Deutschland Tempolimit auf Landstraßen: Warum immer mehr Verkehrsexperten Tempo 80 fordern
Nirgendwo passieren mehr tödliche Unfälle als auf Deutschlands Landstraßen. Immer mehr Experten fordern daher eine Herabsetzung des Tempolimits auf 80 km/h. Doch der Vorstoß ist umstritten.
Im deutschen Straßenverkehr bleibt die Gefahr präsent – das zeigt die jährliche Unfallbilanz des Statistischen Bundesamtes. Auf Deutschlands Straßen sind im vergangenen Jahr 2814 Menschen ums Leben gekommen, 2024 waren es noch 2770. Die meisten tödlichen Unfälle ereigneten sich dabei auf Landstraßen. Im Jahr 2024 starben bei Unfällen auf Landstraßen 1571 Menschen. Auf Autobahnen verloren im selben Zeitraum 284 Menschen ihr Leben, innerorts sind es noch weniger.
Im Vorfeld der dritten Nationalen Verkehrssicherheitskonferenz, die am 14. April in Berlin stattfand, bekräftigten daher einige Verbände ihre Forderungen nach der Einführung eines Tempolimits von 80 km/h auf Landstraßen und 30 km/h innerorts. Darunter die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die Gewerkschaft der Polizei, die Initiative für sichere Straßen und einige andere Verbände fordern daher eine Änderung der Straßenverkehrsordnung.
Statt der bisher erlaubten 100 km/h soll außerorts flächendeckend nur noch 80, innerorts nur noch Tempo 30 erlaubt sein. Arno Wolter, Geschäftsführer der Initiative für sichere Straßen, verweist unter anderem auf das Nachbarland Frankreich, wo ein Tempolimit von 80 km/h zu deutlich weniger Unfällen auf Landstraßen geführt habe.
Eigentlich hatte man sich 2021 unter dem Titel „Vision Zero“ das Ziel gesetzt, bis 2030 die Zahl der Toten im Straßenverkehr um 40 Prozent zu senken. Doch zuletzt stiegen die Todesfälle auf deutschen Straßen wieder. Angesichts dieses Trends hält auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) Gespräche über Geschwindigkeitsreduzierungen auf Landstraßen für unvermeidlich.
DVR-Präsident Manfred Wirsch verweist darauf, dass rund 60 Prozent aller im Straßenverkehr getöteten Menschen auf Landstraßen verunglückten. Er meint: „Im Durchschnitt ein Todesopfer alle sechs Stunden. Vor diesem Hintergrund ist klar: Wer die Zahl der getöteten Menschen wirksam senken will, muss den Fokus auf Landstraßen legen. Ein angepasstes Tempolimit ist dabei ein besonders wirksamer Ansatz.“
Beim ADAC stößt dieser Vorschlag jedoch auf Ablehnung. „Eine Anpassung der geltenden Tempobegrenzungen auf Landstraßen ist aus Sicht des ADAC nicht erforderlich“, erklärt eine Sprecherin auf Nachfrage. Auf kurvigen und engen Strecken gebe es bereits punktuelle Beschränkungen – diese seien auch sinnvoll. Tempo 80 als Regelgeschwindigkeit einzuführen, sei hingegen „unverhältnismäßig“. Stattdessen müsse die Infrastruktur so ausgebaut werden, dass sich Landstraßen sicher mit 100 km/h befahren ließen.
Manfred Wirsch vom DVR wirbt deshalb für einen „tragfähigen Kompromiss“ und spricht sich für eine „differenzierte, an der Infrastruktur orientierte Geschwindigkeitsregelung“ aus. Konkret bedeutet das: Auf Landstraßen mit einer Fahrbahnbreite von bis zu sechs Metern soll grundsätzlich Tempo 80 gelten, an Kreuzungen und Einmündungen Tempo 70. „Wo die örtlichen Rahmenbedingungen es zulassen, kann die Beibehaltung von Tempo 100 weiterhin sachgerecht sein.“ Das wäre etwa bei besonders breiten Fahrbahnen, ausreichenden Sichtweiten, hindernisfreien Seitenräumen und baulich getrennten Fahrtrichtungen der Fall.
Wirsch hält eine solche Anpassung des Tempolimits mittelfristig für realistisch. Im Moment befinde man sich mit dem Vorschlag zwischen jenen, die den Status quo erhalten wollen, und jenen, die ein generelles Tempolimit fordern. „Der politische Prozess wird anspruchsvoll bleiben, doch die Argumente für eine Anpassung liegen angesichts der weiterhin hohen Zahl schwerer Unfälle mit Todesfolge auf der Hand.“
Bisherige Gespräche zu einem möglichen Tempolimit seien jedoch ohne Ergebnis geblieben. Der DVR-Präsident verspricht dennoch: „Wir werden nicht nachlassen, bis dieser fachlich begründete Ansatz in geltendes Recht überführt wird.“