Osnabrück  Hugo Egon Balder: Es gab Situationen, in denen mein Vater mir wahnsinnig peinlich war

Michael Hengehold
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Von Michael Hengehold
| 01.05.2026 06:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Hugo Egon Balder spricht im Interview über Privates und Privatfernsehen. Foto: André Havergo
Hugo Egon Balder spricht im Interview über Privates und Privatfernsehen. Foto: André Havergo
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Hugo Egon Balder schaut auf eine über 50-jährige Karriere als Unterhalter zurück. Warum er hinter den Kulissen einer Sat.1-Show mal ausgerastet ist und einiges mehr aus seinem beruflichen und privaten Leben hat er uns im Interview erzählt.

Er hat die goldenen Zeiten des Privatfernsehens miterlebt und mit „Tutti Frutti“, „Alles nichts oder?!“ (zusammen mit Hella von Sinnen) sowie „Genial daneben“ Showhits moderiert. Im Interview spricht Hugo Egon Balder (76) über Lehren aus seiner Anfangszeit, wie es bei RTL losging und darüber, was er von seinen Eltern vermittelt bekommen und später an seine Kinder weitergegeben hat.

Hugo Egon Balder ist übrigens ein Künstlername. Eigentlich heißt der Mann Egon Hugo Balder.

Frage: Herr Balder, was sind Sie für ein Typ?

Antwort: Oh, weiß ich nicht. Kann man selber schlecht beantworten.

Frage: Wenn ich Ihre Frau frage, was würde die mir sagen?

Antwort: [er ruft rüber zu seiner Frau, stellt ihr die Frage]

Antwort: Sie: Ein guter Typ.

Frage: Ein entspannter Typ?

Antwort: Sie: Manchmal. Je nachdem, worum es geht.

Antwort: Er: Das stimmt. Da hat sie recht.

Frage: Herr Balder, Sie sind Drummer, Sänger, Texter, Schauspieler, Moderator, Produzent und Klavier spielen können Sie auch …

Antwort: Ich bezeichne mich als Gaukler. Da ist alles drin.

Frage: Hat der Gaukler den Eindruck, dass sein Wirken eine angemessene Wertschätzung erfährt?

Antwort: Durchaus. Seit Jahrzehnten schon. Möchte nicht, dass es mehr ist, aber auch nicht, dass es weniger ist.

Frage: Hätten Sie diese Karriere ohne Privatfernsehen machen können?

Antwort: Ich glaube nicht. Ich hatte beim ZDF die Sendung „Rückschau“ und war dann von 1979 bis 1990 bei Radio Luxemburg. Wenn das Privatfernsehen nicht gekommen wäre, wäre ich wahrscheinlich länger geblieben.

Frage: Sie hatten beim Radio prominente Kollegen …

Antwort: Frank Elstner war mein Chef. Rainer Holbe war da, Max Schautzer, Tommy Ohrner, Thomas Gottschalk, Björn-Hergen Schimpf, die ganzen Jungs. Radio war für mich eine große Geschichte. Vor allem Elstner hatte jeden Tag 4000 Ideen. Ein toller Chef, sehr sozial, ganz viel Humor.

Frage: Wie ging es bei RTL Plus los?

Antwort: Unfassbar war das. Moderator Rainer Holbe hatte quasi als männliche Hebamme in einem Kreißsaal einen Fernseher zur Welt gebracht, das war der Senderstart 1984. Dann hieß es: Jetzt kommen die Nachrichten. Die haben den Tisch rausgezogen, einen anderen rein – alles im On. Und wir dachten nur, okaay [dehnt das Wort], so kann man auch Fernsehen machen!? Lustig. Wenn man bedenkt, dass dieser Laden zehn Jahre später Europas größter Privatsender war, ist das ein Wunder. Hatten wir alles Senderchef Helmut Thoma zu verdanken.

Frage: Das waren Goldgräberzeiten, damals.

Antwort: Gott sei Dank habe ich die miterlebt. Wenn man eine Idee hatte, ging man zu Thoma rein, trug die vor und hörte direkt ein klares ‚Machen wir‘ oder ‚Das moach’n ma net‘ [imitiert Thomas österreichischen Dialekt]. Und wenn der gesagt hatte, das machen wir, dann konnten wir das machen und zwar sofort. Es gab ja keine Quoten.

