Hamburg Ulrich Wickert über seinen Werdegang – und wie er heute die Tagesthemen schaut
Ein café au lait mit Ulrich Wickert in Hamburg: Der ehemalige Mr. Tagesthemen spricht im Interview über sein Leben als Autor und seinen Werdegang im Journalismus vor dem Internet-Zeitalter. Die Digitalisierung sieht er als Medienprofi differenziert.
Wir treffen uns in Hamburg zum Interview im kleinen französischen „Café par ici!“, nahe gelegen am feinen Leinpfadkanal, der parallel zur Alster verläuft. Ulrich Wickert, unvergessener Grandseigneur des deutschen TV-Journalismus und unermüdlicher Buchautor, kommt zu Fuß, da er in der Nähe wohnt. Er bestellt in perfektem Französisch nonchalant ein Croissant und einen café au lait. Die Begrüßung fällt wie stets charmant old school mit Handschlag aus.
Frage: Als Sie 1942 in Tokio geboren wurden, war Ihr Vater Rundfunkattaché an der dortigen Botschaft – was war dessen Funktion?
Antwort: Das Auswärtige Amt wollte die Berichterstattung über das Deutsche Reich nicht allein Propagandachef Goebbels überlassen. Mein Vater war verantwortlich dafür, dass deutsche Nachrichten in japanischen Programmen platziert wurden. Chef dieser Rundfunkabteilung im Auswärtigen Amt war übrigens Kurt Georg Kiesinger, einer unserer späteren Bundeskanzler (1966–1969).
Frage: Nach dem Abitur in Deutschland begannen Sie ein Studium, Politik und Jura, und bekamen 1962 ein Fulbright-Stipendium. Damals im Kalten Krieg war das noch ungewöhnlich.
Antwort: Senator William Fulbright, ein Demokrat, hat dieses Stipendium initiiert. Er setzte sich für den freien, internationalen akademischen Austausch ein. Ich hatte großes Glück, das Stipendium nach dem dritten Semester antreten zu können. Die Zeit in den USA hat mich sehr geprägt.
Frage: Sie besuchten für ein Jahr die Wesleyan University in Connecticut. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Antwort: Ich belegte unter anderem politische Wissenschaften, ich wollte das amerikanische System kennenlernen, und ich lernte Russisch, das galt damals als die Zukunftssprache. Nach einem Jahr konnte ich die Prawda lesen. In den USA habe ich gelernt, was Freiheit bedeutet. Als ich zurückkam, sagte ich mir: Du willst alles Mögliche werden, nur nicht Beamter. Das erste juristische Staatsexamen habe ich noch gemacht. Ich behaupte immer, dass ich das nur bestanden habe, weil ich versicherte, danach meine juristische Karriere sofort zu beenden.
Frage: Nach dem Studium haben Sie für den Hessischen Rundfunk und dann für den WDR gearbeitet.
Antwort: Zunächst schrieb ich Hörfunk-Features. Von meinem ersten Honorar, fabelhafte 1500 D-Mark, viel Geld damals, kaufte ich mir ein gebrauchtes VW‑Cabrio. Eher durch Zufall schickte mich dann im September 1968 das WDR-Fernsehen nach Ägypten als Aushilfe, weil ich erzählt hatte, dass ich als Student durch Ägypten gereist war und mich auskannte. Offenbar war man zufrieden mit mir. Und da ich fließend Französisch sprach, schickte man mich gleich auf den nächsten Trip nach Brüssel. Dann bot man mir den Job als fester freier Mitarbeiter bei „Monitor“ an, dem politischen TV-Magazin.
Antwort: Dort habe ich viel über rechtsextreme Organisationen wie die NPD oder die Wiking-Jugend recherchiert und darüber berichtet. Und weil ich in Frankreich in die Schule gegangen war, wurde ich immer wieder als Reporter nach Paris geschickt und erlebte den Abgang von de Gaulle, die Wahl von Pompidou, von Giscard d’Estaing und später auch von Mitterrand. Der Wickert sprach ja fließend Französisch.
