Osnabrück JD Vance will, dass ich in den Himmel komme: Beten lernen mit der „Hallow“-App – eine Rezension
Samuel Koch, Gwen Stefani und Kevin-Prince Boateng machen mit: Die „Hallow“-App ist traditionelle katholische Frömmigkeit im Hosentaschenformat, bezahlt von JD Vance und Peter Thiel. In der Fastenzeit geht es um Schuld und Bekehrung. Ein Selbstversuch.
Meine letzte persönliche Begegnung mit Frater Xaver Maria war nicht so fromm: Wir trafen uns zufällig in einer Pommesbude. Wenig später zog der Novize im Dominikanerorden von Vechta nach Wien, um sich dort weiter auf die Priesterweihe vorzubereiten.
Jetzt höre ich die Stimme von Frater Xaver Maria auf meinem Handy, genauer in der populärsten katholischen App der Welt. „Hallow“ heißt sie, und in den USA wird sie an manchen Tagen häufiger heruntergeladen als Tiktok oder KI-Programme zur Erstellung von Pornobildern.
Weltstars machen Werbung für „Hallow“: „No Doubt“-Sängerin Gwen Stefani und Hollywood-Schauspieler Mark Wahlberg etwa. Finanziert haben die App unter anderem der amerikanische Vizepräsident JD Vance und der rechtskatholische US-Investor Peter Thiel. Dass der rechtspopulistische TV-Agitator Tucker Carlson für die amerikanische Version von „Hallow“ Werbung macht, sorgt für Kritik.
Der humanistische Pressedienst, quasi das Sprachrohr der organisierten Atheisten in Deutschland, warnt, „Hallow“ sei kein „harmloser Gebetsbegleiter“, sondern wolle vielmehr eine „reaktionäre Weltordnung unter religiösen Vorzeichen legitimieren“. Weil die App Nutzerdaten sammle, werde „Glaube zur Ware, spirituelle Praxis zur Nutzerbindung, Datenschutz zur Nebensache“.
Ich will mir ein eigenes Bild machen und nehme gemeinsam mit 1,9 Millionen weiteren Menschen an der Gebets-„Challenge“ (deutsch: Herausforderung oder Mutprobe) zur Fastenzeit teil. Moderator: Frater Xaver Maria aus der Pommesbude. Auch dabei: Bernadette Lang. Eine kritische ARD-Doku hatte sie im Herbst als „Postergirl“ der frommen Loretto-Gemeinschaft vorgestellt. Dabei ist sie auch Theologin, Religionspädagogin und Leiterin der Akademie ihrer Gemeinschaft. So viel zum Sexismus der Aufklärer.
Bernadette Lang und Frater Xaver Maria stellen in der „Challenge“ im Laufe der Fastenzeit abschnittsweise den Roman „Die Brüder Karamasow“ des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski vor. Davon ausgehend werden Glaubensfragen verhandelt und viel gebetet.
Es geht viel um Schuld und Sünde. Irgendwie ist das klischeehaft, aber Umkehr ist nun mal auch der spirituelle Schwerpunkt der Fastenzeit. Wenn es einen Zeitpunkt im Kirchenjahr gibt, um über Schuld zu reden, dann jetzt.
Tag 14, seit zwei Wochen begleiten wir die Brüder Karamasow. Gerade erwägt Mitja Karamasow, seinen Vater zu ermorden. Dann kommt der Schwenk ins Heute. „Jesus-Kehre“ nennen Theologen das. Der Dominikaner Xaver Maria sagt: „Unsere eigene Gebrochenheit wirkt sich auf andere aus, doch ebenso wirken sich die Sünde und Verwundung anderer auf uns aus. Alles fließt und ist miteinander verbunden.“
An Tag 21 klagt Iwan Karamasow Gott mit der berühmten Parabel vom Großinquisitor an: Jesus kommt zur Zeit der spanischen Inquisition zurück auf die Erde, wird aber vom Großinquisitor angeklagt, weil er den Menschen zu viel Freiheit gelassen habe. Die Szene thematisiert zentrale Fragen des christlichen Glaubens: Freiheit versus Sicherheit, Eigenverantwortung versus Fügung.
Auch wenn die „Hallow“-Episoden zu all diesen Themen meist nur 15 Minuten dauern: Immer wieder lasse ich Folgen aus, schalte die App tagelang nicht an.
Schon am ersten Tag habe ich einmal die Nase voll. Theologin Lang spricht ihre Abschnitte mit der für charismatische Christen typischen Begeisterung. Durchs Handy kann man ihr verzücktes Lächeln hören. „Atomchristen“, spotte ich gegenüber einem Freund, „weil sie so strahlen“. Am Aschermittwoch, als sie über die Vergebungsbereitschaft Gottes nachdenkt, klingt das so: „Er rennt auf dich zu, der Vater, er rennt dir mit offenen Augen entgegen und hebt dich hoch wie ein Kind … Du gibst dich in seine Umarmung und lässt dich fallen in seine Arme.“ Ich denke an eine besonders gefühlige Traumreise in der Grundschule. Die Mischung aus Paternalismus und eingebildeter Körperlichkeit ist nicht meins.
