Köln Comedian Michael Mittermeier: „Soll ich etwa aus Mitleid die FDP wählen?“
40 Jahre auf Tour, 25 Jahre unter Schmerzen: Michael Mittermeier spricht im Interview über die heilende Kraft des Lachens, Hass im Netz und über die ominöse Liste der angeblich verbotenen Wörter.
Mit seinen energiegeladenen Shows begeistert Michael Mittermeier seit mittlerweile 40 Jahren die Massen. Dass der bekannte Comedian dabei auch immer eine klare politische Haltung einnimmt, überzeugte die Jury des Bayerischen Kabarettpreises. Der bekennende Grünen-Wähler spricht über Anfeindungen durch Internet-Trolle und erklärt, warum er für Künstler, die sich über angebliche Sprachverbote in der Comedy beschweren, kein Verständnis hat.
Frage: Herr Mittermeier, Sie feiern in diesem Jahr Ihr 40-jähriges Tour-Jubiläum. Wenn Sie auf diese lange Zeit zurückblicken: Was bedeutet Ihnen die Bühne?
Antwort: Für mich ist die Bühne meine Sauna, meine absolute Erholung. Ich habe heutzutage oft 15-Stunden-Arbeitstage, bevor ich abends überhaupt ins Rampenlicht trete, aber ich freue mich den ganzen verdammten Tag darauf. Ich weiß ganz genau: Um 20 Uhr gehe ich da hoch, muss nicht mehr groß nachdenken und schmeiße mich einfach in die Menge. Das, was ich mache, ist im Grunde genommen ein Surfen auf den Lachern. Ich surfe auf der Welle der guten Energie der Menschen.
Frage: Wenn Sie auf der Bühne Ihre Erholung finden, können Sie sich dann überhaupt vorstellen, jemals mit Comedy aufzuhören, oder wollen Sie in 20 Jahren immer noch auf der Bühne stehen?
Antwort: Warum nicht? Mein Vorbild Emil Steinberger ist mittlerweile 93 Jahre alt und hat letztes Jahr noch eine Kinotour gemacht. Ich durfte auch mal eine Sendung mit dem legendären Jerry Lewis zu dessen 80. Geburtstag moderieren, das war ein wahnsinniges Erlebnis. Solange ich auf mich aufpasse, etwas zu erzählen habe und Lust verspüre, geht das, vielleicht sogar bis 93. Der erste Tag, an dem ich auf der Bühne stehe und nur noch daran denke, was ich nachher essen kann, ist der Tag, an dem ich aufhöre. Im Moment habe ich aber noch so viel Bock, dass ich mein aktuelles Programm „Flashback“ bald beende, obwohl ich noch 50 Termine dranhängen könnte, einfach weil ich lieber das Neue spielen will.
Frage: Die Testauftritte für die nächste Tour „Oldboy … sind wir bald da?“ starten schon im September, Ihre aktuelle Tour läuft noch bis Juli. Gehen Ihnen bei den immer neuen Shows nicht die Witze aus?
Antwort: Egal, wie lange ich das mache, möchte ich immer einen Schritt weiter gehen, neugierig bleiben, den Zeitgeist spüren und etwas Neues angehen. Ich bin ohnehin mit jedem Programm irgendeinen anderen Weg gegangen. Mir sind immer noch neue Dinge eingefallen.
Antwort: Viele Comedians denken sich nach zehn Jahren Tour: „Die nächste Show wird eine Best-of-Show.“ Ich habe das noch nie gemacht. Es wäre zwar ganz geil, mal ein Programm nur mit meinen Lieblingsnummern zu machen, aber im Moment fällt mir schlichtweg zu viel Neues ein. Ob ich irgendwann später vielleicht doch mal meine Lieblingsnummern aneinandergeklatscht spiele? Keine Ahnung.
Frage: Gab es auch Phasen in Ihrem Leben, in denen die vielen Auftritte eher eine Belastung waren?
Antwort: Das Leben auf der Bühne hat mich durch extrem dunkle Zeiten getragen. Meine Frau und ich haben vier Kinder verloren, vier Totgeburten. Es waren unfassbar harte acht Jahre, die permanent zwischen absolutem Schmerz, Wahnsinn und der starken Euphorie auf der Bühne schwankten. An sehr schweren Tagen starrte ich nur auf die Wand, wusste nicht mehr weiter. Aber ich wusste auch: Um 20 Uhr gehe ich auf die Bühne. Die Energie der Menschen hat mir unglaublich geholfen. Die Bühne war für mich pure Verarbeitung. Körperlich hat es mich aber kaputtgemacht.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Ich habe 25 Jahre lang nicht einen einzigen Tag ohne Schmerzen auf der Bühne gestanden. Ich bin mit Schmerzen aufgewacht, hatte Schmerzen auf der Bühne und bin abends mit Schmerzen eingeschlafen.
