Berlin  Radikalisierte Asylbewerber stellten in den vergangenen zehn Jahren den Großteil der islamistischen Attentäter in Deutschland – wie ist das zu erklären?

Nathan Giwerzew
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Von Nathan Giwerzew
| 13.04.2026 13:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Der Attentäter Issa al Hasan beim Prozess zum Mordanschlag auf dem Solinger Stadtfest, bei dem er drei Menschen tötete. Foto: dpa/Federico Gambarini
Der Attentäter Issa al Hasan beim Prozess zum Mordanschlag auf dem Solinger Stadtfest, bei dem er drei Menschen tötete. Foto: dpa/Federico Gambarini
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In Mannheim erstach der afghanische Islamist Sulaiman Ataee einen Polizisten. Das psychologische Gutachten über ihn gibt darüber Aufschluss, wie die Radikalisierung eines Asylbewerbers ablaufen kann. Im Vergleich mit ähnlichen Taten zeigt sich ein Muster.

Mannheim, 31. Mai 2024: Der afghanische Asylbewerber Sulaiman Ataee geht mit einem 18 Zentimeter langen Jagdmesser auf die Teilnehmer einer islamkritischen Kundgebung los. Auf einer Videoaufnahme von der Tat ist zu sehen, wie er in Richtung des Islamkritikers Michael Stürzenberger stürmt und ihm kurz darauf ins Gesicht sticht.

Ein Teilnehmer eilt Stürzenberger zu Hilfe, während Ataee weitere Menschen angreift. Dann sticht er dem Polizisten Rouven Laur zwei Mal von oben in den Hals. Laur erliegt einige Tage darauf seinen Verletzungen.

Es ist ein Muster, das Deutschland in den vergangenen Jahren immer wieder gesehen hat: Ein Asylbewerber aus einem muslimisch geprägten Land wandert ein, findet eine Arbeit, vielleicht auch eine Partnerin. Sein Asylantrag wird abgelehnt, er darf aber bleiben. Er ist zunehmend frustriert vom Leben in Deutschland.

Dann beginnt er, online islamistische Inhalte zu konsumieren. Er wendet sich von seinem bisherigen Umfeld ab, wird radikaler. Und begeht irgendwann ein Attentat, bei dem er im Namen des Islamischen Staates Menschen tötet oder verletzt.

Nur ein verschwindend kleiner Teil der muslimischen Asylbewerber in Deutschland betätigt sich im islamistischen Spektrum. Doch Asylbewerber stellten seit 2016 den Großteil der islamistischen Attentäter in Deutschland: Von 13 islamistischen Terroranschlägen, die laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz im Zeitraum von Anfang 2016 bis Anfang 2025 im Namen des Islamischen Staates begangen wurden, gingen nach Recherchen der NZZ 10 auf das Konto von Asylbewerbern. Der Großteil von ihnen hat sich erst auf deutschem Boden radikalisiert.

Im Zeitraum von 2016 bis Anfang 2026 kommt das Bundeskriminalamt sogar auf 16 ausgeführte und 24 verhinderte islamistische Anschläge, wobei es allerdings den Hintergrund der Verdächtigen auf Anfrage offenlässt. Wie ist es zu erklären, dass Asylbewerber in den vergangenen zehn Jahren den größten Teil der islamistischen Attentäter in Deutschland stellten?

Psychologische Gutachten aus Terrorprozessen liefern dazu keine abschließenden Antworten, wohl aber Indizien. Sie geben Aufschluss über das Innenleben der jungen Männer, die im Namen des Islamischen Staates aktiv werden. Am Gutachten über den afghanischen Islamisten Sulaiman Ataee lässt sich das besonders plastisch zeigen.

Es ist auf den 24. Juli 2025 datiert und wurde vor dem Oberlandesgericht Stuttgart verlesen. Der NZZ liegt es schriftlich vor. Ataee wird darin als schuldfähig eingestuft, das Gericht verurteilte ihn zur Höchststrafe von 15 Jahren Haft. Psychische Erkrankungen spielten demzufolge bei seiner Tat keine relevante Rolle.

In Afghanistan erlebte Ataee Gewalt als etwas Alltägliches. Sein Vater habe nicht nur seine Mutter geschlagen, sondern auch ihn mit einem Kabel ausgepeitscht und ihm ins Gesicht getreten. Ataee will zudem mitbekommen haben, wie sein Nachbar wegen „Schulden“ erschossen worden sei. Allzu religiös waren seine Eltern nicht.

2013 reiste Ataee als Minderjähriger nach Deutschland ein. Er machte einen Realschulabschluss, wurde zweifacher Vater, fand Arbeit, die ihn gleichwohl frustrierte. Online habe er sich „Reden von Hitler und von Christian Lindner“ angehört, so gibt der Gutachter Ataees Aussagen wieder, wobei er von deren Körpersprache und Worten beeindruckt gewesen sei.

