Emden „Bilder, die wir lieben“: Wie die Jubiläumsschau der Kunsthalle Emden Zeitgeschichte lebendig macht
40 Jahre Emder Kunsthalle: Die Geschichte des Schauhauses der schönen Bilder erzählt auch Zeitgeschichte und gesellschaftlichen Wandel. Ein Essay über das Kunstwunder in der Stadt am Delft.
Emdens Mona Lisa ist ganze 55 mal 38 Zentimeter groß. Sie ruht noch auf Schaumstoffpolstern, bevor sie ihren Platz in der großen Bilderparade einnehmen wird. Franz Marcs „Die blauen Fohlen“, ein Gemälde von 1913, ziert das Plakat der ersten Ausstellung, mit der Henri Nannen die Kunsthalle Emden eröffnet. „Ich baue meinen Bildern ein Haus“, sagt Nannen damals, ein Patriarch beim Hamburger Magazin „Stern“ ebenso wie in seinem Museum am Emder Kanal. Als sich die Türen am 3. Oktober 1986 zum ersten Mal öffnen, ist Bundespräsident Richard von Weizsäcker dabei. Eine Erinnerung wie aus einer anderen Epoche.
„Bilder, die wir lieben“: Unter diesem Titel macht die Emder Kunsthalle zum 40. Jahrestag ihres Bestehens die Türen ganz weit auf. 200 Bilder, darunter die „Blauen Fohlen“, aus allen Bereichen der Sammlung, für rund ein Jahr zu sehen, und ein Ausstellungstitel wie eine wärmende Umarmung. Henri Nannen, der Presseprofi, versteht sich schon damals auf solche Gesten. „Bilder, die ich liebe“: Dieser Ausspruch avanciert zur Zauberformel eines Museums, das bis heute wie die gute Stube eines Sammlers wirkt. Hier gibt es Kunst zwischen Kluntje und Klönschnack.
Nannen bringt seine private Kunstsammlung in die Museumsgründung ein, sein Vermögen auch. Er stirbt 1996, fast auf den Tag genau zehn Jahre nach Eröffnung. Seine Frau Eske macht nicht nur weiter, sie erweitert das Haus, integriert die Sammlung des Münchener Galeristen Otto van de Loo, führt das Haus durch aufwendige Umbauphasen. Die Kunsthalle Emden mag gewachsen sein, die Atmosphäre eines Wohnzimmers, in dem man sich zurücklehnen mag, um schöne Bilder zu genießen, ist geblieben.
Schauen wir kurz zurück. Als Henri Nannen seine Kunsthalle öffnet, erklärt Helmut Schmidt dem Publikum die Weltlage. Die Leute lesen die Bücher von Siegfried Lenz. Otto Waalkes, ein Emder Junge, bringt die Menschen zum Lachen. Hilmar Hoffmann, großer Stratege der Kulturpolitik, hat gerade die „Kultur für alle“ ausgerufen. Und die Gründer folgen ihm. Justus Frantz erfindet das Schleswig-Holstein-Musikfestival, Peter Ludwig, der Sammler, Tycoon jener Zeit, macht in Köln sein Museum auf. Aus dem Radio klingen die Songs der Neuen Deutschen Welle. Die ersten Musikvideos werden produziert.
Henri und Eske Nannen fügen sich mit ihrem Museum der menschlichen Maße perfekt in den Geist einer Zeit, in der Kultur einfach dazugehört. Kunst gehört zum guten Ton, gerade jene Bilder, die Henri Nannen gesammelt hat. Die Gemälde der einst rebellischen Expressionisten von Franz Marc und Ernst Ludwig Kirchner bis Emil Nolde definieren den Kunstkonsens der Bundesrepublik. Die Kontroversen um Emil Noldes Rolle im Nationalsozialismus, sie werden in jenen Zeiten noch nicht geführt.
