Osnabrück  Was kommt nach dem Tod, Bischof Tebartz-van Elst? „Ich stelle mir unendlichen Frieden vor“

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 03.04.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
„Wiederholungen werden diejenigen nicht überzeugen, die mir nicht glauben“: Franz-Peter Tebartz-van Elst. Foto: KNA
„Wiederholungen werden diejenigen nicht überzeugen, die mir nicht glauben“: Franz-Peter Tebartz-van Elst. Foto: KNA
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Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst gehört zu den wenigen hochrangigen Deutschen im Vatikan. Ein Gespräch über seine Rolle im Limburger Kirchenskandal, private Lateinlektionen mit Benedikt XVI. und die Frage, wie es im Jenseits aussieht.

Franz-Peter Tebartz-van Elst hatte schon viele Looks. In seiner Zeit als Bischof von Limburg kannte man ihn glattrasiert mit jungenhaftem Kurzhaarschnitt. Zwischenzeitlich, nach seinem Weggang nach Rom, trug er bei öffentlichen Auftritten einen grauen Vollbart und Seitenscheitel. Heute, an diesem Tag in der Fastenzeit, erscheint er mit Randbrille und nach hinten gekämmten Haaren auf dem Computerbildschirm. Nur der Rest der Erscheinung ist seit Jahren immer gleich: dunkles Hemd unter dunklem Pulli oder Jackett, dazu der weiße Priesterkragen.

Der 66-Jährige meldet sich zum Video-Interview aus dem sogenannten Dikasterium für die Evangelisierung, einer päpstlichen Behörde, die neue Wege der Glaubensweitergabe erarbeiten soll. Sie ist in einem geschmacksneutralen Verwaltungsgebäude in Rom untergebracht. Die Rückwand seines Büros, die man auf dem Bildschirm erkennen kann, ist kahl: Auch im Vatikan geht es auf der Arbeitsebene nüchtern zu. Dafür kann Tebartz-van Elst, wenn er es prächtiger haben will, von hier innerhalb von fünf Minuten zum Petersdom laufen.

Frage: Herr Bischof, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie das Wort „Ostern“ hören?

Antwort: Im Moment ist es ein Wort aus der Enzyklika „Spe salvi“ von Papst Benedikt XVI. Darin heißt es: „Der Mensch braucht die Ewigkeit. Jede andere Hoffnung ist für ihn zu kurz. Dass es diese Zukunft gibt, ändert die Gegenwart.“ Wir dürfen unser Leben ausrichten auf etwas, was danach kommt. Das ist meine zentrale Osterbotschaft, die ich in diesem Jahr verkünden möchte.

Frage: Ich hatte jetzt eher mit etwas Bunterem gerechnet, Schoko-Eier oder ein Kirchenlied vielleicht.

Antwort: Ich habe Ende Februar die erste Pressekonferenz des neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz im Fernsehen gesehen, von Heiner Wilmer. Als der die Journalisten im Saal begrüßte, sagte er nicht „Liebe Damen und Herren“ oder „Liebe Geschwister im Glauben“, oder was andere immer so sagen. Er sagte: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden.“ Da habe ich gedacht: Sie haben den Richtigen gewählt. Darum geht es doch: Dass wir wirklich von dem sprechen, was uns als Christen das Alleinstellungsmerkmal verleiht, von unserem Glauben. Und das heißt vor allem: von unserem Glauben an die Auferstehung.

Frage: Okay: Wie sieht es im Jenseits aus?

Antwort: Ja, wie sieht es da aus? Menschen, die Nahtoderfahrungen gemacht haben, erzählen von Licht, von Ruhe, davon, dass sie gar nicht mehr zurückwollten. Aber die Wahrheit ist: Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass diejenigen, die, wie es so schön heißt, in die Hände Gottes hinein sterben, auferstehen zu einem anderen Leben.

Frage: Wie stellen Sie es sich denn vor?

Antwort: Als eine unendliche Erfahrung von Frieden. Ich erlebe, dass all die Dinge, die ich auf Erden versucht habe, nicht umsonst waren. Dass es einen tieferen Sinn gibt, dass ich eine Sendung hatte für dieses Leben und dass ich jetzt in Gott ausruhen darf. Dass ich alle die wiedersehe, die mir kostbar und wichtig sind – und vielleicht auch die anderen, mit denen ich dann in einer anderen Weise kommuniziere, als ich es auf Erden getan habe.

Frage: Die katholische Kirche sagt, die Menschen würden „leiblich“ auferstehen. Was soll das heißen?

Antwort: Nicht mit diesem Leib, der ja verfällt, das wissen wir ja. Aber dass alles, was wir mit unserem Leib erfahren haben, alle Beziehungen, alles, was an Freude und Leid in unserem Leben gegenwärtig war, dass das nicht vergessen ist. Dass wir als konkrete und einzigartige Person weiterexistieren. Das meint eigentlich leiblich, und das glaube ich zutiefst. Wir können eben nur in Bildern und Dimensionen denken, die wir hier auf Erden haben. Aber es wird weit über das hinausgehen, was wir mit Worten beschreiben können. Letztlich ist es, glaube ich, entscheidend, dass wir uns in die Hände Gottes geben. Das ist das Einzige, was wir von uns aus machen können. Darum ist es auch wichtig, dass wir uns auf den Tod vorbereiten.

