Osnabrück  „Tatort: Gegen die Zeit“ als mitreißende Sozialstudie

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 25.04.2026 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Harald Krassnitzer in der Rolle des Moritz Eisner (Mitte) muss einen renitenten Nachbarn befragen. Foto: © ORF/Petro Domenigg
Harald Krassnitzer in der Rolle des Moritz Eisner (Mitte) muss einen renitenten Nachbarn befragen. Foto: © ORF/Petro Domenigg
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In einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft bei Wien geraten die jugendlichen Bewohner unter Mordverdacht. Der neue „Tatort: Gegen die Zeit“ (So., 26. April, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek) mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser überzeugt als mitreißende Sozialstudie im Krimigewand.

Tod auf der Landstraße – doch bei dem Toten handelt es sich definitiv um kein Unfallopfer. Die ganze Nacht über scheint das Opfer bewusstlos, aber immerhin noch lebendig mitten auf der Straße gelegen zu haben. Aber als es endlich gefunden wird, kommt jede Hilfe zu spät.

Der Mann, so viel kann Kriminalassistentin Meret Schande (Christina Scherrer) ihren beiden Vorgesetzten Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) bereits mitteilen, wurde brutal von hinten erschlagen. Die Spur führt in den nahe gelegenen „Sonnenhof“, eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft für 14- bis 18-Jährige, die von dem nun ermordeten David Walcher (Roland Silbernagl) geleitet wurde.

Als dringend tatverdächtig gerät der 16-jährige Cihan (Alperen Köse) ins Visier der Ermittlungen. Der ist nicht nur seit der Tatnacht spurlos verschwunden, sondern weist auch ein einschlägiges Gewaltregister auf. Trotzdem können und wollen sich Eisner und Fellner nicht vorstellen, dass der Jugendliche für den Tod des Heimleiters verantwortlich ist. Es gibt weder ein Motiv noch einen hinreichenden Hinweis, dass er der Täter sein könnte.

Der Heimleiter galt zwar als harter Hund, der bei Verstößen gegen die Heimregeln konsequent durchgriff. Aber er genoss Respekt und Vertrauen und galt vor allen Dingen als äußerst fair, wie die anderen drei Betreuer Femi (Ayo Aloba), Aras (Emre Cakir) und Simon (Augustin Groz) beteuern.

Trotzdem stoßen die Ermittler bei ihren Befragungen nicht nur auf jede Menge Misstrauen bei den Jugendlichen, für die die Polizei nur ein Schimpfwort ist. Nach und nach werden auch allerlei schwelende Konflikte sichtbar, die sich durch das Personal ziehen. Und dann ist da noch die Sache mit dem renitenten Nachbarn Jürgen Siller (Roman Blumenschein), eine Art militanter Reichsbürger, dem der „Sonnenhof“ schon seit langer Zeit ein gewaltiger Dorn im Auge ist.

Nachdem es im letzten Wiener „Tatort: Der Elektriker“ um das Wohl und Wehe alter Heimbewohner ging, geht es nun um das Schicksal sozial benachteiligter und am Rande der Gesellschaft gestrandeter Jugendlicher. Männlicher Jugendlicher, um genau zu sein. Traumata, Flucht, Verwahrlosung, Ablehnung, Gewalt und permanente Erniedrigungen – sie alle haben schon als Kinder mehr mitgemacht, als sich die meisten Erwachsenen vorstellen zu können.

Regisseurin Katharina Mückstein, die gemeinsam mit Hermann Schmid auch das Drehbuch zu diesem „Tatort: Gegen die Zeit“ erarbeitet hat, gelingt eine unaufdringliche, dafür aber mitreißend erzählte Sozialstudie, die auch als Hommage an den Wert von Sozialarbeit verstanden werden kann.

Dabei geht es den beiden ganz besonders um die Polarisierung des Themas in der öffentlichen Debatte, in der die Jugendlichen meistens stigmatisiert werden. „Sehr oft werden die Kids zum Problem gemacht und nicht die Umstände, unter denen sie aufwachsen“, beklagt Mückstein in einem ARD-Pressestatement.

Was das mit jungen Menschen macht, die sowieso geprägt sind von permanenten Erfahrungen wie radikaler Ablehnung und Erniedrigung, bricht sich im Film mit einer rotzigen Provokation in Anlehnung an den Berliner Rapper MC Bomber die Bahn. „Ich kann nichts, ich bin nichts, gebt mir eine Uniform!“, bricht es plötzlich aus dem Heimbewohner Leon (Tristan Witzel) heraus, nachdem der sich zuvor der Befragung durch konsequentes Schweigen entzogen hat.

Eine kurze Szene hilflos-trotziger Auflehnung, die auch nach diesem vorletzten Wiener „Tatort“ mit Krassnitzer und Neuhauser im Gedächtnis der Zuschauer haften bleiben wird. Sowieso überzeugt dieser „Tatort“ als äußerst sehenswerte Sozialstudie im Gewand eines mitreißenden Krimis.

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