Poel „Man sollte ihn in Ruhe lassen“: Tierarzt kritisiert Wal-Rettung in der Ostsee deutlich
Trotz aller Rettungsversuche wächst die Kritik im Wal-Drama in der Ostsee: Ein Tierarzt hält es für falsch, weiter einzugreifen – und plädiert dafür, das Tier in Ruhe zu lassen. Warum er die Maßnahmen für riskant hält und was jetzt passieren könnte.
Die Helfer geben nicht auf: Nach den bisherigen missglückten Rettungsversuchen soll der vor Poel gestrandete Buckelwal nun mithilfe eines Lastkahns aus der Ostsee gezogen werden. An diesem Donnerstag, 23. April, soll das Vorhaben in die Tat umgesetzt werden. Doch nachdem sich der Wal in den vergangenen Tagen immer wieder festgesetzt hat, kommt mittlerweile die Frage auf: Sind all die Versuche aus tiermedizinischer Sicht überhaupt sinnvoll oder sollte man der Natur ihren Lauf lassen?
Carsten Rehder ist Tierarzt und zugleich Vizepräsident der Tierärztekammer Schleswig-Holstein. Dort sei die einhellige Meinung: „Man sollte den Wal jetzt eigentlich in Ruhe lassen.“ Natürlich sei er kein „Wal-Experte“, sagt Rehder, aber ein Wal ist ein Wildtier, und für Wildtiere sei jeglicher Kontakt mit Menschen purer Stress. „Der Wal scheint sich ja immer wieder auf eine Sandbank zu legen, um zu sterben. Und wird jetzt aber immer wieder verscheucht.“
Tierärzte, erklärt Rehder, sind übrigens grundsätzlich für Wildtiere gar nicht zuständig. Auch nicht für das verletzte Reh oder Eichhörnchen. Und das hat einen Grund: „Weil die Natur das allein regelt. Aber wir Menschen haben nur verlernt, das auszuhalten“, sagt er. Für Wildtiere ist grundsätzlich die Jagdaufsicht zuständig. Tierärzte würden natürlich im Einzelfall auch einem verletzten Wildtier helfen – aber nur, wenn die Prognose gegeben ist, dass das Tier danach wieder in die freie Wildbahn entlassen werden kann.
Bei dem gestrandeten Wal sieht er das jedoch nicht. Dem Bestreben, ihn wieder in Richtung Atlantik zu schleppen, steht der Tiermediziner skeptisch gegenüber. „Wenn man ihn in den Atlantik bringt, wird er wahrscheinlich absaufen.“ Wenn man an dem tonnenschweren Tier im Zuge der Rettungsversuche jetzt herumrucke, könnte sogar noch mehr Schaden entstehen: „Da drückt im schlechtesten Fall das Eigengewicht die Organe zusammen.“
Das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW), dessen Experten bei der Strandung vor Niendorf vor Ort waren, möchte sich inzwischen nicht mehr öffentlich zu dem Fall äußern, verweist aber auf eine Stellungnahme der International Whale Commission. Die schreibt: „Wenn wiederholte Bemühungen gescheitert sind und das Tier in einem stark geschwächten Zustand verbleibt, stellen zusätzliche Versuche, den Wal zu handhaben, zu bewegen oder zu stimulieren, eher eine weitere Störung und Belastung dar als eine sinnvolle Rettung.“
Die Kommission appelliert, sich nun ausschließlich am Tierwohl zu orientieren und warnt vor Fehleinschätzungen: „Behauptungen, dass dieser Wal nun erfolgreich über weite Strecken in Sicherheit geleitet werden könne, werden weder durch die wiederholten Strandungen noch durch den sich verschlechternden Zustand des Tieres gestützt. Solche Aussagen riskieren, falsche Hoffnungen zu wecken und die Erwartungen der Öffentlichkeit unrealistisch zu steigern.“
Inzwischen wurde der Wal mit einem Peilsender versehen. Das hatten die Experten der ITAW vor einigen Wochen in Niendorf noch abgelehnt, unter anderem wegen des schlechten Hautbildes des Tiers. Ein Sender mit Saugnäpfen würde nicht halten, eine Anbringung unter der Haut hätte eine Blutvergiftung nach sich ziehen können. Eine Einschätzung, die auch Carsten Rehder teilt. Warum man dem Wal nun doch einen Peilsender angebracht hat, darüber kann der Tierarzt nur mutmaßen: „Vermutlich, um ihn wiederfinden zu können, falls er eine Fahrrinne blockiert. Und vielleicht kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an.“