Osnabrück Resilienz in Krisenzeiten: Warum Schönheit wieder immer wichtiger wird
Flucht aus der Wirklichkeit oder Mittel der Resilienz? Schönheit wird gerade immer wichtiger, als Gegenbild zu einer Wirklichkeit voller Häßlichkeiten. Ein Plädoyer.
Jedes ist eine Sinfonie in schwelgerischen Farben. Und jetzt kehren sie an den Ort ihres Ursprungs zurück – die Seerosen-Gemälde von Claude Monet. Zum 100. Todestag des berühmtesten aller Impressionisten richtet Giverny unweit von Paris ein Fest der Kunst aus. Es gilt einer Kunst, die mit dem Motiv der treibenden Seerosen das Leben selbst feiert, in all seiner flüchtigen Schönheit.
Ein feines Kulturangebot, in der Tat, aber auch eines, das nach flacher Kunstkulinarik klingt, nach einem Pläsir für Kulturtouristen, gar nach einem Moment der Flucht aus einer immer raueren Wirklichkeit. Monets Seerosen – haben wir sie nicht schon bis zum Überdruss bestaunt?
Mir geht es nicht um die Frage, ob Monets wandfüllende Cinemascope-Gemälde nicht zu jenen Kunstwerken gehören, die man immer wieder ansehen kann, ohne ihre Faszination ausschöpfen zu können. Ich finde, dass ihre Schönheit gerade jetzt mehr als nur wohltuend ist. Sie hält die Vorstellung des schönen Lebens selbst wach, gerade dann, wenn eine hässliche Wirklichkeit sie unentwegt zu dementieren scheint.
Suchen viele Theatergänger, Musikhörer, Ausstellungsbesucher, Bücherleser nicht wieder nach dem vertieften Erlebnis der Schönheit? Ich frage mich das in der letzten Zeit immer wieder einmal, weil ich den Eindruck habe, dass viele Menschen die Schönheit suchen, als Refugium und Ruhepunkt, als einen mentalen Erholungsraum. Schönheit gegen die Hässlichkeit von Hass und Krieg, gegen die Rabiatheit des Geschreis im Netz, gegen den Verfall der guten Umgangsformen: Schönheit als Therapeutikum, als Gegenmittel?
Dabei stand es um die Schönheit zuletzt nicht zum Besten, gerade dort, wo sie ihren Stammplatz haben sollte – in den Künsten. Künste hatten in den letzten Jahren, ja Jahrzehnten interessant und aufwühlend zu sein, auf jeden überraschend und innovativ. Das Neue führte im Musenreich sein strenges Regiment. Das bloß Schöne galt als abgelegt und oberflächlich, ja, als rückwärtsgewandt.
Um nicht missverstanden zu werden: Ich plädiere nicht für eine konservative Wende in den Künsten. Auch ich misstraue der Schönheit dann, wenn sie aus nichts als polierter Oberfläche besteht, wenn sie eine Harmonie feiert, die schnell als verlogen entlarvt werden kann. Kunst darf, ja soll ihre Ecken und Kanten haben. Das finde ich auch.
Aber die Schönheit ist neu zu entdecken, nicht als marmornes Idealbild, sondern als menschliches Grundbedürfnis, nicht als kalte Perfektion, sondern als Freude jedes einzelnen Betrachters. Schönheit genügt sich nicht selbst, sie klagt etwas ein, das über reine Kunst hinausgeht: das schöne Leben, das allen Menschen zusteht.
Wer so auf das Schöne blickt, entdeckt ihren ethischen Kern. Schön ist die Menschenfreundlichkeit, hässlich ist der Hass. Schön ist der gerechte Ausgleich, hässlich ist die brutale Disruption. Schön ist die Humanität, hässlich ist die Bereicherung weniger.
Ich finde, dass sich mit diesen Perspektiven anders auf die Schönheit der Künste schauen lässt. Ich entdecke jedenfalls mehr und mehr, dass Schönheit wieder gesucht wird. Ich glaubte, diesen Trend deutlich bei den Ausstellungen rund um den Romantiker Caspar David Friedrich wahrzunehmen, bei einer Aufführung des Balletts „Schwanensee“, die an der Oper Chemnitz erleben durfte, oder der fulminanten Aufführung von Tschaikowskys 4. Sinfonie gerade im Osnabrücker Sinfoniekonzert.
In der Schönheit steckt das Votum für das schöne, weil zuträgliche Leben – und der Protest gegen Hassredner, Populisten, Gewinnler und Despoten, die auf der Bühne der Welt einen Auftritt haben, der schon viel zu lange währt.
Schönheit zählt wenig, wenn sie nur kühle Perfektion bleibt. Sie belebt und wärmt als Votum für das schöne, weil vollständige Leben. Ich verstehe all jene Menschen, die genau dieses Erlebnis der Schönheit wieder suchen. Versuchen Sie es doch auch einmal. Ich möchte unbedingt dazu raten.