Osnabrück Psychologin Linda Leinweber: Warum wir Familie mehr wie ein Unternehmen führen sollten
Sind unsere Eltern schuld an unseren Beziehungsproblemen? Im Interview spricht Psychologin und Influencerin Linda-Marlen Leinweber zudem darüber, wie Dating-Apps das Kennenlernen verändern und wie Familie und Job nicht zur Belastung für Paare werden.
Linda Leinweber ist Psychologin und konzentriert sich vor allem auf die Themen Beziehung, Dating und Familie. Auf Tiktok und Instagram erreicht sie Hunderttausende Menschen. Am 25. März erscheint ihr Buch „Frei und trotzdem verbunden. Führe die Beziehung, die du dir wünschst und bleibe du selbst“ im Kailash Verlag. Im Interview erklärt sie, ab welchem Zeitpunkt eine Beziehung zum Scheitern verurteilt ist und warum Liebe allein oft nicht reicht.
Frage: Frau Leinweber, gibt es einen Beziehungsmythos, den Sie nicht mehr hören können?
Antwort: Wir verstehen uns blind. Das finde ich ganz schlimm, weil es voraussetzt, dass ich seine Gedanken lesen könnte und er meine und dass man keine gute Kommunikation braucht, um als Paar zu wachsen. Das ist völliger Quatsch.
Frage: Heutzutage leben immer mehr Menschen allein. Wieso sind Beziehungen für unser Leben so wichtig?
Antwort: Beziehungen sind der stabilste Prädiktor für ein zufriedenes Leben. Das muss nicht die Paarbeziehung sein, auch familiäre Beziehungen zu Kindern oder Freunden zählen – wichtig ist, dass sie tief und ehrlich sind.
Antwort: Bindung ist ein psychologisches Grundbedürfnis und essenziell dafür, dass es uns psychisch gut geht. Wie unser Körper essen, trinken, atmen und schlafen braucht, benötigt unsere Psyche Bindungen. Für ein gesundes Leben brauchen wir Beziehungen.
Frage: Beziehungen sind also überlebenswichtig?
Antwort: Das kann man schon sagen. Es gibt grausame Experimente mit Kindern, die isoliert wurden – teilweise sind sie gestorben oder sehr krank geworden. Berührung, die Nähe und das Verbundensein, die wir durch Beziehungen bekommen, hält uns am Leben.
Frage: Wie beeinflussen Dating-Apps unsere Vorstellungen von Romantik, Liebe und Beziehungen?
Antwort: Dating-Apps zeigen uns erst einmal eine riesige Vielfalt und vermeintliche Optionen. Das ist ein Riesenunterschied zu der Zeit vor 50 Jahren, wo ich in meinem direkten Umfeld geschaut habe: Von wem fühle ich mich angezogen? Jetzt steht ein riesiger Pool an Menschen zur Verfügung. Zu viele Möglichkeiten überfordern uns und geben uns das Gefühl, es könnte noch was Besseres da draußen geben.
Frage: Also waren Beziehungen früher leichter?
Antwort: Ist es wirklich leichter, wenn du auf Menschen in deinem direkten Umfeld beschränkt bist? Ist es nicht ein Riesenprivileg, dass du Menschen kennenlernst, die in einem anderen Land leben, aus einer ganz anderen Bubble kommen? Ich habe meinen Mann auch übers Internet kennengelernt. Er ist Österreicher, ich bin Deutsche – wir hätten uns früher nie getroffen.
Frage: Im Buch schreiben Sie den Satz: Liebe allein reicht nicht aus. Ist das nicht ein Schlag ins Gesicht aller Romantiker?
Antwort: Ja, absolut. Ich würde mir wünschen, ich müsste diesen Satz nicht schreiben, aber er stimmt. Am Anfang ist die Verliebtheit eine Schwärmerei, man ist in einer Honeymoon-Phase. Durch die Hormone ist man im Liebesrausch und hat das Gefühl, zusammen die Welt zu erobern. Irgendwann landet man in der Ernüchterungsphase. Diskussionen kommen auf. Man ist auf dem Boden der Tatsachen und merkt, dass der andere genauso wenig perfekt ist wie man selbst.
Frage: Was braucht es denn dann noch?
Antwort: Dann braucht es Kompatibilität. Das ist notwendig für eine langfristige Beziehung. Haben wir die gleiche Vorstellung davon, wie Beziehung aussehen könnte? Das hat nichts mit Liebe zu tun. Wenn einer Kinder möchte und der andere nicht, braucht man eine Lösung oder jemand anderen. Das gilt auch für Wohnorte, Werte oder politische Einstellungen. Bei einem Clash auf unserer Werteebene werden wir trotz riesengroßer Liebe nicht zufrieden.
