Berlin Löst eine „CO2-Müllabfuhr“ unser Klimaproblem?
Klimaschutz darf die Wirtschaft nicht killen. Deswegen steht der CO2-Preis in der Kritik. Forscher haben geprüft, ob man das Instrument so verbessern kann, dass es den Unternehmen und dem Klima hilft. Seit heute liegt die Antwort vor. Sie ist ermutigend.
Donald Trump und die Wirtschaftskrise bremsen den globalen Kampf gegen die Erderwärmung massiv. Zwar werden die Folgen des Klimawandels immer sichtbarer. Trotzdem verfeuern die USA Öl und Gas, als gäbe es kein Morgen. Der europäische Weg, die Nutzung fossiler Energie durch einen CO2-Preis zu verteuern, muss da wie ein Weg in den industriellen Niedergang erscheinen. Und zwar schnurstracks.
Das fürchten jedenfalls Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (beide CDU). Sie wollen Europas wirksamstes Werkzeug zur Senkung der CO2-Emissionen stumpf schleifen. Und auch Klimaschutzminister Carsten Schneider von der SPD ist dazu bereit.
Das konkrete Vorhaben: Die besonders CO2-intensive Industrie soll länger als bislang vorgesehen kostenlose Emissionsscheine zugeteilt bekommen. In der wenige Tage alten Chemie-Agenda der schwarz-roten Regierung heißt es: Ein Auslaufen der Gratis-Verschmutzung im Jahr 2039 sei „für die chemische Industrie angesichts derzeit noch fehlender klimaneutraler Brenn- und Einsatzstoffe bzw. entsprechender Alternativen und der erforderlichen Infrastrukturen nicht realistisch umsetzbar“.
Soweit, so einleuchtend. Aber die Sache hat nicht nur einen Haken, sondern zwei. Der erste: Wenn die globalen Emissionen nicht schneller gesenkt beziehungsweise neutralisiert werden, beschleunigt sich die Erderwärmung immer mehr und die Kosten werden unbeherrschbar – auch für die Wirtschaft.
Der zweite: Die EU-Regeln sollen sicherstellen, dass genug Geld in den Umbau der Industrie in Richtung Treibhausgasneutralität gesteckt wird. Werden die Regeln jetzt abgeschwächt, lohnen sich die Investitionen nicht und bleiben aus. Der Umbau hier gerät ins Stocken. Die Chinesen eilen uns in Sachen Green Tech und Innovationen uneinholbar davon.
Was erfreulich ist: Es gäbe noch eine andere Option. Ein internationales Forscherteam um Darius Sultani und Michael Pahle vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat einen Weg gesucht, die CO2-Bepreisung mit einem neuen Klimaschutz-Werkzeug zu kombinieren: der Entnahme von Treibhausgas aus der Atmosphäre.
Ja, das ist tatsächlich möglich. Entweder mit sogenannten CO2-Staubsaugern, die Kohlendioxid aus der Luft saugen und in der Erde verpressen. Oder, indem Pflanzen verbrannt werden und das dabei freigesetzte CO2 eingefangen und unterirdisch eingelagert wird.
Die CO2-Entnahme senkt die Treibhausgaskonzentration und kann den Effekt sogar umkehren, also die Erde irgendwann wieder abkühlen. Das klappt freilich erst, wenn eines Tages mehr CO2 entnommen als ausgestoßen wird.
Die Forscher haben sich nun Folgendes gefragt: Was passiert, wenn man der Industrie ermöglicht, auch ab 2039 noch CO2 auszustoßen, aber nur, wenn sie für die Entnahme von CO2 an anderer Stelle bezahlt? Anders formuliert: Was würde passieren, wenn man einen Markt für den Handel mit Emissions- und Entnahmescheinen schafft?
Das Ergebnis der Modellstudie, die an diesem Dienstag im Fachmagazin „Joule“ erschienen ist: Die richtigen Anreize könnten dafür sorgen, „dass Firmen bis 2050 bis zu 86 Millionen Tonnen CO2 jedes Jahr aus der Atmosphäre zurückholen“. Im Klartext: Ein solcher Markt könnte eine planetare Treibhausgas-Müllabfuhr in Marsch setzen, die damit beginnt, die gefährlichen Hinterlassenschaften der fossilen Epoche wieder aufzuräumen.
„Das von uns bezifferte Entnahmepotenzial bei Einbeziehung in den bestehenden Emissionshandel wäre ein starker Beitrag zur Umsetzung der EU-Klimaziele“, sagt PIK-Forscher und Leitautor Sultani. „Wir zeigen, wie es gehen könnte – und dass es sogar die Akzeptanz der Klimapolitik stärkt, weil es die CO2-Preise deutlich reduzieren würde.“
Klingt das zu schön, um wahr zu sein? Die planetare CO2-Müllabfuhr ist bislang noch eine Vision mit dicken Fragezeichen. Sie kann nur Realität werden, wenn drei Dinge gelingen: Die Treibhausgasentnahme muss umweltverträglich klappen. Sie muss am Ende des Tages wirtschaftlicher und günstiger sein als das Ausstoßen von Treibhausgasen. Und die Vision darf nicht dazu führen, die Emissionsreduktion auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben.
All das ist möglich, zumindest laut der Studie. Die Forscher haben dafür ein Stufenmodell entwickelt, das „um das Jahr 2040 herum“ über einen einheitlichen CO2-Preis gesteuert werden würde.
2040, das wäre schon in 14 Jahren. Und für die Weichenstellung bleibt kaum Zeit. „Die Entscheidung, ob man die Entnahmen in den EU-Emissionshandel überführt, steht jetzt an“, sagt PIK-Forscher Michael Pahle. Denn die Europäische Kommission muss noch 2026 dazu einen Vorschlag vorlegen.
„Unsere Studie zeigt: Die Einwände dagegen lassen sich entkräften“, sagt Pahle. Ob Friedrich Merz und Katherina Reiche das auch so sehen? Sie sollten sich die Ergebnisse der Forscher genau anschauen, bevor sie sich entscheiden.