Köln Warum wir nach dem Essen zum Süßen greifen und wie sich der Konsum senken lässt
Wir essen viel zu viel Zucker: In Deutschland werden pro Person über 41 Kilogramm Zucker im Jahr konsumiert. Experten erklären, warum das Gehirn danach verlangt und wie Achtsamkeit helfen kann.
Das Essen war lecker: deftig und herzhaft, dazu gab es trockenen Wein. Die Teilnehmer des Gelages lehnen sich stöhnend zurück, sie scheinen satt und zufrieden – bis jemand in die Runde fragt: „Nimmt jemand noch einen Nachtisch?“ Und fast alle nicken, jemand bringt die beliebte Schlemmer-Formel: „Der Nachtisch geht immer noch rein.“
Es gibt Schokopudding und Apfelstrudel mit Sahne. Nachdem alles vertilgt ist, fragt jemand: „Warum hat niemand Stopp gesagt?“ Und daraufhin entspinnt sich die Diskussion darüber, warum es uns nach einem eigentlich perfekten Mahl noch zum Süßen zieht.
„Die Antwort liegt wohl eher in der Evolution“, sagt Marc Tittgemeyer vom Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln. Man müsse ja bedenken, dass sich unser Gehirn in einer frühgeschichtlichen Zeit entwickelte, als es nicht immer etwas zu essen gab. Es passte sich diesen Bedingungen an, indem es uns in die Lage versetzte, uns über die Sättigung hinaus den Bauch vollzuschlagen, um für potenzielle Nahrungskrisen gewappnet zu sein.
„Das Problem ist jedoch, dass wir dann nur noch träge abhängen, was wir uns aber seinerzeit nicht erlauben durften, weil wir dadurch schnell zur Beute für irgendwelche Fraßfeinde wurden“, erläutert Tittgemeyer. „Also mussten wir in die Lage versetzt werden, jederzeit für Antrieb sorgen zu können – und das funktioniert mit Zucker, der schnell, zuverlässig und immer Energie liefert.“ Der Heißhunger auf das Süße „danach“ passiert also vor dem Hintergrund, dass die Evolution uns darauf geeicht hat, mithilfe von Zucker jederzeit aktions- und fluchtfähig zu bleiben.
„Zucker stimuliert das Belohnungssystem im Gehirn“, erläutert Falk Kiefer vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim. „Er sorgt dafür, dass mehr Dopamin ausgeschüttet wird, sodass in uns das Verlangen ausgelöst wird, das Wohlgefühl des süßlichen Geschmacks immer wieder zu erzeugen.“ Das ähnelt durchaus den Mechanismen der Sucht, wie man sie bei Nikotin, Alkohol oder sogar Heroin beobachten kann. „Die Endstrecke ist die gleiche: Es treibt uns an, die jeweilige Substanz immer wieder zu konsumieren“, so Kiefer.
Doch der Suchtforscher betont, dass es einen wesentlichen Unterschied gibt: „Bei alltäglichen Belohnungsverstärkern, zu denen neben Zucker auch solche Dinge wie Sex und zärtliche Zuwendungen gehören, habe ich in der Regel irgendwann einen Sättigungseffekt.“ Deswegen gelingt es uns meistens, nach dem Verzehr eines großen Kuchenstücks achtlos an einer Konditorei vorbeizugehen.
Aktuelle Zahlen zeigen, wie stark das Zuckerverlangen in der Bevölkerung ist. Hierzulande liegt der jährliche Zuckerverbrauch bei über 41 Kilogramm pro Person, das entspricht einer Tagesration von rund 38 Stück Würfelzucker – mehr als doppelt so viel, wie von der WHO empfohlen wird.
Die Deutschen konsumieren besonders viel Zucker über Softdrinks wie Cola, Limonaden, Fruchtsäfte und gesüßte Tees: fast 26 Gramm pro Kopf und Tag. Was besonders heimtückisch ist, denn „Softdrinks liefern große Mengen an Zucker, ohne dass man es sonderlich merkt“, warnt Endokrinologe Philipp Gerber vom Universitätsspital Zürich. „Der Konsument sieht sie als unproblematisches Getränk für zwischendurch und nicht als zucker- und kalorienreiche Mahlzeit.“
Ein Forscherteam aus China und den USA hat für eine Übersichtsarbeit über 8600 Studien dazu ausgewertet. Man fand 45 medizinische Endpunkte, also Erkrankungen, für die ein signifikanter Zusammenhang mit dem Zuckerkonsum nachweisbar ist. Bei 18 davon handelt es sich um Stoffwechselerkrankungen wie Fettleibigkeit, Fettleber, Diabetes und das metabolische Syndrom.
Zehn betreffen das Herz-Kreislauf-System, wie etwa Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall. Aber auch Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1 und diverse Krebsarten sowie depressive Störungen, Asthma und Gicht schafften es in die Liste.
„Wenn wir etwa als Kinder immer wieder etwas Süßes bekommen haben – als Belohnung, wenn wir brav waren, oder als Trost, wenn wir uns beim Spielen verletzt haben –, setzt sich in unserem Gehirn fest, dass wir später als Erwachsene immer dann zum Schokoriegel oder Ähnlichem greifen, wenn wir uns belohnen oder über einen Schmerz hinwegtrösten wollen“, betont Kiefer.
Die Nahrungsaufnahme wird dadurch von ihrer Funktion der Energiezufuhr entkoppelt und ein Werkzeug der Stimmungsregulation. Aus diesen Gewohnheiten muss man raus. „Und das geht, wie bei jeder Suchterkrankung, wenn bewusste, achtsame Entscheidungen die Gewohnheiten und Impulse im Schach halten“, rät Kiefer.