Vor seiner Radikalisierung war er demzufolge ein junger Mann mit einem zerrütteten Selbstbild und einem Hang zu Verschwörungstheorien. Der Gutachter stellt bei ihm außerdem „ein hohes Streben nach Größe und Bedeutsamkeit“ fest.

Ungefähr im Jahr 2022 wurde Ataee Islamist. Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan weckte bei ihm nach eigener Aussage Interesse an islamistischen Ideen. Er begann, sich Ansprachen von Taliban-Gelehrten auf der Videoplattform Youtube anzusehen. Doch die Taliban schienen ihm irgendwann nicht mehr radikal genug. Auf dem Messenger-Dienst Telegram sah er Videos des afghanischen IS-Ablegers Islamischer Staat – Provinz Khorasan. Und dann nahm Ataee Kontakt zum IS auf.

Ihn habe fasziniert, dass der IS „mit Gottes Gesetz geherrscht“ habe, gab er im Gespräch mit dem Gutachter zu Protokoll. Er wurde Mitglied von IS-Kanälen und Chatgruppen. Außerdem habe er online an religiösem Unterricht des IS teilgenommen. Im Frühjahr 2023 verließ er diese Gruppen vorübergehend, weil sie „schlecht für seine Seele“ gewesen seien.

2024 wurde er wieder aktiv – laut eigener Aussage, weil ihn Videos über den Krieg und die Zerstörung in Gaza aufgewühlt hätten. Bis zu sieben Stunden am Tag habe er auf Telegram verbracht und sich damit von seiner deutschen Frau isoliert, so Ataee.

Nach dem Vorbild eines Aktivisten, der seinen deutschen Pass zerrissen habe, habe er ebenfalls gegen den „Genozid“ in Gaza „etwas machen“ wollen. Ataee kontaktierte wieder den IS über Telegram. Ein Operateur mit dem Kürzel „O. R.“ leitete ihn daraufhin an. Ihm habe er alles geglaubt. Hätte dieser es ihm befohlen, wäre er „vielleicht“ auch vom Balkon gesprungen, antwortete Ataee auf eine Frage des Gutachters.

Obwohl er zu dem Zeitpunkt arbeitslos war, spendete er auf Aufforderung von „O. R.“ Geld an den Islamischen Staat. Ataee delegierte sein Gewissen an einen Mann, den er niemals gesehen, geschweige denn in Person getroffen hatte.

Man dürfe „einen Polizisten töten, wie man eine Fliege tötet“, soll „O. R.“ ihm gesagt haben. Jeder Muslim könne „Ungläubige“ töten und den Feinden der Muslime die Welt zur Hölle machen. Er solle die Bluttat „jetzt“ begehen, „nicht später“. Die Auswahl seines Opfers überließ „O. R.“ Ataee; er entschied sich für einen Angriff auf den „Islamhasser“ Stürzenberger.

Er tötete den Polizisten Laur und verletzte fünf weitere Menschen schwer. Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte ihn zu einer lebenslangen Haftstrafe.

Der Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler ist für das Counter Extremism Project in Berlin und New York tätig und berät in dieser Funktion auch deutsche Ministerien. Er hat das Gutachten für die NZZ eingesehen. Schindler sagt, der Wahrheitsgehalt von Ataees Aussagen sei teilweise fraglich. Dennoch sei dieser Fall „geradezu typisch“ für islamistische Radikalisierung und für das Vorgehen des IS. „Oft verfängt IS-Propaganda in den sozialen Netzwerken bei Migranten, die Brüche in ihrer Persönlichkeit aufweisen“, sagt er.

Bei der Radikalisierung spielten mehrere Faktoren eine Rolle, sagt Schindler. Gescheiterte Ambitionen sowie die offensichtliche Überforderung mit der Integration in eine liberale westliche Gesellschaft, die ein „völlig anderes Wertesystem“ als die islamisch geprägte Heimat aufweise, erzeugten einen inneren Konflikt. Sie träfen oft auf eine „Vorradikalisierung“, wenn Migranten bereits in ihrer Heimat mit islamistischem Gedankengut in Kontakt gekommen seien.

Eine niedrige Hemmschwelle gegenüber Gewalt infolge von Fluchttraumata und Kriegserfahrung tue ihr Übriges. Zusätzlich nutzten islamistische Akteure seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem Krieg in Gaza verstärkt den Nahostkonflikt als Mobilisierungsfaktor. Ins Visier der Attentäter geraten vermehrt Staaten, die Israel tatsächlich oder vermeintlich unterstützen.

