Gewalt Jugendbande tyrannisiert Schüler an der IGS Emden
Mehrere Familien berichten von Bedrohungen und Gewalt am Schultor der IGS Emden und auf dem Schulweg. Schule und Polizei reagieren mit mehr Präsenz. Ein runder Tisch soll Lösungen finden.
Emden - „Unsere Kinder gehen seit drei Wochen nicht mehr zur Schule – aus Angst.“ Mit diesen Worten beginnt ein anonymer Beitrag in den sozialen Medien, der derzeit in Emden vielfach geteilt wird. Zunächst wirkt er wie der verzweifelte Hilferuf einzelner Eltern. Doch es zeigt sich: Die geschilderten Vorfälle stehen nicht allein. Mehrere Familien berichten nach Recherchen dieser Zeitung von ähnlichen Erfahrungen – von Bedrohungen, Einschüchterungen und Gewalt unter Jugendlichen im Umfeld der Integrierten Schule (IGS) Emden.
Eine Mutter erzählt der Redaktion von einem Vorfall, der sie bis heute nicht loslässt. Ihr 13-jähriger Sohn sei auf dem Schulweg von einer Gruppe Jugendlicher abgefangen worden. Die Jungen hätten ihn gezwungen niederzuknien, ihn gewürgt und die Situation gefilmt. Das Video sei anschließend verbreitet worden. „Er hatte einfach nur Angst“, sagt sie. Seitdem überlege ihr Sohn jeden Morgen, ob er überhaupt noch zur Schule gehen wolle. Die Mutter hat den Fall zur Anzeige gebracht.
Kein Einzelfall: Immer wieder werden Kinder eingeschüchtert
Nach ihren Worten handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Sie höre immer wieder von Kindern, die eingeschüchtert oder gezielt schikaniert würden. Schulranzen landeten im Kanal, Drohungen kursierten auch über soziale Netzwerke. Auffällig sei, dass viele Vorfälle nicht während der Schulzeit selbst stattfänden, sondern auf dem Schulweg oder direkt vor dem Schultor.
Genau diese Lage beschreibt auch IGS-Schulleiter Olaf von Sacken. Bedrohungssituationen auf dem Schulweg sowie im Umfeld der Schule würden „tatsächlich wiederholt gemeldet“, erklärt er auf Anfrage. Solche Situationen habe es aber „auch schon in der Vergangenheit“ gegeben. Die Schule arbeite eng mit der Polizei zusammen und rate Eltern, die Kinder nicht allein, sondern in Gruppen zur Schule zu schicken und die Vorfälle anzuzeigen. Viele Familien zögerten jedoch. Manche glaubten, es passiere ohnehin nichts, wenn mutmaßliche Täter noch nicht strafmündig seien. Dabei zeige bereits eine polizeiliche Täteransprache häufig Wirkung, so von Sacken.
Die Möglichkeiten der Schule sind begrenzt
Gleichzeitig macht der Schulleiter deutlich, dass schulische Handlungsmöglichkeiten Grenzen haben. Wenn beteiligte Jugendliche Schülerinnen oder Schüler der IGS seien, könnten Ordnungsmaßnahmen wie Suspendierung vom Unterricht und außerschulischen Veranstaltungen, die Querversetzung in eine Parallelklasse oder auch der Ausschluss von der Klassenfahrt folgen. Häufig gehe die Bedrohung jedoch von Jugendlichen anderer Schulen aus. „Bei außerschulischen Konflikten, die sich im Freizeitbereich oder am Wochenende zutragen, haben wir kaum eine Handhabe“, sagt von Sacken.
Die Schule reagierte dennoch in einem ihr möglichen Rahmen. Die Aufsicht vor allem im Bereich der Fahrradständer sei deutlich verstärkt worden. Lehrkräfte zeigten dort zusätzliche Präsenz. Auf Bitte der Schule fahre die Polizei bereits seit längerer Zeit häufiger Streife im Umfeld. Gleichzeitig werde über bauliche Lösungen diskutiert, etwa Veränderungen im Bereich der Fahrradabstellplätze. Eine endgültige Entscheidung stehe jedoch noch aus.
So reagiert die Stadt Emden
Auch die Stadt Emden ist inzwischen involviert. Sie nehme Berichte über Gewalt- und Bedrohungsvorfälle an Schulen sehr ernst, wie Stadtsprecher Eduard Dinkela auf Nachfrage mitteilt. Vor diesem Hintergrund sei ein runder Tisch unter dem Titel „Schule und Sicherheit“ mit allen relevanten Akteuren einberufen worden.
Ziel dieses Treffens sei es, die aktuelle Lage in einem institutionsübergreifenden Austausch gemeinsam zu bewerten, bestehende Präventions- und Interventionsstrukturen zu analysieren und bei Bedarf gezielt weiterzuentwickeln.
Elternrat befasst sich schon länger mit dem Thema
Die Elternvertretung bestätigt, dass die Sorgen bereits länger Thema sind. Stadtelternratsvorsitzende Zerrin Mentjes berichtet, dass im Schulelternrat am 13. April 2026 eine „erhöhte Gewaltbereitschaft insbesondere im Bereich vor dem Schultor“ wahrgenommen worden sei. Gemeinsam mit der Schulleitung sei beschlossen worden, die Lehrerpräsenz nach Schulschluss zu erhöhen. Aus Sicht des Stadtelternrates könne dies jedoch keine dauerhafte Lösung sein. „Die Verantwortung für sicherheitsrelevante Aufgaben darf nicht allein bei den Schulen und Lehrkräften liegen“, betont Mentjes.
Nach ihrer Einschätzung handelt es sich nicht um ein isoliertes Problem einer einzelnen Schule. Vielmehr spielten Kontakte und Konflikte zwischen Schülerinnen und Schülern verschiedener Schulen eine Rolle. Nachdem über TikTok und Facebook weitere Vorfälle bekannt geworden seien, habe der Stadtelternrat sofort die Stadt Emden informiert und gemeinsam mit der Polizei eine stärkere Präsenz angeregt.
Dass Kinder aus Angst dem Unterricht fernbleiben, sei der Elternvertretung zunächst nicht bekannt gewesen. Diese Entwicklung bezeichnet Mentjes als „wirklich sehr ernst und besorgniserregend“. Ziel müsse es sein, dass alle Kinder „ohne Angst am Schulalltag teilnehmen können“.