Frage: Ein zentraler Aspekt Ihres Buches ist das Versprechen, dass man in einer Partnerschaft man selbst bleiben kann. Warum ist ausgerechnet das eine so große Herausforderung in einer Beziehung?
Antwort: Je mehr ich mich selbst akzeptiere, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, einen Menschen anzuziehen, der mich genauso behandelt. Eine Studie zeigt: Je niedriger der Selbstwert von Frauen war, desto interessierter waren sie am „Bad Boy“. Je besser ihr Selbstwert war, desto interessierter waren sie am „Nice Guy“. Du ziehst den Menschen an, der dir spiegelt, was du über dich selbst glaubst. Deswegen ist es so wichtig, bei sich selbst anzufangen.
Antwort: Wir kommen alle mit einem Bindungsstil in eine Beziehung, der sich in den ersten Jahren unseres Lebens formt. Eine Untersuchung zeigt: Das Verhalten von Kindern zwischen 12 und 18 Monaten gegenüber der Mutter sagt zu 70 bis 80 Prozent vorher, wie sie sich später in Paarbeziehungen verhalten werden.
Antwort: Dieser Bindungsstil lässt uns durch eine bestimmte Brille auf die Beziehung schauen. Jemand mit Bindungsangst hat Angst vor echter Nähe und kann schlecht vertrauen, weil er genau das in seiner Kindheit erfahren hat. Er wird sich jemanden suchen, bei dem er das bestätigt bekommt. Das macht es uns schwer, neutral in eine Beziehung reinzugehen.
Frage: Das klingt, als könnten wir unseren Eltern die Schuld für unsere Beziehungsprobleme geben.
Antwort: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich glaube, wir selber sind verantwortlich dafür, wie wir uns in Beziehungen verhalten und wie wir uns fühlen. Wir müssen uns irgendwann davon lösen, dass unsere Eltern die Schuld für unser Verhalten tragen. Sie haben uns geprägt, aber es ist ein Prozess des Erwachsenwerdens, dass man sich genau dieser Prägung stellt und sich davon frei macht.
Frage: Wo entstehen in Beziehungen die häufigsten Konflikte?
Antwort: Die häufigsten Konflikte entstehen bei den Themen Kommunikation, Finanzen, Elternschaft und Sexualität. Oft fühlt sich einer von beiden nicht gesehen oder man spricht sich schlecht ab. In einem gemeinsamen Haushalt oder einer Familie gibt es viel zu organisieren – da ist das Thema Mental Load oft ungleich verteilt. Gerade in der Rushhour des Lebens fehlen Paaren die Touchpoints. Es gibt wenig Möglichkeiten für tiefe Gespräche, weil man nur damit beschäftigt ist, zu funktionieren.
Frage: Stichwort Elternschaft. Wie wirken sich Kinder auf eine Beziehung aus?
Antwort: Kinder bereichern die Familie. Damit das Paar diese Bereicherung annehmen kann, braucht es einen Rahmen, der den Stress drumherum auffängt. Es ist ein Ausnahmezustand, der dein komplettes Leben verändert. Ich konnte mir das früher selbst auch nicht vorstellen.
Antwort: Ein Kind verändert viel in der Paardynamik. Du hast dein kleines Wesen, das zu 100 Prozent von dir abhängig ist, das du lieben willst und das dich liebt. Gleichzeitig geht das Leben weiter: Erwerbstätigkeit, Geld, Eigenheim oder Kredite. Es ist bei vielen die Rushhour des Lebens.
Antwort: Man muss sich als Paar bewusst machen, dass das System Familie extrem komplex ist und wie ein gemeinsames Unternehmen zu betrachten ist. Ein Unternehmen funktioniert, wenn man regelmäßig miteinander spricht, eine klare Struktur hat und darauf guckt, dass es allen Beteiligten so gut wie möglich geht.
Frage: Sie befassen sich auch mit Betrug und Eifersucht. Sie schreiben, dass ein Seitensprung nicht das Ende bedeuten muss. Wie kann eine Affäre eine Chance für einen Neuanfang sein?
Antwort: Damit eine neue Beziehung wachsen kann, müssen drei Phasen ehrlich aufgearbeitet werden. An erster Stelle braucht es eine Emotionsverarbeitung für beide. Ich empfehle eine gewisse Distanz, vielleicht eine räumliche Trennung, damit jeder auf die eigenen Themen schauen kann.
Antwort: Der zweite Schritt ist, die Ursachen zu verstehen: Warum kam es zum Seitensprung? Das in radikaler Ehrlichkeit auszuhalten, ist eine harte Phase. Der dritte Schritt ist die Vergebung und das Loslassen. Das ist herausfordernd, weil der Seitensprung zur Vergangenheit werden muss: Ich darf das nicht bei jedem Konflikt hochholen.