Frage: Und keine Gremien voller Gremlins, wie Günther Jauch es nach seinem kurzen Zwischenspiel bei der ARD mal formulierte …

Antwort: Das gab’s damals noch nicht. Es ging in der Aachener Straße in Köln los, noch zusammen mit einer Fabrik, die so Knabberzeug herstellte. Komplett improvisiert. War lustig.

Frage: Auf welche Sendung werden Sie am meisten angesprochen?

Antwort: „Tutti Frutti“. Bei den Älteren zumindest. Die meistgestellte Frage ist: Wie geht’s der Erdbeere?

Frage: Ich hätte gedacht, es gibt einen Spruch zum Länderpunkt. Das war damals ein Running Gag, weil niemand verstanden hat, was es damit auf sich hat.

Antwort: Keiner hat’s verstanden. Ich kann’s ja mal erklären. Es ging in der wunderschönen Sendung darum, dass zwei Kandidaten Fragen beantworten mussten. Wenn einer falsch geantwortet hatte, konnte er Punkte machen, indem er was auszog. Männlein wie Weiblein. Aber man hat bei „Tutti Frutti“ nichts weiter gesehen als einen nackten Busen. Den konnte man in jedem Film sehen, an jeder Zeitungsbude. Das war nicht neu …

Frage: Naja, im Hauptprogramm am Samstagabend schon …

Antwort: … jedenfalls, wenn man eine gewisse Anzahl an Punkten hatte, konnte man einen Länderpunkt machen. Da gab es dann irgendeine Leila aus Finnland, die wir erfunden hatten. Und wer am Schluss die meisten Länderpunkte hatte, hat gewonnen und bekam Ecu, den Euro-Vorläufer. Das war richtig viel Geld.

Frage: Hm, 30 Jahre später und ich kapier es immer noch nicht.

Antwort: Es gab einen Punkt, wenn jemand sein Jackett auszieht. Hätte jeder verstanden. Wir haben aber in Italien aufgezeichnet, im Originalstudio …

Frage: … von „Colpo Grosso“, wie die Show dort hieß.

Antwort: Richtig. Und wir hatten die Originalbesetzung: Ballett, Regisseure, Kameraleute, alles. Auch der Computer kam aus Italien und die spielten um Lire. So gab es für das Jackett also nicht einen Punkt, sondern 50.000. Und das hat kein Schwein verstanden. Aber Thoma hat nach der dritten Sendung gesagt: Das ist wunderbar. So haben wir es nie aufgelöst.

Frage: Ich erinnere mich an eine Doku über albanische Flüchtlinge, die wurden gefragt, warum sie nach Italien wollen. Wir gucken italienisches Fernsehen, haben die gesagt. Aha, was denn so? Ja, Colpo Grosso. Das war deren Italien-Bild.

Antwort: Colpo Grosso war noch normal. Wir haben in Italien produziert und wenn man ins Hotel kam und nicht schlafen konnte, hat man Fernsehen geguckt. Da hatten die morgens um vier eine Domina mit einem Sklaven, den sie laufend verhauen hat, damit wurden Porno-Videos verkauft. Und ab fünf verkaufte einer Küchen. Unfassbar. Ich habe mich gefragt, wer morgens um fünf eine Küche kauft.

Frage: „Der Spiegel“ hat mal über Sie geschrieben: Die Show trägt deutlich die unvergleichliche ‚Scheiß drauf, wir machen das jetzt einfach‘-Handschrift von Balder. Kompliment oder Unverschämtheit?

Antwort: Kompliment, ganz klar. Toll auf den Punkt gebracht.

Frage: Das war eine Besprechung zu „Das große Flaschendrehen“. Das klingt ganz genau danach: Idee gehabt, gemacht.

Antwort: So war das: Machen wir, sonst macht es ein anderer. Man weiß vorher nie, wie es wird. Ich habe in den 2000er-Jahren so viele Sachen gemacht, ich war jeden Tag dreimal im Fernsehen: „Mensch, ärgere dich nicht“, „Flaschendrehen“, „Jetzt wird eingelocht“, „Jetzt geht’s um die Wurst“…

Frage: … „Der Klügere kippt nach“…

Antwort: Das war zehn Jahre später. Da war noch ein Spiel … wie hieß das? Ach ja, „Schiffe versenken“. Das haben wir in der Schwimmhalle in Berlin-Schöneberg produziert. Die ich noch kannte, weil man dort versucht hatte, mir Schwimmen beizubringen, was nicht funktioniert hat …

Frage: Können Sie es heute?

