Osnabrück  "Entréebillet zur europäischen Kultur“: Wie Wolfram Weimer das Bonmot von Heinrich Heine missversteht

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 29.03.2026 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Heimatlos und exiliert: Der Dichter Heinrich Heine (1797-1856) auf einem zeitgenössischen Porträt von Ludwig Emil Grimm. Foto: imago/heritage images
Heimatlos und exiliert: Der Dichter Heinrich Heine (1797-1856) auf einem zeitgenössischen Porträt von Ludwig Emil Grimm. Foto: imago/heritage images
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Wolfram Weimer zitiert Heinrich Heine – und greift daneben. Eine Kleinigkeit? Nein, der Kulturstaatsminister bringt Opferverbände gegen sich auf. Eine Klarstellung.

„Der Taufzettel ist das Entréebillett zur europäischen Kultur“: Heinrich Heines berühmter Satz liest sich wie ein keckes Bonmot. In Wirklichkeit ist dieser Ausspruch von tiefer Bitterkeit durchtränkt. Wer sonst auch als Heinrich Heine hätte ein feineres Gespür entwickelt für jene Ambivalenzen des Lebensgefühls, die sich der Ausgrenzung verdanken? Wolfram Weimer hingegen hat dieses Zitat nicht als bittere Bilanz eines Missgriffs begriffen, sondern als Feier des Christentums grotesk missverstanden.

Das trägt ihm gerade die nächste Episode auf seiner Parade der persönlichen Peinlichkeiten ein. Opferverbände haben ihn aufgefordert, an der Veranstaltung zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 12. April nicht teilzunehmen. Die Vorsitzende der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora, Katinka Poensgen, und der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora, Horst Gobrecht – zwei Zusammenschlüsse von Angehörigen ehemaliger politischer Häftlinge des Lagers – äußerten ihre Kritik in einem offenen Brief an Weimer.

Sicher, der Leiter der Gedenkstätte, Jens-Christian Wagner, stellt sich ebenso hinter Weimer wie der Zentralrat der Juden in Deutschland. Ich finde auch, dass der Kulturstaatsminister in Buchenwald sprechen sollte. Mit ihm stellt sich die Bundesregierung klar gegen Antisemitismus. Wer sollte etwas dagegen haben?

Allerdings bleibt gerade mehr als jener fade Beigeschmack, den Weimers Äußerungen inzwischen ständig auslösen. Denn er verdreht das Zitat Heines in einer Weise, die Juden als erneute Ausgrenzung verstehen müssen. „Der Taufschein ist die Eintrittskarte in die europäische Kultur, wie einst Heinrich Heine – wenngleich polemisch – formulierte. Das Christentum aber wird seit einigen Jahrhunderten relativiert, bekämpft, letztlich aufgegeben. Mit diesem religiösen Masochismus tötet Europa seine kulturelle Urkraft.“ Auf diese Weise äußerte sich Weimer mehrfach, auch in seinem „Konservativen Manifest“.

Nein, Weimer ist kein Mann der genau abgewogenen Worte. Und seine Klassiker kennt er auch nicht. Hätte es ihm sonst entgehen dürfen, dass Heine mit seinem Ausspruch auf ein bitteres Erlebnis anspielt, das er später am liebsten ungeschehen gemacht hätte? Am 28. Juni 1825 lässt sich der Jude Harry Heine in Heiligenstadt bei Göttingen taufen und heißt seitdem Heinrich. Er bringt den Akt zwischen Examen und der Disputation seiner Doktorarbeit diskret hinter sich. Der Taufschein soll ihm jene Karrierechancen eröffnen, die ihm als Jude im damaligen Preußen versperrt sind.

Heine muss schnell erfahren, dass er das „Entréebillett“, also die Einlasskarte zur bürgerlichen Gesellschaft, eben nicht gelöst hat. Aus der Karriere als Beamter oder Anwalt wird nichts. Die Mehrheitsgesellschaft hält die Türen hübsch geschlossen. Toleranzedikte, die für Juden einmal galten, sind in Preußen 1822 wieder kassiert worden. Heine prallt ab an den gläsernen Wänden der Diskriminierung. Sein bitteres Bonmot vom „Entréebillett“ notiert er 1830. Ein Jahr später emigriert der Dichter und Publizist Heine nach Paris. Jenes Land, das ihn abgewiesen hat, wird er nur noch besuchsweise wiedersehen.

Heinrich Heines oft zitierter Satz bietet auch heute Anlass zu differenziertem Nachdenken. Aber Wolfram Weimer biegt ihn sich zum Versatzstück seiner kruden Kulturkritik zurecht. Für ihn zählt nur das christliche Europa. Wo bleibt da das jüdische Europa, wo jenes der Antike? Das freie Europa war immer Transferraum der Ideen, niemals monolithischer Block. Heinrich Heine war übrigens gerade als Reisender der vorbildliche Europäer, ein Profi des Perspektivenwechsels.

Sein Wort vom „Entréebillett“ macht nur eines bewusst – dass es keine Eintrittskarte brauchen darf, um dazuzugehören. Kultur hat ohnehin keine Pforten, keine Schalter, an denen ein Einlassticket vorzuweisen wäre. Sie ist immer offener Raum, Areal des schönen Lebens.

Vielleicht macht sich Wolfram Weimer Heines Satz noch einmal klar. Besser noch, er würde lesen, wie Heinrich Heine seinen misslungenen Versuch der Assimilierung später bilanzierte: „Ich bin jetzt bei Christ und Jude verhasst. Ich bereue sehr, daß ich mich getauft hab; ich seh noch gar nicht ein, daß es mir seitdem besser gegangen sei, im Gegenteil, ich habe seitdem nichts als Unglück“. „Bei Christ und Jude“: Heine hat ein Leben lang nach der Möglichkeit gesucht, einfach Mensch unter Menschen zu sein. Leben wir ihm nach.  

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