Diese Kriterien treffen nicht nur auf Ataee zu. Ein Attentat mit einer ähnlichen Vorgeschichte ereignete sich in Solingen, wo im September 2024 ein abgelehnter syrischer Asylbewerber auf einem Stadtfest drei Menschen erstach. In Berlin verletzte im Februar vergangenen Jahres ein syrischer Asylmigrant einen spanischen Touristen am Holocaust-Mahnmal mit einem Messer schwer, weil er Juden töten wollte.

Wie Ataee bekannten sich beide Attentäter zum Islamischen Staat, mit dessen Operateuren sie in Kontakt standen. Und wie bei Ataee spielte auch bei ihrer Radikalisierung der Gaza-Krieg eine Schlüsselrolle. Der Solingen-Attentäter Issa al-Hasan gab an, er habe sich für das „jüdische Massaker“ rächen wollen, das Israel gemeinsam mit der Hilfe christlicher „Kreuzfahrer“ begehe. Der Berliner Attentäter Wassim al-Muslah gab an, sein IS-Kontaktmann habe ihm gesagt, mit seiner Tat werde er zum „Frieden in Palästina“ beitragen.

Weil der IS militärisch in Syrien und im Irak besiegt sei, setze er auf Terror in westlichen Staaten, sagt Schindler. „Sein Ziel ist es, westliche Staaten durch den Terror zu zermürben und sie so zum Rückzug aus der islamischen Welt und zum Ende der Unterstützung Israels zu zwingen.“ Einzelne Attentäter, die sich von sich aus dem IS anschlössen, reichten dafür aus.

Der IS strebe auf diese Weise „erst die Wiederherstellung des Kalifats aus der Zeit des Propheten Mohammed, dann dessen globale Expansion an“. Europaweit stellen Islamisten inzwischen den Großteil der festgenommenen Terrorverdächtigen.

Dabei seien soziale Netzwerke für die Strategie des IS entscheidend, sagt Schindler. Der IS verschieße in den sozialen Netzwerken eine Art digitales Streufeuer: „Abhängigkeit entsteht durch Gewöhnung. Wer einmal auf der Videoplattform Tiktok ein Terrorvideo sieht, bekommt davon noch mehr angezeigt. Was gestern noch zu extrem war, wird irgendwann normal.“ Die digitale Sphäre sei als Treiber der Radikalisierung inzwischen weitaus wichtiger als extremistische Moscheen oder Islam-Vereine.

In Reaktion auf die islamistischen Terrorangriffe in Mannheim und Solingen verschärfte das deutsche Innenministerium zunächst die Kontrollen an den deutschen Binnengrenzen. Um Straftäter mit schweren Delikten nach Afghanistan und Syrien ausschaffen zu können, nahm der christlich-soziale Innenminister Alexander Dobrindt sogar Kontakt zu den afghanischen Taliban und den islamistischen Machthabern in Syrien auf. Bisher sind nur wenige Ausschaffungen gelungen.

Aus Schindlers Sicht können migrationspolitische Maßnahmen sinnvoll sein, um den Zustrom nach Deutschland zu begrenzen. Und doch reichten sie nicht aus, um den Terror einzudämmen. So werde die Gefahr durch islamistische Inhalte in sozialen Netzwerken noch immer nicht ernst genug genommen, meint Schindler. „Wenn die Betreiber sozialer Netzwerke es größtenteils schaffen, Pornografie von ihren Plattformen fernzuhalten, warum gelingt es ihnen nicht auch bei terroristischen Inhalten?“

Er kritisiert außerdem, dass deutsche Sicherheitsbehörden kaum Befugnisse hätten, um islamistische Netzwerke online aufzuklären und gegen diese vorzugehen: „Während andere Staaten für die Auswertung von Daten bei Anti-Terror-Ermittlungen längst künstliche Intelligenz einsetzen, hinkt Deutschland technologisch hinterher, da wichtige rechtliche Grundlagen fehlen.“ Entsprechend stark seien deutsche Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste auf Hinweise aus dem Ausland angewiesen.

Mit der Aufnahme von rund 2,8 Millionen Asylmigranten seit dem Jahr 2015 nahm Deutschland eine gigantische Herausforderung an. In vielen Fällen gelang ihre Integration. Doch die Massenmigration von muslimischen Asylbewerbern nach Deutschland schuf auch einen neuen terroristischen Tätertypus: jung, entwurzelt, anschlussfähig für die Ideologie des IS.

Der Verfassungsschutz bewertet die Gefährdung durch islamistischen Terrorismus in Deutschland als „anhaltend hoch“. 90 Prozent der Ermittlungsverfahren der Generalbundesanwaltschaft entfielen in den vergangenen zehn Jahren auf Verdächtige aus dem islamistischen Spektrum, die staatsgefährdende Straftaten geplant oder ausgeführt haben sollen. Diese Gefahr wird sich auch politisch nur schwer wieder eindämmen lassen.

Dieser Text erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

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