Wer nun durch die Emder Kunsthalle streift, kann diesen Kunstkanon wieder besichtigen und sich dabei an die Überzeugung einer Gründergeneration der Kulturlandschaft erinnern, nach der Kunst die Menschen besser, eine ganze Gesellschaft ziviler zu machen vermag. „Kunsthalle Emden, da lohnt sich ein Besuch“: Henri Nannens Werbespruch ziert über Jahre gefühlt jeden Bahnhof der Bundesrepublik. Er macht nicht nur sein Haus weit über Ostfriesland hinaus bekannt. Der Slogan verklammert auch mit Standortwerbung und Aufklärungsarbeit zwei Leitmotive des Kulturmarketings jener Ära.
Die Themen der Kunsthalle haben sich so gewandelt, wie der Konsens der Gesellschaft längst brüchig geworden ist. Die Emder Ausstellungsmacher haben Publikumserfolge gefeiert, mit 120000 Besuchern, die 2004 die Bilder Edvard Munchs sehen wollten, bis zu den Besucherströmen, die 2019 die Präsentation der Bilder von Otto Waalkes fluteten. Die Programmmacher haben aber auch Themen gesetzt. Sie haben einen kritischen Blick auf das Auto geworfen und dem Ökosystem Wald nachgespürt, sie haben den amerikanischen Traum befragt und sich zuletzt der Poesie der Wolken hingegeben. Von Namen zu Themen: Im Wandel der Ausstellungstitel liegt mehr als ein Symptom.
40 Jahre, 170 Ausstellungen, zweieinhalb Millionen Besucher: Das sind die nackten Zahlen einer Museumsgeschichte, die in Wirklichkeit eine Zeitreise abbildet. Das zeigen schon die Werke der Sammlung. Da sind die Bilder des russischen Künstlers Maksim Kantor, die Henri Nannen als Zeichen der Perestroika-Politik der späten Sowjetunion nach Emden holte. Einen Raum weiter hängen die Großformate von A. R. Penck und Jörg Immendorff, die sich auf ihren Bildern symbolisch die Hand von Ost nach West durch die Mauer reichten. Oder eben jene Expressionisten, die so frisch wie vor Jahrzehnten strahlen, jedes Bild ein Versprechen auf jenes bessere Leben, das sich der Kunst verdanken soll.
„Bilder, die wir lieben“: Vierzig Jahre nach der Eröffnung ihres Hauses zitieren Ina Grätz und Silke Oldenburg als neue Doppelspitze der Kunsthalle das Mantra des Gründers Henri Nannen. Die Kunst wird Liebe und Hinwendung in den kommenden Jahren bitter brauchen. Der Streit um Budgets für die Kultur ist ebenso abzusehen wie der Angriff der Rechtspopulisten auf Kulturhäuser bereits in vollem Gange ist. Wer das Projekt von Henri und Eske Nannen in die Zukunft tragen will, der vertraut am besten auf die Überzeugung, dass Kunst Horizonte zu öffnen vermag – als Erfahrungsraum und Ruhepunkt, vor allem aber als Hoffnungszeichen für all jene, die das Projekt des besseren Lebens über allen Fragmentierungen der Gesellschaft nicht aus den Augen verlieren.
Die Kunsthalle Emden baut an ihrer Zukunft ohnehin weiter. Mit rund 30 Millionen Euro aus Mitteln des Bundes soll das Haus in den nächsten Jahren fit für die Zukunft gemacht werden. Energie, Klima, Sicherheit: Das Museum am Delft steht vor seinem nächsten Update. Aber erst einmal wird gefeiert. Zum 40. Geburtstag hat sich am Samstag mit Frank-Walter Steinmeier wieder ein Bundespräsident angesagt. Alle werden in Feierlaune sein. Gründe gibt es genug. Kunsthalle Emden – da lohnt sich ein Besuch. In der Tat. Herzliche Glückwünsche!
Emden, Kunsthalle: Bilder, die wir lieben. 40 Jahre Kunsthalle Emden. 26. April 2026 bis 2. Mai 2027.