Frage: 1978 bekamen Sie eine Stelle im Frankreich-Studio der ARD, um dann 1981 als Korrespondent nach New York zu gehen.
Antwort: Aus Paris habe ich dem deutschen Fernsehpublikum zur besten Sendezeit – das ging damals noch, da es kein Privatfernsehen gab – nicht erklärt, dass die Franzosen anders sind, sondern warum sie anders sind. Bevor ich nach New York ging, hätte ich Chefredakteur des ARD-Senders Radio Bremen werden können, aber ich fand New York journalistisch denn doch reizvoller, auch wenn es zu jener Zeit eine wirklich riskante Stadt war.
Antwort: Es konnte bisweilen lebensgefährlich sein, tagsüber, geschweige denn nachts, durch den Central Park, Harlem oder durch Brooklyn zu gehen. Aber ich hatte in der Zeit unvergessliche Begegnungen, etwa mit Tennessee Williams, Roy Lichtenstein, Meryl Streep, und ich habe mit Arthur Miller auf dem Tennisplatz von Dustin Hoffman gespielt.
Frage: Heute kann man mit dem Mobiltelefon live Schaltgespräche führen, wie war das damals?
Antwort: Schaltgespräche hatte ich sehr viele zu führen, ich war als Korrespondent ebenfalls für die UNO zuständig. Und damals fand der Falklandkrieg statt. Und es war durchaus keine Ausnahme, wenn ich deshalb in die Tagesthemen geschaltet wurde, ich erst mal nichts hörte oder die Leitung manches Mal gänzlich zusammenbrach.
Frage: Es folgte Ihr zweiter längerer Aufenthalt von 1984 bis 1991 als Chef des Pariser ARD-Büros.
Antwort: Das war eine politisch sehr interessante Zeit, François Mitterrand war schließlich der erste sozialistische Staatspräsident, 1981 bis 1995. Er spielte schließlich eine wesentliche Rolle bei der deutschen Wiedervereinigung. Ich konnte interessante kulturelle Themen drehen, wie ein TV-Porträt des berühmten Eugène Ionesco, ein großer Dramatiker und Vertreter des absurden Theaters. In eines seiner Bücher hat er mir eine rührende Widmung hineingeschrieben: „Für meinen letzten Freund, den ich kennenlernte“.
Frage: Wie hat es sich ergeben, dass Sie im Juli 1991 erster Moderator der Tagesthemen in Hamburg wurden?
Antwort: Mich haben das Funktionieren und die Hintergründe von Politik immer schon fasziniert. Deswegen wäre ich lieber Leiter des Hauptstadtstudios Bonn geworden. Aber mein Freund, der Journalist Hanns Joachim Friedrichs (1927–1995), schlug mich als seinen Nachfolger bei den Tagesthemen vor. Wir waren eng befreundet, er moderierte die Tagesthemen von 1985 bis 1991.
Antwort: Anfänglich wollte ich das gar nicht und bin erst mal nach Hamburg gefahren, um mir die Tagesthemen-Redaktion anzuschauen, und ich studierte die Moderationen von Hanns Joachim Friedrichs. Ich habe bemerkt: Uli, du musst die Moderationen in deiner eigenen Sprache formulieren. Das wirklich Spannende war, dass ich mich inhaltlich sehr viel einbringen konnte. Ich gestaltete zusammen mit der Redaktion das Programm.
Frage: Haben Sie die privaten Sender wie RTL oder Sat.1, die es seit 1984 in Deutschland gab, mit deren Berichterstattung als Konkurrenz empfunden?
Antwort: Es gab immer wieder Versuche, den Tagesthemen Konkurrenz zu machen. Wir haben hier und dort reagiert, unsere Beiträge wurden mal kürzer oder gingen näher an die Menschen ran. Aber wir haben unsere Spitzenstellung immer halten können, weil wir das Format Tagesthemen ständig weiterentwickelt haben.