Antwort: Ein bisschen. Die Schwimmhalle ist inzwischen abgerissen, weil die voller Asbest war. Und es funktionierte nichts. Die Boote sollten abgeschossen werden, klappte nicht. Guido Cantz ist von sich aus ins Wasser gesprungen. Chaos ohne Ende. Und die Damen und Herren von Sat.1 saßen da mit einem Weizenbier und immer, wenn ich im Werbebreak rauskam, meinten die: „Läuft doch prima“. Ich dachte nur: Leck mich am Arsch. Ich hatte soo einen Hals! Und dann sagt unser Regisseur mir zehn Minuten vor Schluss aufs Ohr: Hugo, wir sind zu kurz. Du musst noch ein paar Interviews führen. Aber diejenigen, die ins Wasser gefallen waren, waren inzwischen alle hackebreit. Und ich sage nur: Mit wem denn?

Frage: Wie haben Sie hinterher reagiert?

Antwort: Als die Sendung fertig war, habe ich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben wirklich geschimpft: Diese Scheiße mache ich nie wieder! Und dann hatte die Sendung die besten Quoten von allen bei Sat.1. Ich habe nur gedacht, das glaube ich jetzt alles nicht.

Frage: Wie Sie sagten, man weiß es vorher eben nicht …

Antwort: Genau. Man geht da raus und sagt: So ein Dreck. Und die Zuschauer finden es schön. Oder man denkt, das war eine tolle Sendung heute und keiner guckt zu.

Frage: Aber, im Ernst jetzt, Sie haben damals zum einzigen Mal in Ihrem Leben geschimpft?

Antwort: In meinem beruflichen Leben. Sonst schimpfe ich nie. Gut, bei „RTL Samstag Nacht“ habe ich als Produzent ein paar Mal geschimpft. Aber das war nie ernst gemeint. Unsere Autoren saßen in einem fensterlosen Raum. Denen habe ich immer gesagt: Wenn ihr mal einen guten Gag macht, male ich euch ein Fenster. Aber das war alles nur Spaß.

Frage: Haben Sie mal was abgelehnt, weil es dann doch selbst Ihnen zu billig war?

Antwort: Ich überlege gerade, ob ich was aus sozusagen inhaltlichen Gründen abgelehnt habe. Nee, nichts.

Frage: Sie haben Atze Schröder null Talent bescheinigt und ihm gesagt, er solle es sein lassen. Bei wem haben Sie noch daneben gelegen?

Antwort: Das war der Einzige. Atze erzählt das immer wieder. Wenn er ehrlich wäre, würde er sagen, dass es sein erster Auftritt bei „Samstag Nacht“ war. Und der war wirklich Mist.

Frage: Räumt er aber komplett ein.

Antwort: Ich hätte mich damit nicht vor die Kamera gewagt. Das habe ich ihm gesagt und das war ein entscheidender Punkt, dass er ins Grübeln gekommen ist. Er hat dann wirklich daran gearbeitet, sich zu professionalisieren, eine vernünftige Figur zu erfinden.

Frage: Bei wem haben Sie früh gemerkt, das wird was?

Antwort: Ingo Appelt zum Beispiel, sein erster Auftritt, bei „Samstag Nacht“. Er kam raus mit einem Schild, auf dem stand: „Ficken“. Da habe ich gedacht: Der Mann hat Mut.

Frage: Wer noch?

Antwort: Bei „Samstag Nacht“ traten auch Leute auf, die schon ein bisschen Erfahrung hatten. Herr Holm zum Beispiel. Der „Postbeamte“ Hans-Hermann Thielke, den ich klasse fand. Oder Carolin Kebekus. Die hat bei mir hospitiert, als ich den „Samstag Nacht“-Nachfolger „Freitag Nacht“ produziert habe, ganz jung noch. Die hatte komisches Talent und ich habe sie gefragt, ob sie Lust hätte, mal einen Einspieler mitzudrehen.

