Bremen Jeden Tag Alarm: Wie in der überfüllten JVA Bremen der Frust steigt
Schon seit Monaten gibt es in Bremen mehr Gefangene als Haftplätze. Eine Entspannung ist nicht in Sicht. Was das für Folgen für die Mitarbeiter und die Häftlinge hat.
Katastrophal, gefährlich, ein Armutszeugnis: So beschreibt ein Strafverteidiger, der in fast 40 Berufsjahren nahezu alles gesehen haben dürfte, die Lage in Bremens Gefängnissen. Harte Worte, aber wohl keine Übertreibung. Der Stadtstaat kämpft schon länger mit zu vielen Insassen. Nach Angaben der Justizbehörde gibt es 717 Haftplätze, aber es gibt 742 Menschen, die hier momentan einsitzen.
Die Folgen kommen einem Ausnahmezustand gleich: Seit Dezember werden in Bremen keine Ersatzfreiheitsstrafen mehr vollstreckt. Bis Anfang Mai soll das offiziell noch so bleiben. Betroffen sind vor allem Kleinkriminelle, die eine Geldstrafe nicht bezahlt haben und deshalb hinter Gitter kommen. Bundesweit verbüßen zehn Prozent aller Häftlinge eine solche Strafe.
„Wir platzen aus allen Nähten“, sagt Sven Stritzel, Personalratschef der JVA Bremen und Vorsitzender des Landesverbands der Strafvollzugsbediensteten. Dass es inzwischen häufiger zu Konflikten unter den Häftlingen kommt, bestätigt er. Täglich werde deshalb Alarm ausgelöst. Viele Mitarbeiter seien zunehmend frustriert, berichtet er. Und immer mehr fielen krankheitsbedingt aus. „2025 lag der durchschnittliche Krankenstand bei 33 Tagen.“ Die Überfüllung trage erheblich dazu bei.
Was die Überbelegung für die Insassen bedeutet, schildert der Strafverteidiger so: Einzelzellen werden doppelt belegt, nicht alle Gefangenen können an Sport- und Freizeitangeboten teilnehmen, und die Bediensteten kommen kaum noch dazu, für jeden Häftling rechtzeitig einen individuellen Vollzugsplan zu erstellen. In diesen Plänen wird festgelegt, welche Ziele während der Haft erreicht werden sollen – auch mit Blick auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft.
Die Enge schlägt offenbar auf die Stimmung. Das Aggressionspotenzial steige, heißt es, auf beiden Seiten. Auch wenn der Aufnahmestopp bald auslaufen soll, geht der Verteidiger nicht davon aus, dass danach sofort wieder mehr Menschen in Bremen wegen Bagatelldelikte inhaftiert werden.
Der JVA-Beamte Stritzel warnt: „Wir kommen unserem Resozialisierungs-Auftrag nicht mehr nach.“ So fehle das Personal, um die nötigen Einzelgespräche mit den Gefangenen zu führen. Außerdem kritisiert er, dass Bremen Straftäter aus Niedersachsen aufnimmt. Trotz der Überlastung.
In dem Stadtstaat ist es nämlich so: Wird in Bremen jemand mit einem niedersächsischen Haftbefehl festgenommen, wird die Strafe auch hier verbüßt. Allerdings nur, wenn die Haftzeit bei höchstens 180 Tagen liegt. „Wer in Niedersachsen lebt, sollte dort auch seine Strafe verbüßen“, sagt Stritzel. Er fragt sich, warum diese Regelung angesichts der Überlastung nicht vorübergehend ausgesetzt werde.
Die Bremer Justizbehörde sieht dafür keine Möglichkeit. Ein entsprechender Erlass müsste aus Niedersachsen kommen, teilt eine Sprecherin der Justizbehörde mit. „Das wird nicht passieren und würde bei den vielen niedersächsischen Staatsanwaltschaften wohl auch zu Unverständnis und Verwirrung führen.“
Bremen ist mit seinen Problemen nicht allein: Viele Gefängnisse in Deutschland arbeiten am Limit. Mit einer Auslastung von 103 Prozent ist Bremen aber Spitzenreiter bei der Überbelegung. Dennoch zeigt sich die Justizbehörde optimistisch. Die Aussetzung der Ersatzfreiheitstrafen werde „sicher“ am 3. Mai 2026 enden. Im Sommer gebe es erfahrungsgemäß weniger neue Häftlinge, im Herbst solle zusätzliches Personal für Entlastung sorgen.
Doch mit spürbar sinkenden Gefangenenzahlen rechnet niemand. Auch Sven Stritzel blickt skeptisch nach vorn: „Wir können nicht ausschließen, dass wir Häftlinge künftig in Turnhallen oder Containern unterbringen müssen.“
Selbst eine Verlängerung des Aufnahmestopps ist nicht ausgeschlossen. Ursprünglich sollte die Maßnahme bereits Ende Februar enden. Doch unabhängig davon, sagt Stritzel, bleibe Grundproblem bestehen: zu wenige Haftplätze, zu wenig Personal.