Osnabrück Osnabrückerin an der Seite von Collien Fernandes – das war ihr Eindruck von der Demo
Der Fall Collien Fernandes hat eine Debatte ausgelöst. In Hamburg formierte sich am 26. März eine Demo gegen Gewalt gegen Frauen. Mit auf der Bühne als Moderatorin: die Osnabrückerin Sanata Doumbia-Milkereit. Wie kam es dazu?
Der Einsatz für die Rechte von Mädchen und Frauen, das ist das Herzensthema von Sanata Doumbia-Milkereit. Die Osnabrückerin, die 2023 mit dem Elisabeth-Siegel-Preis der Stadt ausgezeichnet worden war, hat dafür nun eine ganz große Bühne bekommen: Am 26. März moderierte sie die Demo gegen Gewalt an Frauen, zu der in Hamburg rund 22.000 Menschen gekommen waren. Aufgerufen zu der Demo hatte die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes. Ihre Vorwürfe der digitalen sexualisierten Gewalt gegen ihren Ex-Partner, den Schauspieler Christian Ulmen, über die zuerst der „Spiegel“ berichtet hatte, hatten eine Protestwelle ausgelöst.
Sanata Doumbia-Milkereit wurde 1991 an der Elfenbeinküste geboren und wuchs in Osnabrück auf. Sie ging in der Hasestadt zur Schule, ins Mädchenzentrum, engagiert sich bei terre des femmes, wo sie ehrenamtliche Vorständin ist, und im Verein Exil. Sie war Zeitsoldatin, ist Mitglied im Verband berufstätiger Mütter, Reservistin, Autorin und freie Journalistin, hat den Master of Science in Klinischer Psychologie und Psychotherapie und promoviert zur weiblichen Genitalverstümmelung. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt sie heute in Dannau bei Plön in Schleswig-Holstein. Wir haben uns mit ihr unterhalten, wie sie die Demo erlebt hat.
Frage: Sie haben die Demo gegen sexualisierte Gewalt in Hamburg moderiert, wie ist es dazu gekommen?
Antwort: Die Anfrage kam über die Publizistin Alexandra Zykunov, mit der ich bereits durch andere feministische Veranstaltungen privat im Austausch stand. Was ich besonders bemerkenswert finde: Am Anfang stand kein großes Bündnis, sondern eine kleine Gruppe von Frauen, die sich zusammengetan haben. Binnen weniger Tage haben die diese Demonstration auf die Beine gestellt. Für mich war sofort klar, dass ich zusage, weil ich mich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftige – aus wissenschaftlicher Perspektive, aus meiner politischen Arbeit heraus und auch aufgrund eigener Erfahrungen. Die Kundgebung stand unter dem Motto: „Es reicht.“ Das beschreibt auch meinen eigenen Impuls sehr gut. Es ist eine Haltung.
Frage: Wie fühlte es sich an, vor 22.000 Menschen über dieses Thema zu sprechen?
Antwort: Es war ein sehr intensiver Moment, auf mehreren Ebenen. Natürlich ist da zunächst Aufregung. Ich hatte nicht das Gefühl, vor einer anonymen Masse zu stehen, sondern mit Menschen in Verbindung zu sein, die genau wie ich Veränderung wollen. Die Menschen waren präsent, zugewandt, sie haben zugehört – auch bei sehr persönlichen Beiträgen. Es waren sehr viele Frauen da, aber eben auch viele Männer, die sich solidarisch zeigten. Und das ist entscheidend.
Frage: Wie meinen Sie das?
Antwort: Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenthema. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Wir wollen gemeinsam ein Zeichen setzen. Für die Betroffenen, für die Politik. Und auch ein Zeichen an die Täter: Eure Zeit ist vorbei, wir weichen nicht. Und genau dieses gemeinsame Zeichen war elektrisierend und zu jeder Zeit spürbar. Meine eigene Rolle hat sich im Laufe des Tages auch verändert. Man geht von dem Gedanken „Ich moderiere hier eine Veranstaltung“ hin zu dem Bewusstsein: „Ich halte gerade einen Raum für sehr viele Menschen – und für ein sehr sensibles Thema.“
Frage: Welchen Eindruck hat Collien Fernandes auf Sie gemacht?