Frage: 25 Jahre Schmerzen – wie hält man das aus?
Antwort: Das ist diese unglaubliche Live-Energie, die dich das wegdrücken lässt. Ich war oft in Zuständen auf der Bühne, da liegen andere Leute längst im Krankenhaus. Einmal bin ich mit einem zerschmetterten Schlüsselbein aufgetreten, und drei Tage nach der Operation stand ich bei meiner allerersten „Wetten, dass..?“-Sendung und habe lächelnd in die Kamera gewinkt.
Frage: Welchen Ratschlag würden Sie dem jungen Michael Mittermeier aus heutiger Sicht mit auf den Weg geben?
Antwort: Ich hatte damals einen völlig falsch verstandenen Ehrenkodex, eine klassische Zirkuspferd-Mentalität. Heute weiß ich, dass ich mir ein paar Dinge hätte sparen können. Auch ein paar Shows hätte ich absagen sollen, als es mir so schlecht ging. Erst durch viel Therapie waren die letzten sechs Jahre meine besten der vergangenen 30 Jahre.
Antwort: Außerdem würde ich meinem Vergangenheits-Ich sagen: Genieß mal ein bisschen mehr und feier die Momente. Damals habe ich unfassbare Höhepunkte erlebt und war im nächsten Moment schon darüber hinweg. Es ging einfach für mich ohne Pause weiter – zum Beispiel, als ich als Headliner im Abendprogramm bei Rock am Ring und Rock im Park vor 70.000 Leuten gespielt habe. Ich stand neben Lenny Kravitz und Faithless auf der Bühne und war am Tag danach schon wieder auf Tour. Eigentlich müsstest du nach so einem Auftritt eine Woche lang vorm Spiegel stehen, dir zuprosten, alle Kumpels einladen und feiern.
Frage: Gab es trotzdem einen Moment, in dem Sie bewusst den Stecker gezogen haben?
Antwort: Einmal. 2003 habe ich ein halbes Jahr in New York gelebt. Damals dachte ich: Wenn ich das jetzt nicht mache, dann tue ich es nie wieder. Meine Frau ist in Deutschland geblieben, hatte zu dem Zeitpunkt gerade ihre Musikkarriere richtig gestartet. Im Grunde habe ich in dem halben Jahr ab Woche zwei jeden Tag auf ein, zwei, drei, vier offenen Bühnen gespielt und dann irgendwann in Klubs. Es war also doch keine Erholung, aber ich habe mich selbst etwas gefeiert.
Frage: Sie rücken mit Ihren Lucky Punch Comedy Clubs in Wien und München die neue Generation Comedians ins Rampenlicht. Profis und Newcomer teilen sich dort eine Bühne. Woran erkennen Sie einen talentierten Nachwuchs-Comedian?
Antwort: Es gibt viele harte Arbeiter in der Branche, die sich permanent anstrengen müssen. Das merkt man ihren Shows leider auch an. Bei den jungen Leuten merkst du auf der Bühne sofort: Sie sind entweder für Stand-up geboren, ein Naturtalent, oder sie sind es nicht. Nehmen wir Filiz Tasdan, die für mich aktuell eines der Top-5-Programme in ganz Deutschland hat. Als ich vor zwei Jahren ihr allererstes Tryout in unserem Klub gesehen habe, dachte ich nur: Leck mich am Arsch, was will die denn daran noch verbessern!? Das ist ja jetzt schon eine makellose Abschlussvorstellung!
Frage: Haben Sie dann als alter Hase überhaupt noch Tipps für diese Naturtalente?
Antwort: Wirklich etwas beibringen muss ich ihnen kaum noch. Die Jungen wissen ganz genau, wie die Welt funktioniert und wie sie das in ihren Auftritten perfekt wiedergeben sollen. Im Grunde machen sie genau das, was wir Mitte der 90er-Jahre gemacht haben: Sie bilden einfach die echte Sprache ab, die draußen auf der Straße gesprochen wird. Als wir damals Wörter wie „Ficken“ oder „Wichsen“ auf der Bühne benutzt haben, wurden wir als völlig niveaulos beschimpft. Dabei war es einfach nur die Alltagssprache.
