Osnabrück Lehrerpräsident Stefan Düll über KI in der Schule: „Können Hausaufgaben so nicht mehr machen“
Künstliche Intelligenz ist längst im Schulalltag angekommen, erst recht bei den Schülern selbst. Was bedeutet das für den Unterricht, Hausaufgaben und Prüfungen? Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, gibt Einblicke.
Lehrer haben dieser Tage keinen einfachen Job: marode Schulen, fehlende Mittel für Bildung, Herausforderungen durch Migration, Lehrermangel und jetzt auch noch KI. Wie sehr krempeln Chatbots wie Gemini und ChatGPT den Schulalltag um?
„Die Schüler sagen ganz offen, dass sie KI benutzen. Die meisten nennen ChatGPT“, sagt Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Für ihn ist klar: Künstliche Intelligenz ist nicht mehr wegzudenken. Sie gemeinsam im Unterricht anzuwenden, die Ergebnisse zu analysieren und auch ethische Fragen zu diskutieren, sei Aufgabe der Schulen.
Bis jetzt, zeigen mehrere Studien, nutzen die meisten Schüler KI aus eigenem Antrieb und nicht, weil die Schule es vorgibt oder lehrt. Laut einer Bitkom-Befragung aus 2025 verwenden 65 Prozent der 14- bis 19-Jährigen KI für schulische Zwecke, während es an nur 23 Prozent der weiterführenden Schulen zentrale Regeln für die Nutzung Künstlicher Intelligenz gibt.
Beinahe die Hälfte der Schüler gab zudem an, die Lehrer würden es nicht bemerken, wenn sie unerlaubterweise KI einsetzen. „Alles, was außerhalb des Klassenzimmers passiert, könnte theoretisch mit oder von einer KI erledigt worden sein“, sagt Düll. Das sei für Lehrkräfte kaum kontrollierbar.
Bedeutet KI damit das Ende der Hausaufgaben? „Die Gefahr besteht, dass wir Hausaufgaben so nicht mehr machen können“, so der Lehrerpräsident. „Deswegen ist es wichtig, dass wir in den unteren Klassen zwecks Übung und in Prüfungen zwecks Verhinderung von Unterschleif (Betrug - Anm. der Redaktion) die Handschrift noch fordern.“
Erst im Januar entschied ein Hamburger Gericht, dass schulische Leistungen grundsätzlich eigenständig erbracht werden müssen, und bescheinigte einem Schüler damit sogar einen Täuschungsversuch.
Auch bei Fach- oder Seminararbeiten, an denen Schüler über einen längeren Zeitraum arbeiten, sei eine Kontrolle nicht möglich.“Da wird es ganz schwer, Aufgaben so zu stellen, dass sie nicht mit Unterstützung von KI behandelt werden können. Eigentlich kann ich nur noch über eine mündliche Prüfung feststellen, ob die Arbeit wirklich eigenständig gemacht worden ist. Da darf ich gar nicht den Inhalt abfragen, sondern fragen: ‚Wie kommst du denn zu dem Inhalt?‘“ Und selbst da sieht Düll Möglichkeiten, mithilfe von KI zu schummeln: Beispielsweise, indem Schüler sich mit einem Chatbot auf die mündliche Prüfung vorbereiten und ihn die wahrscheinlichsten Fragen beantworten lassen.
„Das Risiko ist: Wir verlernen es, unser Hirn selber einzusetzen, beispielsweise um etwas zu analysieren – das macht ja die KI und sie macht es gar nicht mal schlecht“, sagt Düll. Er sieht bei Schülern eine Glaubensfrage: Wenn künstliche Intelligenz doch eh so viel besser und schneller in der Erledigung von Aufgaben und noch dazu immer verfügbar ist, wozu dann noch lernen?
Vokabeln und Grammatik pauken, den Dreisatz verinnerlichen – das klingt stumpf und stupide, sagt Düll, aber es schult das Gehirn und vermittelt Wissen, auf dessen Basis aufgebaut werde. „Das ist die Herausforderung: Dass Schule weiterhin motivieren muss, das eigene Hirn anzustrengen und zu lernen. Sonst wird es gefährlich.“ Diese Aufgabe werde nicht einfach, denkt der Lehrerpräsident.
Gleichzeitig dürfe man die jungen Leute nicht unterschätzen. Social-Media-Abhängigkeit, KI-Missbrauch, Verantwortungslosigkeit: So, wie heute über Jugendliche gesprochen werde, pathologisiere und kriminalisiere man sie. Das sei nicht gerecht, findet Düll: Schüler seien durchaus in der Lage, gewissenhaft und fair mit digitalen Anwendungen umzugehen. „Wir müssen ertragen können, dass die jungen Menschen von heute andere Kompetenzen entwickeln, als wir sie noch haben.“
Zwar stellen mittlerweile beinahe alle Bundesländer spezielle KI-Anwendungen wie Telli oder Fobizz für die Schulen bereit, mit denen sowohl Lehrer als auch Schüler arbeiten können. Doch noch nicht alle Lehrkräfte sind gleich gut informiert und „fit“ im Umgang mit den Chatbots. Aus seinem Schulalltag berichtet Düll, dass viele Kollegen sich für Fortbildungen anmeldeten und mit KI arbeiteten. „Die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen, ist da“.
Künstliche Intelligenz als eigenes Unterrichtsfach einzuführen, hält der Lehrerpräsident für nicht zielführend. Schneller reagieren könnten die Lehrer, indem sie KI im Fachunterricht einbeziehen – am besten schon in niedrigen Jahrgängen.„Außerhalb der Schule haben schließlich alle den Zugriff: Ob bei der Google-Suche oder bei Whatsapp, überall ist KI dabei.“