Osnabrück Debütantin geschnitten? Was der Literaturskandal um den Roman „Gittersee“ von Charlotte Gneuß zeigt
Mit „Gittersee“ hat Charlotte Gneuß ein fulminantes Romandebüt hingelegt. Jetzt wird bekannt, wie Autorenkollegen gegen das Buch Stimmung machten. Dabei geht es nicht nur um Frauenfeindlichkeit.
Eine junge Autorin publiziert einen Roman in einem durchaus relevanten Verlag. Ein älterer Autor reagiert auf die Publikation mit einer „Mängelliste“, die er dem Verlag zusendet. Später wird diese Liste von einem zweiten älteren Autor an die Jury des Deutschen Buchpreises weitergereicht, die das Buch auf ihre Longlist genommen hatte. Haben hier Platzhirsche des Literaturbetriebes einer Debütantin den Karrierestart verhagelt? Ist der Literaturbetrieb eben doch eine zutiefst frauenfeindliche Zone?
Die Kontroverse um Denis Schecks Totalverrisse der Bücher von Elke Heidenreich, Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy schwelt noch immer, da hat die Literaturwelt gleich ihren nächsten Skandal. Wieder geht es um den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit, wieder um die Frage, wann die Kritik an Literatur in Machtmissbrauch kippt.
Worum geht es? Der Autor Ingo Schulze, der mit „Simple Storys“ 1998 einen Klassiker der Wende-Literatur publiziert hat, erstellt zu dem 2023 publizierten Roman „Gittersee“ von Charlotte Gneuß eine „Mängelliste“ historischer Details, die in dem Buch der jungen Autorin – sie könnte Schulzes Tochter sein – historisch nicht korrekt wiedergegeben sein sollen. Die Sache kommt erst jetzt ans Licht, auch mit der Weiterung, dass Autor Frank Witzel diese Liste an die Vorsitzende der Jury des Deutschen Buchpreises weitergereicht haben soll.
Ein in der DDR geborener Autor erstellt eine Unterlage, die er an der betroffenen Autorin vorbei an ihren Verlag weiterreicht – und das im Hinblick auf einen Roman, der das Thema der Staatssicherheit der DDR behandelt. Das ist viel mehr als ein Detail im Literaturbetrieb, der dem freien Wort ebenso verpflichtet sein muss wie der Transparenz der Kritik. Kritik darf deutlich ausfallen, darf scharf formuliert sein. Aber sie muss sich auf Bücher beziehen, nicht auf Menschen. Und es muss ihr erkennbar um jene Kriterien gehen, die helfen, gute von weniger guter Literatur zu unterscheiden. Nur so wird das Leben mit Literatur schöner.
Dieser Punkt ist in meinen Augen wichtiger als die vorschnelle Reaktion, mit der nun auch diese Causa unter der Überschrift der Frauenfeindlichkeit rubriziert wird. Männer haben die Macht, Frauen eher nicht: So lauten nun viele Kommentare. Ist das wirklich so? Verfügen Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, PEN Berlin-Mitbegründerin Eva Menasse oder Thea Dorn, Gastgeberin des „Literarischen Quartetts“, etwa nicht über Definitionsmacht im Literaturbetrieb?
Mir gefällt nicht, wie hier renommierte Autoren wie Heckenschützen aus der zweiten Reihe schießen. Ich mag die Lust an der Hintertragung, die sich in solchen Manövern zeigt, ebenso wenig wie der schale Geruch schäbigen Denunziantentums, der dieses Musterbeispiel der Kleinlichkeit umweht.
Mich erstaunt vor allem, wie leichtfertig hier ein Roman am Maßstab der Faktentreue gemessen wird. Ein Roman faltet eine fiktionale Handlung aus. Er ist kein Geschichtsbuch, das zu Recht dem Faktencheck standzuhalten hat. Die Wahrheit erfundener Handlungen und Charaktere liegt auf einer anderen Ebene, ist nach anderen Maßstäben zu beurteilen. Seltsam, dass dies nun erst wieder klargestellt werden muss.
Dabei gibt es genügend berühmte Beispiele, die genau diese Differenz illustrieren. Thomas Manns „Buddenbrooks“ feiern gerade Jubiläum. Der Roman erschien vor 125 Jahren. Thomas Mann musste sich 1901 bitterer Vorwürfe erwehren, er habe mit dem Buch seine Heimatstadt Lübeck falsch dargestellt, erkennbar abgeschilderte Menschen in den Schmutz gezogen. Später wurde Mann gerade mit Hinweis auf die „Buddenbrooks“ mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Sein Buch erklärt eine ganze Epoche, ohne mit jeder Einzelheit eine historische Wahrheit abbilden zu müssen.
Ja, jetzt ist der jungen Autorin Charlotte Gneuß beizuspringen. Viel mehr aber noch ist die Literatur gegen Ankläger zu verteidigen, die sich wie Stasi-Denunzianten aufführen. Wer über Literatur und ihren Anspruch streiten will, soll das tun – aber bitte mit offenem Visier. Der Roman „Gittersee“ braucht übrigens keine Verteidigung mehr. Er ist bereits sehr erfolgreich. Sogar im Deutschunterricht ist der Roman schon gesetzt. Und der angeblich so frauenfeindliche Literaturkritiker Denis Scheck bescheinigte Charlotte Gneuß seinerzeit „ein sehr, sehr starkes Debüt“.