Niendorf „Der hat richtig Angst“ – Meeresbiologe Robert Marc Lehmann taucht zu gestrandetem Wal
Der Wal, der vor Timmendorfer Strand festliegt, ist vitaler als gedacht. Meeresbiologe Robert Marc Lehmann schätzt die Überlebenschancen des Buckelwals vor der geplanten Rettungsaktion mit einem Schwimmbagger trotzdem als sehr gering ein.
Als sich Robert Marc Lehmann im Wasser dem Wal nähert, gibt dieser erstmals wieder intensivere Lebenszeichen von sich. Er lässt ein tiefes Brummen hören und schlägt mit der Schwanzflosse ins Wasser. Der Umweltschützer taucht am Donnerstag gegen 9 Uhr zu dem Buckelwal, der seit Montag auf einer Sandbank vor Niendorf festsitzt.
Ziel des Tauchgangs ist es, den Zustand des Tieres zu ergründen, bevor Baggerfahrer Tim Löhndorf vom Ökologischen Gewässerdienst Wandhoff in Malente eine Rettungsaktion startet. Er soll dem feststeckenden Wal den Weg zur Fahrrinne freischaufeln.
Lehmann hat zugleich gute und schlechte Nachrichten. Zwar sehe der Wal von außen schlecht aus, es überrasche ihn aber, wie vital dieser noch sei, auch wenn er ausgesprochen schlecht auf einer Rampe in einer Süßwasserlinse liege. „Der ist trotzdem fidel“, sagt der Meeresbiologe.
Der Wal habe ihn sofort lokalisiert. „Er hat beide Augen auf. Das ist das absolut Entscheidende.“ Er sei aber in größter Unruhe. „Der hat richtig Angst.“ Deshalb sei es superwichtig, mit dem Wal zu reden und ihn anzufassen, um ihm Sicherheit zu vermitteln. „Das ist wie bei einem Hund“, sagte Lehmann, der nach eigenen Angaben bereits bei mehreren Walrettungen dabei war.
Zugleich schätzt er die Überlebenschancen aber als äußerst gering ein. „Die liegen bei 0,1 Prozent. Die Rettung ist nicht, wenn er hier vom Strand ist“, betonte er. Selbst wenn es gelinge, ihn von der Sandbank herunterzubekommen, habe er noch lange nicht den Weg von der Ostsee in den Atlantik geschafft, wo er die richtigen Lebensbedingungen finden würde.
Zur Sicherheit postieren sich bereits vor dem Tauchgang mehrere Schiffe und Boote rund um den Niendorfer Hafen. Es könne ganz schnell gehen und der Wal schwimme los, sagt Lehmann. Für diesen Fall sollten die Boote gewährleisten, dass das Tier in die richtige Richtung schwimme. Es habe schon Fälle gegeben, in denen Schiffe Wale mehrere 100 Kilometer begleitet hätten, berichtet Stephanie Groß. „Die Frage ist, inwieweit er sich leiten lässt.“
Nun soll dem Tier mithilfe eines Schwimmbaggers eine sechs Meter breite, 1,50 Meter tiefe und 50 Meter lange Rinne gebaggert werden, um ihm den Weg zur Fahrrinne freizumachen. Wie lange das dauern wird, sei ungewiss, sagte Stephanie Groß.
Hannes Wandhoff, der den Bagger beschafft hat, schätzt die Dauer auf einen halben Tag. Es sei aber noch nicht klar, ob die Rinne dann schon groß genug sei. Ob er diese schließlich auch nutzen werde, sei absolut ungewiss, wie Stephanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) in Büsum nach dem Tauchgang betont. „Das können wir überhaupt nicht sagen.“
Sollte der Wal trotz aller Rettungsversuche auf der Sandbank bleiben, gibt es wohl kaum eine Möglichkeit, ihn zu erlösen. „Es gibt keine zuverlässige Methode, Wale zu töten“, sagt Lehmann. Der Wal könne morgen oder erst in fünf Wochen sterben. Das deutet eher auf einen langen Todeskampf hin. Denn der Wal sei noch in einem guten Ernährungszustand. Sein Gewicht wird auf 15 Tonnen geschätzt und er scheint wohl schon so gut wie ausgewachsen zu sein.
Nach einem weiteren Drohnenüberflug werde seine Größe auf 12 bis 14 Meter geschätzt, sagt Manuel Abraas, Geschäftsführer der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd. Auch er dämpft die Erwartungen an die Rettungsaktion. „Da muss viel Positives zusammenkommen, damit er das schafft.“
Unabhängig davon müsse man sich Gedanken machen, wie solche Situationen künftig bewältigt werden könnten. „Wir sind, was Großwalrettung angeht, komplett blank“, kritisiert Abraas. Es müssten Rettungsgerät bereitgehalten und Retter geschult werden, fordert er. In Australien gebe es beispielsweise ein richtiges Netzwerk, das aktiviert werde, wenn etwa ein Grindwal strande.