Antwort: Ich habe sie als sehr authentisch, stark und gleichzeitig sehr menschlich erlebt. Sie kam auf die Bühne und hat sehr offen gezeigt, wie bewegt sie ist. Collien hat mich gebeten, bei ihr zu bleiben, weil sie sich in diesem Moment einfach Sicherheit gewünscht hat. Das fand ich bemerkenswert, weil es zeigt, dass Stärke nicht bedeutet, alles allein tragen zu müssen. Sie hat gesagt, dass sie eigentlich vorhatte, stark zu sein. Darin lag eine Spannung, zwischen dem Anspruch an sich selbst und dem, was emotional gerade passiert. Und gerade darin liegt Stärke – sich zu zeigen, berührbar zu sein und trotzdem die eigene Stimme zu erheben. Genau das hat Collien in diesem Moment getan. Diese Kombination aus Entschlossenheit und Verletzlichkeit hat viele Menschen erreicht und diese Veranstaltung getragen.
Frage: Was glauben Sie, muss getan werden, um wirksam Gewalt jeglicher Art gegen Frauen einzudämmen?
Antwort: Wir müssen aufhören, Gewalt gegen Frauen als Einzelfälle zu betrachten. Es handelt sich nicht um isolierte Ereignisse. Auch wenn es für viele Menschen den Anschein haben mag, geht es nicht um den konkreten Fall Collien Fernandes, sondern um das strukturelle Problem, das dahintersteckt. In einer perfekten Welt sollte jede Straftat, jeder Skandal, jeder Missstand die gleiche Aufmerksamkeit wie in diesem Fall bekommen. Und es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen, dass es sich beim Deepfaking um ein Sexualdelikt handelt und es strafrechtlich verfolgt werden sollte.
Frage: Sie haben als Kind selbst Gewalt erfahren. Wie haben Sie darunter gelitten? Und wie sind Sie damit umgegangen?
Antwort: Ich habe als Kind psychische, physische und sexualisierte innerfamiliäre Gewalt erlebt. Hier gilt: Für ein Kind bleiben die Eltern die Eltern. Das Bewusstsein zu entwickeln, dass etwas nicht stimmt, ist ein sehr herausfordernder Prozess. Das lässt sich auch auf Beziehungsgewalt übertragen. Ich habe mich lange sehr allein, einsam und isoliert gefühlt. Und ich habe mich geschämt. Diese Scham sorgt dafür, dass man schweigt, dass man zweifelt und sich selbst infrage stellt. Diese Scham zu überwinden, dafür Worte zu finden und sich anderen Menschen anzuvertrauen, war für mich eine große Hürde. Deshalb ist mir dieses Thema so wichtig, weil ich weiß, wie tief solche Erfahrungen wirken und wie lange sie nachhallen können.
Frage: Sie haben vor drei Jahren in Osnabrück den Elisabeth-Siegel-Preis erhalten, der an Frauen vergeben wird, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen. Wie können Frauen und Mädchen vor Gewalt geschützt werden?
Antwort: Schutz entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Wir brauchen verlässliche Strukturen: ausreichend finanzierte Schutzräume, gut erreichbare Beratungsstellen und niedrigschwellige Hilfsangebote. Gleichzeitig braucht es Aufklärung und zwar frühzeitig. Es braucht auch eine klare gesellschaftliche Haltung gegen Gewalt. Vor allem müssen wir Betroffenen Beachtung schenken. Solange Betroffene damit rechnen müssen, nicht ernst genommen oder infrage gestellt zu werden, bleiben viele Fälle unsichtbar. Die Scham muss die Seite wechseln und die Verantwortung auch, genau darum geht es. Dass nicht Betroffene sich rechtfertigen müssen, sondern dass Verantwortung endlich dort verortet wird, wo sie hingehört. Das ist nicht nur eine politische Aufgabe, sondern eine gesamtgesellschaftliche.