Osnabrück  Warum so viele westliche Frauen trotz strenger Vorgaben nach Dubai auswandern

Hanna Langelage
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Von Hanna Langelage
| 06.04.2026 11:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Viele Influencer und Content Creator aus Deutschland wandern nach Dubai aus. Aber wie frei ist das Leben in der islamischen Metropole wirklich? Foto: IMAGO / Depositphotos
Viele Influencer und Content Creator aus Deutschland wandern nach Dubai aus. Aber wie frei ist das Leben in der islamischen Metropole wirklich? Foto: IMAGO / Depositphotos
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Viele Influencerinnen und Unternehmerinnen zieht es nach Dubai - obgleich dort strenge Vorgaben für Frauen gelten. Was reizt sie an dem fundamental islamischen Land?

Dubai zählt zu den meistbesuchten Städten der Welt. Immer wieder zieht es auch Deutsche, vor allem Influencer und Unternehmer, in die Metropole in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das Bild, das dabei vermittelt wird: Sonne statt grauem Himmel, Luxus statt Alltagssorgen, Sicherheit – ein Leben, das einfach nach Erfolg schreit. Doch auch wenn die Stadt nach außen modern, offen und international wirkt, ist sie gesellschaftlich und rechtlich deutlich konservativer.

Gesetze und gesellschaftliche Ordnung sind stark vom Islam geprägt, die Scharia bildet als religiös-rechtliche Ordnung die Grundlage der Gesetzgebung. Vieles, was in Europa als privat oder selbstverständlich gilt, wird in Dubai, das von Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktum regiert wird, moralisch und rechtlich deutlich strenger bewertet. Das betrifft Beziehungen, Sexualität, Kritik an Religion oder Politik – aber eben auch die Rolle der Frau.

Diese ist nicht mit der in westlichen Ländern vergleichbar, sagt Rauf Ceylan, Professor für Gegenwartsbezogene Islamforschung an der Universität Osnabrück. „Im Islam sind Mann und Frau gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt im modernen Sinne“, so Ceylan. Er spricht von einer „ganz klaren Funktionstrennung“: Der Mann sei traditionell stärker in der Öffentlichkeit präsent, gelte als Familienoberhaupt und finanzieller Versorger. Die Frau hingegen sei das „Herz der Familie“ – zuständig für Haushalt, Kinder und Erziehung.

Genau darin liegt für ihn der Kern des Problems: Einerseits braucht eine moderne Gesellschaft Frauen, die studieren, arbeiten und am öffentlichen Leben teilnehmen. Andererseits halten sich die traditionellen Rollenbilder hartnäckig. „Die ökonomische Realität schlägt zunehmend die Tradition“, sagt Ceylan – aber eben nicht vollständig. Frauen werden gebraucht, aber sind nicht automatisch gleichgestellt.

Warum also zieht es trotzdem so viele westliche Frauen nach Dubai? Ein wohl nicht ganz unerheblicher Grund: Im Gegensatz zu Deutschland gilt das Emirat als Steuerparadies. Keine Einkommenssteuer auf private Einkünfte, Unternehmenssteuer von neun Prozent, keine Vermögenssteuer, keine Erbschafts- oder Schenkungssteuer. „Für hochqualifizierte zugewanderte Frauen ist Dubai ein Ort, an dem sich beruflicher Ehrgeiz materiell sofort auszahlt“, erklärt der Islamforscher.

Dazu komme der Symbolwert der Stadt. Dubai sei für viele eine Art „Qualitätsmerkmal“: „Wer in Dubai lebt und dort als Ausländerin arbeitet, gilt als erfolgreich. Nach dem Motto: Ich habe es geschafft.“

Auch das hohe Sicherheitsgefühl spielt eine Rolle. „In Dubai wird Freiheit oft als Abwesenheit von Angst definiert. Die extrem hohe Alltagssicherheit führt dazu, dass sich Frauen nachts subjektiv sicherer fühlen als in fast jeder westlichen Metropole.“

Laut dem Numbeo-Sicherheitsindex 2026 belegt Dubai mit einem Wert von 83,9 Platz fünf unter den sichersten Städten der Welt. Hinzu kommt: Westliche Frauen, die nicht muslimisch sind, müssen sich in der Regel nicht der religiösen Familienordnung unterwerfen, die für einheimische Emirati-Frauen oder Arbeitsmigrantinnen stärker spürbar ist. Nicht alle Frauen erleben Dubai also auf dieselbe Weise.

Trotzdem heißt das nicht, dass Frauen dort dieselben Freiheiten haben wie in Deutschland. Zärtlichkeiten und Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit oder kritische Äußerungen in den sozialen Medien können rechtliche Folgen haben.

Schon ein unbedachter Social-Media-Post – etwa zum aktuellen Nahost-Krieg –, ein Selfie am falschen Ort, eine unpassende Bemerkung über Religion oder die Herrscherfamilie können juristische Konsequenzen nach sich ziehen. Auch homosexuelle Handlungen sind verboten. Dabei sieht das Strafgesetz hohe Geldstrafen, lange Freiheitsstrafen und im schlimmste Fall die Todesstrafe vor.

Ceylan spricht von einer „sehr starken Doppelmoral“ im Hinblick auf das System Dubai. Die Gesetze sind streng geregelt, würden oft willkürlich angewandt werden. Die Grenze zwischen legitimer Kritik, provokanter Meinungsäußerung und strafbarer Beleidigung sei unscharf. Genau das schaffe Unsicherheit – auch für ausländische Bewohnerinnen, die aus westlichen Demokratien andere Maßstäbe an Presse- und Meinungsfreiheit gewohnt sind.

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Für westliche Frauen, die nach Dubai auswandern, entsteht dadurch ein besonderes Spannungsfeld, erklärt Ceylan. Im Alltag können sie oft ein relativ modernes, freies Leben führen: shoppen, arbeiten, ausgehen, feiern, essen gehen – also genau das Leben, das sie später auf Social Media zur Schau stellen. Gleichzeitig bewegen sie sich in einem Rechtssystem, das auf einem völlig anderen Religions- und Gesellschaftsverständnis basiert. Diese Freiheit ist also nicht für alle gleich groß. Sie hängt davon ab, wer man ist, wie viel Geld man hat und in welchen Kreisen man sich bewegt.

Wer Dubai also nur durch die Kamera deutscher Influencer sieht, bekommt vor allem die glitzernde Oberfläche präsentiert. Dubai ist kein einfaches Paradies für westliche Auswanderinnen. Die Stadt lockt mit Luxus, Sicherheit und finanziellen Vorteilen. Hinter der glänzenden Fassade steht aber eine Gesellschaft, in der Frauen zwar gebraucht werden – aber nicht automatisch frei sind.

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