Frage: Das Thema Sprache ist in der Branche vieldiskutiert. Künstler klagen darüber, dass „man ja heute gar nichts mehr sagen darf“. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
Antwort: Ich sage den Künstlern, die sich auf die Bühne stellen und sich beschweren, sie dürften nichts mehr sagen: Fahr nach Hause, heul dich bei deiner Mama aus und werde Bäcker, aber in der Comedy hast du definitiv den falschen Job. Außerdem frage ich diese Menschen immer nach dieser ominösen Liste der angeblich verbotenen Wörter – von keinem habe ich bisher so eine Liste bekommen. Ich gehe ja auch nicht in die Sauna und sage danach: „Mann, war das blöd, dass es da drinnen so heiß war!“
Antwort: Die meisten Menschen, die sich darüber aufregen, dass sie etwa das N-Wort nicht mehr benutzen sollen, haben es vorher nie gebraucht. Aber jetzt, wo klar ist, dass es eine miese Beleidigung ist, wollen sie es unbedingt sagen. Die Kabarettisten, die sich da beschweren, haben doch gar keine Ahnung von echten Shitstorms.
Frage: Was sind diese echten Shitstorms? Haben Sie davor Angst? Die Sozialen Medien sind ja durchaus aggressiver geworden.
Antwort: Ich habe damals bei „Wetten, dass..?“ vor 15 Millionen Live-Zuschauern riskante Witze gemacht. Ich weiß, wie sich Gegenwind anfühlt. Zehntausende Menschen haben mich bedroht, mich auf seitenlangen Briefen beschimpft. Die haben sich mit diesen Briefen vor 25 Jahren wenigstens noch angestrengt, da hatte ich fast Respekt vor. Heute tippen die Trolle in zwei Sätzen zehn krasse Rechtschreibfehler ein, drücken auf „Senden“, und die Sätze ergeben nicht mal mehr Sinn.
Frage: Welchen Hass erleben Sie im Netz?
Antwort: Es ist absurd. Menschen schreiben mir, ich sei früher lustig gewesen, aber jetzt, wo ich mich politisch positioniere, sei ich das nicht mehr. Dabei habe ich meine politische Einstellung und Ausrichtung gar nicht geändert. Ich war der erste deutsche Comedian, der auf der Bühne offen gesagt hat, was er wählt, und bin immer noch bekennender Grünen-Wähler, seit Jahren. Wer sich geändert hat, sind genau diese Menschen, die mir schreiben. Früher war ich der „grüne Linke“ und heute beschimpfen mich die Trolle als das „große System“, nur weil meine Werte keine Nische mehr sind. Soll ich etwa aus Mitleid die FDP wählen?
Frage: Kostet es Sie dann Überwindung, sich öffentlich so zu positionieren? Halten Sie sich selbst für mutig?
Antwort: Nein, das hat mit echtem Mut nichts zu tun. Wenn ich bei einer großen Demonstration auf der Bühne stehe und eine hochpolitische Nummer spiele, finden die Menschen dort das ohnehin gut. Wahrer Mut sieht anders aus: Ich habe in Burma [heutiges Myanmar, Anm. d. Red.] einen burmesischen Comedian besucht, der für seine Witze zu 59 Jahren Gefängnis verurteilt wurde – das ist in einer Diktatur ein Todesurteil. Nennen Sie mir einen einzigen deutschen Comedian, der nach 1945 wegen seiner Witze ins Gefängnis musste – es gibt keinen! Auch nicht Otto Waalkes, obwohl seine Shows pure Rebellion waren.
Frage: Ist Otto auch eines Ihrer Idole?
Antwort: Ja, Otto ist für mich eine absolute Alltime-Legende und einfach einer der besten, die es in Deutschland je gegeben hat. Ich kann gerade den jungen Leuten nur empfehlen: Schaut euch mal die alten Otto-Shows aus den 70er-Jahren an, das ist einfach zum Totlachen. Das war damals pure Rebellion, das war Comedy mit Anarchie. Ohne Otto wäre ich wahrscheinlich so gar nicht irgendwann auf die Bühne gegangen, weil er mir gezeigt hat, dass solche Dinge überhaupt möglich sind.
Frage: Sie werden im November den Bayerischen Kabarettpreis erhalten. Die Jury hat ausdrücklich Ihre klaren politischen Äußerungen gelobt. Ist Comedy heutzutage so politisch wie Kabarett?
Antwort: Das ist eine typisch deutsche Diskussion. Wir sind das einzige Land auf der Welt, das versucht, die strenge Trennlinie zwischen flacher Comedy und ernstem Kabarett zu ziehen. Mein Idol Dieter Hildebrandt transportierte politische Inhalte, war aber gleichzeitig eine absolute Joke-Maschine und einer unserer besten Stand-up-Comedians. Comedy ist oft automatisch politisch: zum Beispiel, wenn Freddy Ekué über seinen togoischen Vater auf der Bühne spricht. Man muss den Menschen nicht erzählen, was sie gestern schon in der „Süddeutschen“ lesen konnten, um politisch zu sein. Ich werde einfach meinem Weg treu bleiben, lasse alle Einflüsse zu und gehe auf die Bühne, um die Leute verdammt noch mal zum Lachen zu bringen.