Osnabrück Debattenkultur im Netz: Wer schweigt, lässt die Falschen gewinnen
Wegen des rauen Tons in sozialen Medien ziehen sich viele Nutzer aus Debatten zurück. Dieses Schweigen der Mehrheit hat weitreichende Konsequenzen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie, sorgt sich Meinungsforscher Rainer Faus.
Das Internet ist schon lange kein Neuland mehr, sondern einer der zentralen Orte für die Entstehung öffentlicher Meinung. Wer verstehen will, warum sich Stimmungen verändern, wie Gesellschaft fragmentiert und warum wie gewählt wird, muss dorthin schauen, wo Menschen täglich diskutieren, streiten oder auch schweigen: in die gar nicht mehr so sozialen Medien.
Genau dort haben wir ein Problem. Unsere aktuelle Analyse digitaler Diskussionsräume zeigt, dass sich mehr als zwei Drittel der deutschen Internetnutzenden soziale Medien als Raum für konstruktive Diskussionen wünschen, fast so viele sehen sie aber aktuell als nicht geeignet dafür.
Die Stimmung im Netz ist schlecht und Menschen verhalten sich dort aggressiver als im echten Leben. Soziale Medien werden zunehmend als Ort genutzt, um digital realen Frust abzulassen. Für jeden Dritten bedeutet Meinungsfreiheit im Internet, dass jede Meinung geäußert werden darf, auch Beleidigungen und Falschbehauptungen. Algorithmen verstärken extreme Meinungen und belohnen polarisierende Beiträge mit Reichweite. Wer differenziert argumentiert, verliert gegen Zuspitzung.
Problematisch ist, was deswegen passiert: „Silencing“ nennt sich das Phänomen, bei dem sich Menschen systematisch zurückziehen. Manche lesen nur noch mit, beteiligen sich aber nicht mehr, posten, widersprechen und korrigieren nicht. Wer keine Lust auf schlechte Laune oder Beschimpfungen hat, bleibt still.
Schon jetzt beteiligt sich nur eine kleine, dafür aber laute Minderheit an Diskussionen. So entstehen verzerrte Öffentlichkeiten. Nicht, weil die Mehrheit radikal wäre – sondern weil die Mehrheit leise ist.
Dass das kein theoretisches Problem ist, zeigen Studien zu Hass im Netz und Desinformation seit Jahren: Ein erheblicher Teil der Nutzer vermeidet es bewusst, sich an Diskussionen zu beteiligen. Manipulation durch Desinformation und Bot-Netzwerke werden als reale Bedrohung für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt wahrgenommen.
Dabei sind die Wünsche der Nutzer klar: Es wird ein respektvollerer Umgangston gewünscht; darüber hinaus ist die konsequente Löschung von Beleidigungen und Falschbehauptungen eine beliebte Forderung. Plattformen sträuben sich und die Politik scheut den Konflikt.
Zwar hat sich Europa in den letzten Jahren mit durchaus ambitionierten Ansätzen als Regulierer digitaler Plattformen positioniert, aber in der Praxis zeigt sich immer wieder: Der Nachweis, dass sich große Plattformen nicht an europäische Regeln halten, ist aufwendig, die Durchsetzung zäh. Abhängigkeiten von Ländern wie China und den USA, aus denen alle großen Plattformen kommen, sind enorm, die Machtverhältnisse nicht ausgeglichen.
Wenn einzelne Plattformen faktisch die Infrastruktur öffentlicher Debatte kontrollieren, reicht es nicht, Regeln zu formulieren. Man muss sie auch durchsetzen können und wollen, was die EU aktuell nicht tut.
Es liegt aber nicht nur an Plattformen oder der Politik, es liegt auch an uns. Daran, ob wir widersprechen, wenn Unsinn verbreitet wird. Ob wir respektvoll bleiben, auch wenn andere es nicht sind. Ob wir differenzieren, wo andere vereinfachen. Das ist anstrengender als ein schneller Kommentar und bringt erst mal wenig Likes, aber es macht einen Unterschied.
Das ist kein abstrakter Appell, sondern hat konkrete Folgen. Wenn sich vor allem die durchsetzen, die am lautesten und aggressivsten auftreten, prägt das den Ton insgesamt. Es verschiebt die Grenzen dessen, was als normal und angemessen gilt, und verzerrt die Wahrnehmung, welche Meinungen eine Mehrheit haben.
Am Ende entscheidet sich daran aber mehr als nur die Qualität einzelner Diskussionen. Es geht darum, ob öffentliche Debatten in sozialen Medien wieder ein Ort werden, an dem unterschiedliche Sichtweisen sichtbar werden – oder ob sich ein Stil durchsetzt, der viele zum Schweigen bringt. Wenn Letzteres geschieht, gewinnen nicht einfach andere Meinungen. Dann gewinnen die Falschen.