Frage: Wie machen Sie das?

Antwort: Indem ich versuche, die Gelassenheit des Evangeliums aufzuspüren. Mich nicht zu wichtig zu nehmen. Manche Dinge, zu denen ich etwas sagen könnte, einfach zu lassen und zu denken, „schluck es runter, es bringt nichts“. Wenn man das auf Erden öfter eingeübt hat, kann man das auch im Moment des Todes machen: loslassen. Ich weiß von meinem Großvater, der Bürgermeister einer Gemeinde war, dass er große Schwierigkeiten hatte zu sterben. Der hatte einen richtigen Todeskampf. Raus aus dem Bett, rein ins Bett. In dem Maße, in dem man das Loslassen eingeübt hat im Leben, kann man auch sterben.

Frage: Wie können Eltern mit ihren Kindern über solche Themen sprechen?

Antwort: Kinder fragen: „Wo ist Oma, wo ist Opa, wenn sie sterben?“ Das zu erklären ist für Erwachsene schon schwierig. Ich glaube, man merkt es eher an der Art, wie jemand darüber spricht: ob er selbst im Glauben verankert ist oder nicht. Wir können die Nachricht von der Auferstehung nicht wie einen nassen Waschlappen den anderen um die Ohren hauen. Wir müssen bezeugen, wie wir selber auf diese Fragen zugehen.

Frage: Soll man mit kleinen Kindern an Ostern in die Kirche gehen? Die sitzen da ja dann anderthalb Stunden und verstehen schlimmstenfalls kein Wort.

Antwort: Ich glaube, ich würde sie immer mitnehmen. Die Erinnerung daran, in die Kirche gegangen zu sein, prägt junge Menschen fürs ganze Leben. Man muss gar nicht alles verstehen. Ich verstehe auch nicht alles im Glauben. Das Geheimnis ist immer größer als wir selbst: Das ist ja gerade die Botschaft eines festlichen Gottesdienstes.

Frage: Wie feiern Sie Ostern im Vatikan?

Antwort: Ich wohne ja im deutschsprachigen Priesterkolleg Santa Maria dell’Anima, da will ich einen Gottesdienst übernehmen. Am Ostersonntag bin ich auch auf dem Petersplatz dabei, wenn Papst Leo den Ostergottesdienst feiern wird. Der Termin ist für mich jedes Jahr gesetzt: Ich genieße es, wenn Ostern wie Weihnachten vom immer gleichen Ablauf geprägt ist. Dann muss man nichts leisten oder organisieren, sondern kann sich einfach einlassen auf das, was einem zuteilwird.

Frage: Ihr Jobtitel im Vatikan lautet „Delegat“. Was ist das?

Antwort: Mein Bereich ist die sogenannte Katechese, also die Einführung in den christlichen Glauben. Als Delegat ist es meine Aufgabe, die inhaltlichen Konzepte und Methoden der verschiedenen Länder der Weltkirche zu beobachten und zu verknüpfen. Wir als Vatikan können keine Entwürfe ausarbeiten, die überall gleich passen. Dafür sind die Situationen zu unterschiedlich. Aber wir können von den unterschiedlichsten Ortskirchen hören, wie sie die Glaubensunterweisung angehen, und diese Anregungen dann weitergeben. Dafür treffe ich Bischöfe aus aller Welt, wenn sie nach Rom kommen, und reise selbst auch viel. In den elf Jahren im Amt bin ich allein 35 Mal in den USA gewesen. Gerade war ich auf einer Konferenz in Manila.

Frage: Glaubensvermittlung läuft heute auch über das Internet. Im katholischen Bereich gibt es eine Handy-App namens „Hallow“, mit der sich zig Millionen Menschen weltweit Meditationen, Gebete und Predigten anhören. Die Inhalte gelten allerdings als streng konservativ. US-Vizepräsident JD Vance gehört zu den Investoren. Was hält der Vatikan von „Hallow“?

Antwort: Grundsätzlich muss man immer schauen, von wem etwas kommt und was damit bezweckt wird. Wenn wir zum Beispiel evangelikale Elemente in unsere katholische Liturgie einbauen, spricht das manche Jugendliche vielleicht besonders gut an. Aber es ersetzt letztlich nicht die Feier des Glaubens mit allen Generationen, mit allen Gruppierungen. Das zeichnet uns als Kirche ja aus: dass wir der Vereinzelung und dem Separatismus der Gesellschaft etwas entgegenhalten können.

Frage: Haben Sie sich „Hallow“ mal angeguckt?

Antwort: Ja, einmal. Ich bin aber nicht so der digitale Typ. Wenn ich in dem Bereich irgendwas brauche, frage ich meinen Neffen. Wir Ältere kennen diese Dinge oft gar nicht bis ins Detail hinein. Aber vielleicht sind wir gerade deshalb auch sensibler für die Gefahren, die damit verbunden sind. Für mich ist eine persönliche Kommunikation jedenfalls immer mehr wert als die Internet-Kommunikation.