Frage: Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen würden, diese Beziehung ist zum Scheitern verurteilt?
Antwort: Ich würde auch immer auf das eigene Nervensystem schauen. Beziehungsstress und Beziehungsprobleme sind emotionaler Stress und gehen uns sehr an die Substanz. Das merken wir meistens körperlich: Ich kann vielleicht nicht mehr gut schlafen, habe keinen Appetit mehr, die Gedanken kreisen nur noch um die Probleme oder ich ziehe mich sozial zurück. Es gibt wirklich Beziehungsdynamiken, die so ungesund sind, dass sie uns gedanklich oder körperlich auffressen.
Frage: Wie kann man dann mit einer Trennung umgehen?
Antwort: Wenn du dich für die Trennung entschieden hast, finde ich es schön, trotz des traurigen Anlasses einen wertschätzenden Blick auf das zu werfen, was mal war. Man kann sich bedanken für die gemeinsamen Geschenke, die Erinnerungen und die Learnings, die man aus der Beziehung mitnimmt. Das gibt es immer – auch bei kurzen Beziehungen oder solchen, die unschön mit einem Vertrauensbruch enden.
Antwort: Statt darauf einzugehen, was am Gegenüber vermeintlich falsch ist, sollte man mehr darüber reden, was man sich selbst wünscht. Eine Trennung muss nicht heißen, dass das Gegenüber ein schlechter Mensch ist.
Frage: Sie erreichen durch Instagram oder Tiktok sehr viele Menschen. Inwiefern haben Fragen aus der Community die Schwerpunkte Ihres Buches bestimmt?
Antwort: Beziehungsfragen sind in meinen Coachings immer sehr präsent. Ich hatte noch keinen Prozess, bei dem die Paarbeziehung keine Rolle gespielt hat. Und in meiner Community stößt dieser Content auf enorme Resonanz – einige meiner viralsten Videos drehten sich genau darum.
Antwort: Deshalb habe ich die Kapitel über Eifersucht und Betrug aufgenommen, weil das heikle Themen sind, die die Menschen immer wieder ansprechen. Auch Fragen zum gesunden Streiten oder worauf man schon beim Dating achten sollte, kommen ständig auf. Es war mir wichtig, all das fundiert zu beantworten.
Frage: Und welche Rolle haben Ihre eigenen Erfahrungen gespielt?
Antwort: Ich bin jetzt 37 und mein Beziehungsleben in den Zwanzigern war auf jeden Fall sehr bunt. Das war der Beweggrund, überhaupt so tief in das Thema einzusteigen. Heute bin ich verheiratet und habe eine zweijährige Tochter. Auch dazu finden sich Aspekte im Buch, gerade zur Transformation zur Familie. Ich erzähle darin, wie es bei uns war und was ich vielleicht noch einmal anders machen würde, falls ich noch einmal die Chance bekomme.
Frage: Was würden Sie heute anders machen?
Antwort: Ich nehme das Thema Wochenbett ganz konkret auf. Das Kind ist extrem abhängig. Wir haben uns als Paar viele Gedanken gemacht, wie wir das organisieren, aber ich habe mich trotzdem manchmal einsam gefühlt. Da kommt Besuch, es gibt Geschenke, aber eigentlich dreht sich alles ums Kind.
Antwort: Mein Mann hat sich um den Haushalt gekümmert, aber ich dachte oft: Wer kümmert sich eigentlich um mich? Ich bin am Heilen, bin aber gleichzeitig die ganze Zeit für das Kind da. Ich hätte mir mehr Streicheleinheiten gewünscht, ein emotionales Dasein. Wir waren so beschäftigt mit dem Funktionieren. Irgendwann habe ich zu meinem Mann gesagt: Wo bist du eigentlich? Wir haben uns seit Tagen nicht berührt.
Antwort: Das würde ich nächstes Mal anders machen. Heute würde ich es mir als Mama so organisieren, dass sich auch um mich gekümmert wird, gerade auf der emotionalen Seite.
Frage: Wenn der Leser Ihr Buch am Ende zuschlägt, was sollte er im Idealfall davon mitnehmen?
Antwort: Er sollte davon ein besseres Verständnis von sich selbst mitnehmen. Also warum ticke ich in Beziehungen so, wie ich ticke? Und darüber hinaus ganz viele konkrete Anwendungsübungen und Reflexionen. Wie gehe ich mit herausfordernden Situationen um? Da würde ich mir wünschen, dass man ein paar Tools für den eigenen Handwerkskoffer gesammelt hat.