Frage: Bis 2006 haben Sie die Tagesthemen als Anchor moderiert, 2007 kam das erste iPhone auf den Weltmarkt. Welche technischen Neuerungen erlebten Sie?
Antwort: Ich erinnere mich daran, dass ein ARD-Korrespondent aus Afghanistan mit seinem Laptop gesendet hat, das war seinerzeit schon bemerkenswert. Aber es gab immer noch diese komischen Situationen, etwa von mir im Studio und einem Korrespondenten im Nahen Osten: Wir wollen miteinander sprechen. Ich frage ihn immer etwas, aber er hört mich nicht und sagt nur mehrmals, er müsse jetzt mit den Tagesthemen verbunden werden. Na ja, ist jetzt alles Schnee von gestern.
Frage: Ist es Ihnen schwergefallen, bei den Tagesthemen aufzuhören? Sie waren doch mittlerweile eine feste TV-Größe geworden.
Antwort: Ich hatte immer Drei-Jahres-Verträge und als ich den letzten unterschrieb, der am 31. August 2006 endete, wusste ich: Dies ist mein letzter Vertrag. Ich würde dann bald 65 Jahre alt sein und in dem Alter hört man bei der ARD (aber ja auch beim ZDF) mit dem Moderieren auf.
Antwort: Damals, und auch heute noch, werde ich oft angesprochen. Ich war ja lange auf dem Bildschirm in unterschiedlichen Funktionen präsent. Aber das Ansprechen hat mich eine Zeit lang irritiert, denn ich sagte mir: Die Menschen sprechen die Figur aus dem Fernsehen an, nicht mich persönlich. Insgesamt kann ich festhalten, dass es mir überhaupt nicht schwergefallen ist, mit dem Fernsehen aufzuhören.
Frage: Sehen Sie heute noch viel fern und welche Rolle spielt Social Media für Sie?
Antwort: Ich schaue regelmäßig Fernsehen, etwa die Tagesschau oder die Tagesthemen, aber das Angenehme ist: Ich kann es tun, wann und wo ich will. Ich stelle mein Handy an die Weinflasche, wenn wir beim Abendessen sitzen und wenn die Tagesschau läuft, oder ich schaue mir die Tagesthemen-Sendung vom Vorabend an, wann ich es möchte. Die ARD-Mediathek gibt es erst seit 2008. Früher hatte man sich strikt an die vorgegebenen Sendezeiten zu halten, heute kann man die öffentlich-rechtlichen Sender streamen und sie werben dafür, das junge Publikum ist Unabhängigkeit gewohnt.
Antwort: Im Übrigen bin ich für die Beschränkung von Social Media. Meine 14-jährigen Kinder haben einen restriktiven Zugang zu Social-Media-Kanälen. Wenn ich sehe, wie Eltern ihrem ganz jungen Kind, das noch nicht einmal in der Schule ist, im Restaurant ein iPad vor die Nase setzen, damit es Ruhe gibt, finde ich das schlimm. Wenn Social Media völlig unkontrolliert genutzt werden kann, ist das schlecht für den Einzelnen und schlecht für die Gesellschaft.
Frage: Sind Sie auf irgendwelchen Social-Media-Kanälen anzutreffen?
Antwort: Nein, weder auf Instagram noch auf Facebook, LinkedIn oder Tiktok. Für mich ist das alles völlig verzichtbar. Und ich vermisse diese Art der Kommunikation überhaupt nicht.
Frage: Hingegen ist die Liste der Belletristik oder der Sachbücher, die Sie geschrieben haben, sehr lang.
Antwort: Schreiben ist für mich etwas sehr Schönes, Befriedigendes. Es beschäftigt mich und hält mich geistig lebendig. Ich recherchiere zu jedem Buch – sei es zu meinem bislang letzten Sachbuch „Salut mes amis. Meine Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen“ oder zu meinem bislang letzten Kriminalroman „Der Raub im Tunnel“ – außerordentlich exakt und intensiv, so wie ich es als Journalist gelernt und schätzen gelernt habe.