Zum Glück gibt es den Schauspieler Samuel Koch. Das ist der Mann, der 2010 bei „Wetten, dass..?“ verunglückte und seitdem querschnittsgelähmt ist. Freitags leitet er bei „Hallow“ die Gebetseinheiten der „Challenge“. Er legt ein Gebet des Schweizer Nationalheiligen Nikolaus von der Flüe aus: Es geht um Trennung von Gott, um das Wachsen in der Nächstenliebe. Kochs Beiträge sind ernsthaft, nicht extrem. Fromm, aber nicht kitschig.
Und dann gibt es noch Ferdinand Habsburg, Autorennfahrer und Sprössling aus dem österreichischen Kaiserhaus. Jede Woche stellt er eine biblische Figur vor, die sich bekehrt: König David und den Propheten Jona, den Zöllner Zachäus und den Apostel Paulus. Habsburg meint, es gehe darum, die eigenen Kräfte und Talente zum Guten umzulenken. „Bekehrung bedeutet also nicht, aufzuhören, du selbst zu sein. Es bedeutet, dein Leben Gott zu übergeben und ihm zu erlauben, es für sein Reich zu gebrauchen.“
An wiederum anderen Tagen gibt es Video-Interviews mit Promis. Der Ex-Fußballer Kevin-Prince Boateng erzählt im Video von seiner Bekehrung. Die christlichen Hiphop-Brüder von O’Bros, die 2025 vier Wochen an der Spitze der deutschen Albumcharts standen, sprechen über ihre Karriere und darüber, wie es ist, von den „Mainstream-Medien“ ausgegrenzt zu werden.
Jonathan Roumie, Jesus-Darsteller in der amerikanischen TV-Serie „The Chosen“, erklärt, wie er mit sich um sein öffentliches Bekenntnis für den Lebensschutz und gegen Abtreibung rang. Elizabeth Tabish, die in der Serie Maria Magdalena spielt, spricht über Sehnsucht.
Neben der „Challenge“ hat „Hallow“ aber noch andere Inhalte, ein ganzes Sammelsurium an Podcasts und Videos, eine Mischung aus Spotify und Netflix, nur halt christlich. Manche der hier Mitwirkenden werden von den Medien oder Vertretern der Amtskirchen kritisch beäugt. Nur ein deutscher Bischof macht bei „Hallow“ mit: Stefan Oster aus Passau. Selbst unter seinen Amtsbrüdern gilt er manchen als zu traditionell-frömmelnd.
Man kann sich kaum vorstellen, dass der Mainstream der deutschen Amtskirche, die Deutsche Bischofskonferenz gar, hier mitmacht, schon wegen der umstrittenen amerikanischen Geldgeber. Auch, dass Josémaria Escrivá gelegentlich als Zitatgeber in „Hallow“ auftaucht – freilich ohne dass er als Gründer des umstrittenen und vom Papst kritisch beäugten Laienordens Opus Dei vorgestellt wird – dürfte in kirchlichen Kreisen für hochgezogene Augenbrauen sorgen.
Trotzdem: „Hallow“ ist deutlich besser als alles, was unzählige gut bezahlte Referenten in den Bistumsverwaltungen erdenken. Technisch und visuell auf der Höhe der Zeit, spirituell klar und nicht verdruckst.
Ein Fußballstar und ein Rennfahrer, Schauspieler und junge Rapper: Christlich zu sein ist bei „Hallow“ nicht spießig, sondern hipp. Nicht erklärungsbedürftig, sondern selbstverständlich. Die Sprecher reden häufiger über Gott als über die Kirche. Dass sie missionieren wollen, ist klar. Schon am ersten Tag werde ich „eingeladen“, andere für „Hallow“ zu begeistern. Aber muss ich ja nicht.
Mein emotionaler Tief- und Höhepunkt kommt an Tag 30: das Videointerview mit einer Großfamilie. Es geht um einen Mann, der seine neun Kinder allein großzieht, seit vor acht Jahren seine Ehefrau mit 39 Jahren an Darmkrebs verstorben ist. Der Witwer und seine Kinder erzählen über die Mutter, die Diagnose, den Tod und die Trauer.
Junge, kluge Menschen, die Trost finden im Glauben – und miteinander. Am Ende wird das Leben vor allem durch andere Menschen lebenswert, denke ich. Im Handy jedenfalls, in das ich jeden Tag so oft schaue, spielt es sich nicht ab. In dieser Fastenzeit hat mich ausgerechnet eine App daran erinnert.