Osnabrück Wohlstand in Gefahr? DIW-Chef Fratzscher nimmt die Boomer-Generation in die Pflicht
Deutschlands Wohlstand wackelt: Schuld sei vor allem die Alterung der Gesellschaft. Ökonom Marcel Fratzscher fordert im Clasen-Talk radikale Reformen im Bereich der Rente, mehr Wagnis bei Investitionen in erneuerbare Energien – und nimmt die Babyboomer in die Pflicht.
Ist Deutschlands Wohlstand in Gefahr? Im Clasen-Talk erteilt der Ökonom und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher der Hoffnung auf ein erneutes Wirtschaftswunder eine Absage. Er bekräftigt seine These: „Wir müssen uns damit abfinden, dass diese Zeiten von Wachstumszahlen von zwei, drei Prozent der Vergangenheit angehören.“ Um den Trend zu stoppen, fordert er tiefgreifende Rentenreformen – und warnt zugleich vor einer Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 21 Prozent.
Das DIW prognostiziert für Deutschland in den kommenden fünf Jahren ein Wachstumspotenzial von gerade einmal 0,7 Prozent – „also praktisch eine Stagnation“, sagt Ökonom Fratzscher. Schuld an dieser Entwicklung sei die Alterung der Gesellschaft. In den nächsten zehn Jahren würden fünf Millionen Babyboomer mehr in Rente gehen, als junge Beschäftigte auf den Arbeitsmarkt nachrückten.
„Das ist für mich das größte Risiko in den nächsten Jahren. Nicht die technologische Transformation oder höhere Energiekosten, sondern dass wir in Deutschland eine so stark alternde Gesellschaft haben und dass uns schlichtweg die Arbeitskräfte fehlen werden.“ Die Folgen dieser Entwicklung seien gravierend: ausbleibende Steuereinnahmen für den Staat, fehlende Arbeitskräfte in der Wirtschaft sowie stark steigende Sozialausgaben für Rente, Pflege und Gesundheit. Das ist eine „große Bedrohung für unseren Wohlstand“, so der Präsident des DIW im Clasen-Talk.
Bei der Lösung des Problems blickt er vor allem auf die Generation der Babyboomer. So hätten sie etwa deutlich zu wenig Kinder bekommen und würden immer älter. Für ein umlagefinanziertes Rentensystem sei das langfristig nicht zu finanzieren. „In den 60er-Jahren hatten wir sechs Beschäftigte, um einen Rentner zu finanzieren. Heute sind es wenig mehr als zwei“, sagt Marcel Fratzscher. Es brauche daher dringend strukturelle Reformen. Aus dieser Diagnose leitet Fratzscher konkrete Forderungen ab. Der Ökonom plädiert für eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf zunächst 70 Jahre. Denkbar sei auch eine Kopplung an die Lebenserwartung. „Wenn die Lebenserwartung in der Zukunft weiter steigt, muss eben auch die Lebensarbeitszeit zunehmen“, meint Fratzscher.
Zudem bekräftigt er die Forderung des DIW nach einem „Boomer-Soli“ – einem, wie er im Clasen-Talk einräumt, bei „Boomern sehr unpopulären Vorschlag“. Die Idee: Personen mit hohen Alterseinkünften geben einen Teil ihrer Einkünfte ab, um einkommensschwache Rentner zu unterstützen. „Wir müssen endlich die immer stärkere Umverteilung von Jung zu Alt stoppen.
Wir brauchen mehr Umverteilung innerhalb der Boomer-Generation, und zwar von den reichen Boomern zu den ärmeren“, betont der Ökonom. Damit könne man wirksam gegen die wachsende Altersarmut vorgehen. Zudem müsse man über eine Ausweitung der Einzahler in die Rentenkasse um Beamte und Selbstständige sprechen. Ob sich für diese Forderungen eine politische Mehrheit im Bundestag finde, sei jedoch fraglich.
Mit Sorge blickt Fratzscher auf mögliche Alternativen. Seine Befürchtung: Statt struktureller Reformen könnte die Politik die Mehrwertsteuer erhöhen, um zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Fratzscher rechnet vor, wie verlockend dieses Instrument ist: Eine Erhöhung des regulären Satzes (derzeit 19 Prozent) um nur einen Prozentpunkt brächte dem Staat 16 Milliarden Euro pro Jahr. Bei zwei Prozentpunkten wären es bereits 32 Milliarden Euro. Der Präsident des DIW warnt davor, diesen „leichten Ausweg“ zu wählen. Das führe nur zu einer weiteren steuerlichen Belastung der Mittelschicht.
Einen stärkeren Fokus auf erneuerbare Energien hält er für die Sicherung des Wohlstands in Deutschland für unausweichlich. In Ländern wie China sei man bereits weiter. Deutschland brauche dafür erhebliche Investitionen, räumt er ein – doch oft stünden zu viele Regulierungen und zu wenig Risikobereitschaft im Weg. Dabei seien erneuerbare Energien günstiger als fossile. „Die Produktionskosten erneuerbarer Energien sind, wenn die Infrastruktur steht, schon heute deutlich geringer als bei Öl, Gas, Kohle oder Atomkraft“, sagt Fratzscher.
Auch der umstrittene CO2-Preis ist aus seiner Sicht ein zentrales Instrument der Transformation. Verbraucher müssten sich auf höhere Energiepreise einstellen. „Das ist ja politisch gewollt“, sagt Fratzscher. Preise sollten die realen Kosten widerspiegeln – auch den Schaden für Umwelt und künftige Generationen. Deshalb müsse der CO2-Preis „deutlich steigen“. Gleichzeitig gehe es um Lenkung: Höhere Preise sollen Verhalten verändern – bei Unternehmen wie bei Verbrauchern. Wer könne, fahre weniger Auto oder spare Energie. Wenn weniger fossile Energien verbraucht würden, „dann sinken auch die Energiekosten“.
Für den zukünftigen Wohlstand brauche es vor allem den politischen Willen zu Reformen, sagt der Berliner Ökonom. Doch die Zeit drängt. „Wir haben wahrscheinlich noch ein Zeitfenster von zwei, drei oder vier Jahren in Deutschland, um den Kurswechsel hinzubekommen.“ Zwar werde es vermutlich weniger Industrie im Land geben, gleichzeitig würden jedoch neue Wirtschaftszweige entstehen. Deutschland habe die nötigen Voraussetzungen, um diesen Wandel zu bewältigen, meint Fratzscher.