Frage: Wann haben Sie realisiert, dass Sie etwas können? Haben Sie überhaupt? Oder rätseln Sie noch heute?

Antwort: [Lacht] Weiß ich nicht.

Frage: Gab es einen bestimmten Punkt?

Antwort: Ja, gab es, noch zu meinen Schillertheater-Zeiten. Dort hatte Stefan Wigger mich unter seine Fittiche genommen, von dem ich wahnsinnig viel gelernt habe. Stefan fragte mich, ob ich ihn bei seinem Programm am Klavier begleiten würde. Das hieß dann „Stefan Wigger kitscht musikalisch und Balder stümpert dazu auf seinem Instrument“. Da habe ich zum ersten Mal erlebt, wie es ist, wenn das Licht angeht und man in 120 Gesichter guckt, die alle nicht mehr können vor Lachen.

Frage: Wo sind wir jetzt zeitlich?

Antwort: 70er-Jahre. Und dann habe ich bei Stefan noch was gelernt. Wir haben das Programm zweieinhalb Jahre gespielt, ein-, zweimal im Monat. Nach drei Monaten kann man das im Schlaf. Stefan hat aber immer darauf bestanden, dass wir es zwei Stunden vorher proben. Ich hab gesagt: „Stefan, komm, wir können es doch.“ „Nein, wir machen es.“ Da habe ich gelernt, es nicht schleifen zu lassen. Das ist bis heute in meiner Birne drin.

Frage: Schauen Sie noch Free-TV?

Antwort: Ja, klar. Aber wenn ich jetzt sage, ich gucke sehr viel Arte, sagen die Leute, ach, das erzählt er nur. Ist aber so. Außerdem Fußball, Bundesliga. Und ich bin ein großer Inspektor-Barnaby-Fan. Meine Frau wird immer wahnsinnig und sagt, mein Gott, das hast du doch schon 30 Mal gesehen. Und ich gucke sehr gerne Joko und Klaas. Weil das die Einzigen sind, die richtige Anarchie machen.

Frage: Was haben Sie von zu Hause mitbekommen?

Antwort: Meine Mutter hat immer gesagt, ich soll auch über ernste Dinge lachen, damit man es aushalten kann. Und mein Vater war absoluter Sanguiniker [Optimist], der hatte immer gute Laune und sang. Ich hatte tolle Eltern, die mir alles ermöglicht haben und immer Vertrauen in mich hatten.

Frage: Was nicht so einfach ist, bei einem bunten Lebensweg, wie Sie ihn haben …

Antwort: Nee. Es gab Situationen, in denen mein Vater mir wahnsinnig peinlich war. Wenn wir mit der Band im Berliner Jugendclub gespielt haben, hat er sich seine drei Haare nach vorne gekämmt, weil er dachte, dann sieht er aus wie ein Beatle und ist auf die Bühne gekommen und hat „Yeah, Yeah, Yeah“ mitgesungen. Das war so peinlich. Ich war 15 oder 16. Heute muss ich sagen: Hammer!

Frage: Aber welche Werte haben Sie mitbekommen?

Antwort: Eine gewisse Achtung vorm Alter. Und authentisch zu bleiben, sich nicht zu verstellen und anzubiedern. Sich nicht klein zu machen, aber auch nicht zu groß. Wie man so nach dem Krieg aufwächst. Es wurde nicht viel geredet.

Frage: Welche Werte haben Sie Ihren Kindern mitgegeben?

Antwort: Ich habe meine Kinder ziemlich frei erzogen, nie was verboten. Aber auf Dinge hingewiesen, die problematisch sein können, wenn man sie falsch angeht.

Frage: Zum Beispiel?

Antwort: Lügen oder Mobben.

Frage: Kann man Lügen und Mobben falsch angehen?

Antwort: Lügen ist schon falsch herangehen. Es gibt Situationen, in denen man die Unwahrheit sagen muss, um andere nicht zu kränken. Aber über Leute hinter dem Rücken herzuziehen, da habe ich gesagt: Könnt ihr machen, aber ihr werdet nicht weit kommen und es fällt auf euch zurück. Und sie haben sich sehr gut entwickelt. Ich dachte mir, ich mache es wie meine Eltern. Keine Verbote; immer, wenn was verboten wird, ist es gerade interessant.

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