingt eine Runde mitfahren, verrät Willms lachend.
Winker statt Blinker: Was der Käfer alles nicht hatte oder hat
Willms stammt von einem großen landwirtschaftlichen Hof im Wangerland. Lange Zeit war der Käfer dort der einzige Personenkraftwagen. „Die halbe Verwandtschaft ist mit dem Auto gefahren.“ 24,5 Pferdestärken hat der Volkswagen – in einer Zeit, in der im Jeverland und in ganz Ostfriesland kaum Autos auf den Straßen fuhren, war das viel. Damals war der Käfer übrigens mausgrau. Irgendwann Anfang der 1970er Jahre ließ Gerd-Anton Willms ihn von seinem Vetter aus Sicherheitsgründen in Rallyegelb von VW lackieren. Vermutlich 1974, erinnert sich der Sohn, der damals live dabei war. Grau in Grau auf den Straßen des Wangerlands. „Das war ihm zu gefährlich.“
Vieles ist längst nicht mehr original an diesem Käfer. Und das hat seine Gründe: „Wir sprechen von einem Auto, das fuhr schon, bevor es den TÜV gab.“ Ursprünglich hatte der Wagen alles Mögliche nicht, was heute zum Sicherheitsstandard auf deutschen Straßen gehört. Beispielsweise hatte er Winker statt Blinker. Die kleinen mechanischen Anzeiger an den Seiten wurden betätigt, wenn das Auto abbiegen wollte. Aus heutiger Sicht undenkbar – also wurden sie irgendwann abgebaut und durch Blinker ersetzt. Die alten Winker aber hoben Willms’ auf. Gemeinsam mit seinen Brüdern will er die wieder anbauen, kündigt Robert Willms an. So gut es eben geht, will er den Oldtimer in den Originalzustand zurückversetzen.
Mit Benzinhahn und Bremsseilen bis zum Nordkap?
Auch sämtliche Beleuchtung wurde im Laufe der Jahrzehnte ausgetauscht. Über eine wirkliche Heizungstechnik verfügt der Käfer nicht. Lediglich die Abluft des luftgekühlten Motors wird ins Fahrzeuginnere geblasen. „Eine Scheibenwaschanlage gibt es auch nicht.“ Ursprünglich hatte das Kfz nicht einmal Seitenspiegel, Sitzgurte, Kopfstützen oder Bremslichter. Dafür hat es einen Benzinhahn. Zudem bestanden die Scheiben in den ersten Jahren aus normalem Fensterglas statt Sicherheitsglas. Bremspedal und Handbremse sind miteinander verbunden. Bremst Willms, wirken vier Bremsseile gleichzeitig auf die vier Räder, erzählt er bei der Fahrt. „Ich denke, jeder Ferrari ist einfacher zu fahren als das Ding.“
Und „das Ding“ ist nicht eben leise, es stinkt und verfügt weder über eine Servolenkung noch über irgendeine Art von Komfort oder Luxus. Robert Willms fährt derzeit keine weiten Touren: „Mal nach Bensersiel, mal nach Neuharlingersiel, mal in die Schule“, zählt er auf. Die weiteste Strecke für den quietschgelben Käfer geht nach Bremen.
In absehbarer Zeit soll das anders werden: Schon Gerd-Anton Willms wollte mit seinem Schätzchen zum Nordkap fahren, dem nördlichsten Punkt Europas. „Aus dieser Reise ist nichts geworden“, bedauert sein Sohn. Adda und Robert Willms wollen diese Tour von etwa 3000 Kilometern aber nachholen. Mit ihrem Wohnmobil haben sie die Strecke schon einmal getestet. Wann sie mit dem Käfer in dieses neue, spannende Kapitel Familiengeschichte aufbrechen, ist noch offen.