Niendorf „Falsche Entscheidungen“: Robert Marc Lehmann kritisiert Wal-Rettung – war Drama vermeidbar?
Hat der gestrandete Buckelwal in der Ostsee eine echte Chance verpasst? Meeresbiologe Robert Marc Lehmann erhebt schwere Vorwürfe gegen die Retter – andere Experten widersprechen deutlich.
Hätte der Ende März vor Niendorf in der Ostsee gestrandete Buckelwal längst gerettet sein können? Dies legen zumindest Aussagen von Robert Marc Lehmann nahe. Der in die Kritik geratene Meeresbiologe und Youtuber war maßgeblich an der Befreiung des Wals beteiligt, als dieser Ende März in Niendorf auf einer Sandbank strandete.
Nachdem Lehmann zuletzt völlig von der öffentlichen Bildfläche verschwunden war, meldete er sich am vergangenen Freitag mit einem gut einstündigen Youtube-Video zu Wort, das die Wal-Befreiung in Niendorf aus seiner Sicht dokumentiert.
In dem Video, das bislang rund zwei Millionen Aufrufe hat, spart Lehmann wiederum nicht mit scharfer Kritik an den übrigen Beteiligten der Wal-Befreiung in Niendorf. Der 43-Jährige wirft ihnen unter anderem vor, durch falsche Entscheidungen die erneute Strandung des Wals in der Wismarer Bucht verursacht zu haben. Dort strandete der Wal vor drei Wochen und kämpft weiterhin ums Überleben.
Kern von Lehmanns Kritik: Nach seiner Darstellung hätte der Wal nach der Befreiung vor Niendorf von acht bis zehn Schiffen, die wie an einer Perlenschnur aneinandergereiht sind, ausschließlich von einer Seite flankiert zurück in die Nordsee geleitet werden dürfen. Stattdessen sei von den übrigen Beteiligten der Wal-Befreiung „Quatsch“ gemacht worden, indem der Wal zeitweise von beiden Seiten durch Boote geleitet wurde. Dieses Vorgehen habe die Situation verschlechtert und zwangsläufig zur erneuten Strandung beigetragen, behauptet Lehmann.
Hätte das Wal-Drama vor Niendorf also ein gutes Ende nehmen können? Aus wissenschaftlicher Sicht ist dies stark umstritten. Dr. Joseph Schnitzler vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (ITAW) war ebenfalls an der Wal-Befreiung in Niendorf beteiligt und widerspricht den Aussagen Lehmanns deutlich.
Die Rettung eines solchen Tieres lasse sich nicht nach einem festen Schema planen, sondern müsse sich dynamisch an die Lage des Wals anpassen. In Niendorf sei der Wal in einzelnen Phasen daher sowohl einseitig als auch beidseitig geleitet worden, „um zu verhindern, dass er umkehrt“. Daraus folge klar: „Beides ist richtig und situationsbedingt anzuwenden.“
Auch Walforscher Prof. Dr. Boris Culik, der ehemals am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel gearbeitet hat, bewertet die Situation differenzierter. Zwar hält er ein beidseitiges Leiten grundsätzlich für sinnvoll, warnt jedoch vor einfachen Schuldzuweisungen: „Man kann nicht sagen, dass die Rettung fehlgeschlagen ist, weil man von beiden Seiten geleitet hat.“ Entscheidend sei vielmehr die Biologie des Tieres selbst – ein Wal bewege sich dreidimensional. Boote würden dabei nur begrenzt hilfreich sein.
Zudem verweist Culik auf strukturelle Probleme bei solchen Einsätzen. In Deutschland fehle es häufig an Erfahrung und Entscheidungen müssten durch zu viele verschiedene Organisationen getroffen werden. Er selbst hätte internationale Experten aus Kanada oder den USA hinzugezogen, wo deutlich mehr Erfahrung mit Walrettungen vorhanden sei.
Lehmann selbst stellt seine Kritik in den Kontext seiner eigenen Erfahrung: „Es könnte sein, dass ich für so eine Situation in Deutschland die größte Expertise habe.“ Gleichzeitig wirft er den anderen Beteiligten mangelnde Erfahrung vor: „Die Leute kennen sich nicht aus“, sagte Lehmann. „Sie haben keinen Plan und keine Ahnung, was sie tun.“
Die Experten Schnitzler und Culik sehen unabhängig vom konkreten Fall Niendorf deutlichen Verbesserungsbedarf für zukünftige Rettungen. Schnitzler fordert ein klar geregeltes, übergeordnetes System, das Einsatzkräfte besser koordiniert und sowohl personell als auch technisch ausreichend ausgestattet ist. Nur so könne im Ernstfall schneller und gezielter gehandelt werden. Ähnlich sieht dies Culik, der sogar noch weitergehende Maßnahmen fordert.
Sowohl die von Lehmann scharf kritisierte ITAW-Expertin Dr. Stephanie Groß, als auch Robert Marc Lehmann selbst reagierten auf Anfragen unserer Redaktion nicht.