Osnabrück  Hautcreme zum Essen: Violet Amoabeng will Idee aus Ghana nach Osnabrück bringen

Jakob Rüter
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Von Jakob Rüter
| 09.04.2026 11:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zusammen mit Osnabrücker Unternehmern von „Fair Equity“ möchte Violet Amoabeng ihre essbaren Kosmetikprodukte nach Europa bringen. Foto: Leon Randel
Zusammen mit Osnabrücker Unternehmern von „Fair Equity“ möchte Violet Amoabeng ihre essbaren Kosmetikprodukte nach Europa bringen. Foto: Leon Randel
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Das Osnabrücker Start-up „Fair Equity“ investiert in ein Unternehmen, das essbare Kosmetikprodukte herstellt. Violet Amoabeng aus Ghana erklärt, wieso Sheabutter bald neben der Erdnussbutter im Supermarkt stehen könnte.

Deutsche Supermärkte sind oft klar unterteilt in Lebensmittel, Haushaltsprodukte und Kosmetik. Niemand würde darauf kommen, Hautcreme zu essen oder sich die Finger mit Honig einzucremen. Violet Amoabeng hält diese Unterteilung aber für überholt und verkauft seit Jahren naturbelassene Hautpflegeprodukte in Ghana – die auch essbar sind. Damit hat sie nun auch die ersten Osnabrücker überzeugt.

Es ist eine weite Reise, die Amoabeng hinter sich hat. Von Ghana über Äthiopien, Zürich und Hamburg bis in die Friedensstadt. Die Gründerin des Unternehmens „Skin Gourmet“ kommt etwas erschöpft, aber mit einem strahlenden Lächeln in Osnabrück an. Gerade erst hat sie den Vertrag unterschrieben, der ihr Unternehmen nach Europa bringen soll: eine Partnerschaft mit den Osnabrücker Investoren von „Fair Equity“, die ihr 250.000 Euro Kapital und wertvolles Praxiswissen zur Seite stellen sollen.

Amoabengs Verkaufsidee irritiert erst mal. „Bei Skin Gourmet stellen wir essbare Hautpflege her“, erklärt Amoabeng. Was zunächst wie ein Marketing-Gag klingt, ist tief in der ghanaischen Kultur verwurzelt. „In einigen lokalen Gemeinschaften wird Kokosöl oder Sheabutter sowohl zum Kochen als auch für die Haut verwendet. Es ist dasselbe Rohmaterial“, sagt die Gründerin.

Ihr Sortiment umfasst 55 Produkte, von Körperbuttern über Peelings bis hin zu Ölen. Etwa 80 Prozent davon sind laut Amoabeng vollständig essbar. „Wir arbeiten mit Kakao, Baobab, Sheabutter, Moringa und Hibiskus – im Grunde mit allem, was wir in der Natur von Ghana finden können“, sagt sie. Nur bei den Seifen (Cleansern) macht sie eine Ausnahme: „Wir haben noch nicht herausgefunden, wie man Seife gut schmecken lässt“.

Die Geschichte von Skin Gourmet begann mit einer persönlichen Entdeckung. Als Amoabeng nach ihrem Studium in den USA nach Ghana zurückkehrte, war sie von der sozialen Kluft schockiert. Damals noch als Bankerin arbeitend, wollte sie etwas verändern, wusste aber nicht wie – bis eine hartnäckige Wunde an ihrer Lippe durch einfache Sheabutter innerhalb von drei Tagen heilte.

Mit gerade einmal 45 Dollar, dem Restguthaben auf ihrem Konto, startete sie in der Küche ihres Vaters. „Ich habe das Logo in Powerpoint erstellt, zu Hause ausgedruckt, mit einem Klebestift aufgeklebt und die Dosen in meinen Kleiderschrank gestellt. Mein Onkel hat mich ausgelacht“, erinnert sie sich.

Die selbst gemachten Produkte hat Amoabeng verschenkt: „Ich habe gehofft, dass sie den Leuten so gut gefallen, dass sie wiederkommen und sie kaufen“. Ihre Idee fruchtet. Elf Jahre später ist aus dem Schrank-Projekt eine Produktreihe geworden, die in mittel- bis höherpreisigen Supermärkten in Ghana verkauft wird und nun den europäischen Markt erobern soll.

Für die Osnabrücker Investoren war nicht nur das Produkt ausschlaggebend, sondern die Vision dahinter. „Wir waren fasziniert, weil Violet so motiviert ist und das Business ohne Geld von null auf aufgebaut hat“, erklärt Karsten Wulf, Gesellschafter von Fair Equity. Die Zusammenarbeit startete durch eine Nachricht auf dem Berufsnetzwerk Linkedin und ist laut Wulf als langfristige Partnerschaft angelegt. Es gehe vor allem darum, eine nachhaltige Infrastruktur und soziale Gleichheit zu schaffen.

Trotz der geplanten Expansion will Amoabeng ihrem Prinzip treu bleiben: Die gesamte Produktion soll weiterhin in Ghana stattfinden. „Wir wollen das Wirtschaftswachstum in Ghana ankurbeln und menschenwürdige Arbeitsplätze in der gesamten Wertschöpfungskette der Produkte schaffen“, betont sie. Ziel der neuen Finanzierung sei unter anderem, eine Fabrik in Bonyai im Norden Ghanas aufzubauen.

Bei Skin Gourmet arbeiten vor allem Frauen, die nun durch neue Verträge ein deutlich höheres Einkommen erzielen sollen. „Wir zahlen den Frauen eine 100-prozentige Prämie auf ihre Arbeit. Oft verdienen sie weniger als 1,10 Dollar am Tag, während das Produkt in Europa oder Amerika teuer verkauft wird. Diese Ungerechtigkeit möchten wir ändern“, sagt Amoabeng.

Dass die Unternehmerin mit Skin Gourmet ausgerechnet in Europa durchstarten will, hat einen taktischen Grund. „Der europäische Konsument ist mein liebster, weil er so schwierig ist“, scherzt Amoabeng. „Wenn man in Europa verkaufen kann, kann man überall verkaufen. Die Menschen hier fordern Qualität und Nachhaltigkeit“.

Nachhaltig sollen laut Amoabeng auch die Produkte von Skin Gourmet bleiben. „Der Grund, warum sie essbar sind, ist, dass wir die regionalen Zutaten so natürlich wie möglich belassen“, sagt die Gründerin. Diese Sauberkeit wünsche sie sich in Zukunft für die gesamte Kosmetikindustrie.

Aber wo würden die ghanaischen Produkte im Osnabrücker Supermarkt landen? „Bei den Lebensmitteln“, sagt Amoabeng überzeugt. So gehöre beispielsweise die Sheabutter, die auch als vegane Butter zum Braten genutzt werden kann, für sie in die Lebensmittelabteilung.

Anderen Gründerinnen, die mit ihrer Idee durchstarten wollen, rät Violet Amoabeng: „Verliebt euch in ein Problem, nicht nur in das Produkt. Wenn man leidenschaftlich an das Konzept von dem glaubt, was man tut, findet man immer einen Weg.“

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