Osnabrück Sechs Monate auf See: Osnabrückerin Beeke Cramer überquert mit 16 Jahren zweimal den Atlantik
Beeke Cramer tauschte das Klassenzimmer gegen ein Segelschiff und erlebte eine sechsmonatige Reise, die sie von Europa über den Atlantik bis in die Karibik führte. Ihr Alltag an Bord bestand aus Unterricht auf See, Nachtwachen und dem Leben auf engem Raum.
Mit 16 Jahren hat Beeke Cramer aus Osnabrück ein halbes Jahr auf einem Segelschiff verbracht – und gleich zweimal den Atlantik überquert. Von Oktober 2025 bis April 2026 wurde das Segelschiff der Berliner Organisation Ocean College zu ihrem Zuhause. Mit an Bord: rund 30 Jugendliche, vier Lehrkräfte und die Crew.
Von Amsterdam aus ging es Richtung Süden – an Spanien und Marokko vorbei, über die Kanaren und die Karibik bis nach Mittelamerika – und schließlich wieder zurück über den Atlantik nach Europa – insgesamt rund 12.000 Seemeilen.
Die Idee zu dieser Reise kam nicht von ungefähr: Bereits Beekes Bruder Ole war zwei Jahre zuvor mit dem Ocean College, einer privaten Organisation aus Berlin, auf der gleichen Tour unterwegs gewesen. „Seine Bilder und Geschichten haben mich total begeistert – da wusste ich, das will ich auch machen“, erinnert sich die 16-Jährige.
Unterstützung bekam sie von ihrer Mutter Mareike: „Das war eine einmalige Chance für Beeke, so die Welt zu erkunden. Ich wollte unbedingt, dass sie an der Reise teilnimmt.“ Und das auch, obwohl Beeke vorher nicht gesegelt ist. Bei einem zehntägigen Probesegeln vom Ocean College im Sommer 2024 konnte sie herausfinden, ob das etwas für sie ist.
Der Alltag an Bord hatte wenig mit dem gewohnten Schulleben zu tun – und war doch eng damit verbunden. Klassenzimmer gab es nicht. Unterricht fand an Deck oder im Gruppenraum statt. „Wir saßen draußen in der Sonne und haben gelernt – das hat sich gar nicht wie Schule angefühlt“, berichtet Beeke. Und manchmal wurde der Unterricht unterbrochen: „Wenn Delfine um das Schiff geschwommen sind, haben wir alles stehen und liegen lassen und sind rausgerannt.“
Gelernt wurde trotzdem viel. Neben klassischen Fächern wie Mathe, Deutsch, Englisch oder Geschichte richtete sich der Unterricht oft nach der Reise selbst. „Wenn wir einen Fisch gefangen haben, haben wir ihn im Biounterricht seziert“, erinnert sich die Schülerin. Auch Plankton wurde gesammelt, mikroskopiert und gezeichnet.
Doch Schule war nur die eine Seite. Die andere hieß: Wache halten. Im Wechsel – ein Tag Unterricht, ein Tag Borddienst. Acht Stunden täglich, aufgeteilt in zwei Schichten. Steuern, Ausschau halten, Segel setzen, Navigation – aber auch putzen, kochen und vorbereiten. „Nachts bei Regen und Wind aufzustehen war hart – besonders, wenn alles dunkel war und das Schiff stark geschaukelt hat. In der kältesten Nacht hatte ich einmal neun Schichten Kleidung an“, sagt Beeke.
Besonders eng war das Leben an Bord. Vier bis sechs Jugendliche teilten sich eine kleine Kabine. „Allein sein gab es nicht“, erzählt Beeke. „Aber das war auch das Schöne: Es war immer jemand da, der mir zuhört oder mir hilft.“
Denn einfach war es nicht immer: Gleich zu Beginn geriet das Schiff im Ärmelkanal in einen Sturm. Viele wurden seekrank – auch Beeke. „Mir ging es richtig schlecht“, sagt sie. „Fast alle mussten sich übergeben. Das war ein spezielles Kennenlernen.“
Besonders an Weihnachten und Silvester habe sie Heimweh gehabt. Weihnachten verbrachte die Gruppe vor Martinique in der Karibik, Silvester auf dem Wasser. „Aber die anderen waren immer da, sodass wir uns gegenseitig trösten konnten.“
Und es gab sie, die besonderen Augenblicke: Sonnenaufgänge mitten auf dem Atlantik oder sternenklare Nächte, in denen Meer und Himmel zu verschmelzen schienen. „Ich vermisse das Schaukeln und die Geräusche vom Schiff total – genauso wie die Sonnenauf- und -untergänge und das Sterne-Gucken“, berichtet sie.
Auch die Zeit an Land hinterließ Eindruck. In Costa Rica arbeiteten die Jugendlichen auf einer Kaffeefarm, ernteten und verarbeiteten Bohnen selbst. „Wir haben unseren eigenen Kaffee gemacht – und der hat richtig gut geschmeckt“, erinnert sich Beeke. Anschließend fuhren sie mit Bananenbooten zu den Ureinwohnern Costa Ricas, den Bribris, in den Dschungel und lebten dort eine Woche lang fernab jeder gewohnten Infrastruktur.
Ein weiteres Highlight waren die San-Blas-Inseln vor der Küste Panamas. „Dort hat uns das indigene Volk der Guna seine Insel gezeigt. Außerdem haben wir mit den einheimischen Kindern gespielt, geschnorchelt und Muscheln gesammelt“, erzählt die 16-Jährige.
Handys spielten auf der sechsmonatigen Reise kaum eine Rolle. Die meiste Zeit gaben die Jugendlichen sie ab. „Ich habe mein Handy nicht vermisst.“ Stattdessen wurden abends Spiele gespielt, Briefe geschrieben oder einfach erzählt.
Bereits wenige Tage nach ihrer Rückkehr nach Deutschland traf sich die Gruppe per Videokonferenz. „Wir haben uns alle sehr vermisst und mussten uns direkt wiedersehen“, sagt Beeke. Und vielleicht ist es genau das, was dieses halbe Jahr ausmacht: „Es war wie eine zweite Familie – und eine Zeit, die ich nie vergessen werde“, erklärt sie.
Kaum zurück in Osnabrück, ist von Stillstand keine Spur. Nur zwei Wochen bleibt Beeke zu Hause. „Ich freue mich total, meine Freunde wiederzusehen“, sagt sie. Anfang Mai geht es für sie bis Ende Juni weiter zu einem Sprachkurs nach Südengland. Anschließend kehrt sie ab August wieder in den Schulalltag zurück – nach einer Zeit, die sie so schnell nicht vergessen wird.