Frage: Sie haben mit Papst Leo seit knapp einem Jahr einen neuen Chef. Wie verändert sich der Arbeitsalltag in einer Vatikanbehörde, wenn es einen neuen Papst gibt?

Antwort: Die Abläufe bleiben weitgehend gleich. Aber natürlich werden sich die inhaltlichen Akzente verändern. Deshalb habe ich ihn vor einigen Wochen auch um eine Privataudienz gebeten, um zu hören, was ihm beim Thema Glaubensvermittlung wichtig ist.

Frage: Und?

Antwort: Er ist sehr straight, das schätze ich außerordentlich an ihm. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass wir Straightness brauchen. Wir werden nie alle erreichen können oder es allen recht machen. Umso deutlicher müssen wir gerade jetzt sagen, wo wir stehen. Dafür steht Papst Leo in hervorragender Weise.

Frage: Unter Leos Vorgänger Franziskus galt das Verhältnis Roms zu den deutschen Bischöfen als zerrüttet. Wer war daran mehr schuld, der Papst oder die Deutschen?

Antwort: Die Formulierung „zerrüttet“ finde ich problematisch. Es ist sicher wichtig, dass sich die Deutsche Bischofskonferenz jetzt einen Vorsitzenden gewählt hat, der Italienisch spricht. So kann er die Anliegen der Deutschen auch hier in Rom entsprechend zur Geltung bringen. Man muss die Sprache kennen, sonst sind Sie hier in Rom abgehängt.

Frage: Wie gut ist Ihr Italienisch?

Antwort: Es ist eine wunderschöne Sprache, und sie geht einem wunderbar über die Lippen. Aber ich bin auch froh, dass ich mit Papst Leo jetzt auf Englisch reden kann. Das lernt man ja schon in der Schule, und ich habe in den USA studiert, das kommt einem dann sofort wieder. Es ist einfach ein Unterschied, ob Sie mit 20 eine Fremdsprache lernen oder mit 50.

Frage: Und Ihr Latein?

Antwort: Ich lese es und kann es übersetzen, aber sprechen kann ich es nicht. Als Papst Benedikt den Kardinälen 2013 auf Latein seinen Rücktritt verkündet hat, haben viele von ihnen das gar nicht verstanden. Das sagt ja auch etwas darüber aus, wie sich das Sprachenstudium in der Kirche verändert hat. Nach Benedikts Rücktritt, als er auf seinen Alterssitz in das Kloster Mater Ecclesiae zog, hat er einen privaten theologischen Arbeitskreis gegründet. Er nannte das „Oberseminar“. Dazu hat er zwei Professoren und zwei Bischöfe eingeladen, einer davon war ich. Dann haben wir Thomas von Aquin auf Latein gelesen. Das habe ich vor den Sitzungen natürlich für mich schon einmal durchübersetzt, damit ich mir sozusagen keine Blöße gebe.

Frage: Benedikt hat aus Spaß lateinische Lesestunden abgehalten?

Antwort: Er war immer bestens vorbereitet. Er hantierte mit seinen Büchern aus seiner Zeit als Theologieprofessor, die mit seinen kleinen Bleistiftnotizen übersät waren: Allein diese Bücher zu sehen, war schon ein Erlebnis. Benedikt war schon ein Schwergewicht. Wie manche sagen: der größte Theologe, den die Kirche je hatte seit Gregor dem Großen, also seit dem 6. Jahrhundert.

Frage: Ist es vorstellbar, dass Sie noch einmal eine Position in Deutschland bekleiden?

Antwort: Da müssen Sie den Heiligen Vater fragen. Der entscheidet das, nicht ich.

Frage: Was würden Sie sich denn wünschen?

Antwort: Ich bin in allem, was auf mich zugekommen ist, immer gut beraten gewesen, der Stimme der Kirche zu folgen. Ich gehe dahin, wo ich hingeschickt werde.

Frage: In Deutschland verbindet man Ihren Namen vor allem mit dem Verschwendungsskandal im Bistum Limburg. Wie beurteilen Sie heute die Rolle, die Sie dabei gespielt haben?

Antwort: Ach, das ist so lange her. Elf Jahre sind eine lange Zeit. Es verblasst immer mehr. Ich denke gar nicht viel darüber nach, weil mein Blick nach vorn geht, nicht nach hinten.

Frage: Warum fällt es Ihnen als spirituellem Menschen und als Theologen so schwer, einfach mal zu sagen: „Ich habe auch Fehler gemacht“?

Antwort: Ich habe im September 2013 eine Stellungnahme abgegeben beim Kreuzfest in Königstein. Damals habe ich den Menschen gesagt: „Wo ich Sie enttäuscht und verletzt habe, bitte ich um Verzeihung und Nachsicht.“ Das gilt bis heute. Was ich damals gesagt habe, habe ich aufrichtig, von ganzem Herzen gesagt. Wiederholungen werden diejenigen nicht überzeugen können, die mir nicht glauben, und durch Wiederholung wird das Gesagte nicht wahrer.

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