Osnabrück „Falsches Signal“ für Patienten – Protest gegen Honorarkürzungen in der Psychotherapie
Die Honorare für Psychotherapeuten werden gekürzt. Verbände und Therapeuten warnen vor den Folgen: Leidtragende wären neben den Therapeuten vor allem die Kassenpatienten. Jetzt schaltet sich der Patientenbeauftragte der Bundesregierung ein.
Tausende Menschen in Deutschland warten oft mehrere Monate auf einen Therapieplatz. Verbände und Therapeuten warnen nun vor einer weiteren Verschlechterung der Versorgung von Patienten. Hintergrund ist eine beschlossene Kürzung der Honorare für Psychotherapeuten um 4,5 Prozent zum 1. April. Bundesweit wollen am 28. März Tausende Menschen gegen den Beschluss protestieren.
Hinter dem Beschluss steht ein gemeinsames Gremium aus Krankenkassen, Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und unabhängigen Mitgliedern. Beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) spricht man von einem „angemessenen Kompromiss“. Die Kassen hatten ursprünglich eine Absenkung der Honorare um 10 Prozent gefordert.
Einsparungen für die finanziell angeschlagenen Krankenkassen seien jedoch nicht das Ziel gewesen. Stattdessen sei die Honorierung der Psychotherapeuten gegenüber anderen ärztlichen Fachrichtungen in den letzten Jahren überproportional gestiegen, verteidigt die GKV den Beschluss.
Diese Sichtweise stößt bei Therapeuten auf Widerstand. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) will den Beschluss nicht hinnehmen und hat rechtliche Schritte angekündigt. Vorstandsvorsitzender Andreas Gassen sagt: „Diese fatale Entscheidung geht zulasten psychisch kranker Menschen und benachteiligt die Psychotherapeuten massiv. Vollkommen grundlos wird ein wichtiger Bestandteil der ambulanten Versorgung erheblich geschwächt.“
Nach Angaben von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Bundesärztekammer arbeiten in der ambulanten Versorgung rund 42.000 Psychotherapeuten. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Therapieplätzen hoch: Laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie leiden in Deutschland jährlich etwa 17 bis 18 Millionen Erwachsene an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung. Für Praxen könnte die Kürzung spürbare finanzielle Folgen haben. Sie bedeutet weniger Einnahmen: im Monat mehrere Hundert Euro, im Jahr mehrere Tausend Euro. Gleichzeitig steigen Miet-, Energie- und Personalkosten an.
Leidtragende der Honorarkürzungen wären neben den Therapeuten vor allem gesetzlich Versicherte. Dieter Adler, Psychotherapeut aus Bonn und Vorsitzender des Deutschen Psychotherapeuten Netzwerks, erklärt: „Einige Praxen werden gezwungen sein, ihren Anteil an privat versicherten Patienten zu erhöhen, um wirtschaftlich überleben zu können. Das führt zwangsläufig dazu, dass für gesetzlich Versicherte weniger Therapieplätze zur Verfügung stehen. Damit drohen sich die ohnehin langen Wartezeiten weiter zu verlängern.“
„Die Entscheidung trifft einen Versorgungsbereich, der bereits seit Jahren unter hoher Nachfrage steht und in dem viele Patienten ohnehin lange auf einen Therapieplatz warten müssen. Gerade in einer Zeit, in der psychische Erkrankungen deutlich zunehmen, ist eine Honorarkürzung schwer nachvollziehbar“, sagt Dieter Adler.
Auch aus den Reihen der Bundesregierung kommt Kritik am Sparkurs. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze (SPD), äußert auf Nachfrage unserer Redaktion: „Eine Honorarkürzung für Psychotherapeuten sendet ein vollkommen falsches Signal an Patienten. Es herrscht ohnehin bereits bei vielen Menschen eine Verunsicherung im Hinblick auf das Gesundheitssystem, die durch solche Meldungen verstärkt wird.“ Die Versorgung müsse gewährleistet bleiben, gerade in der psychischen Gesundheit.
Schwartze sagt: „Patienten müssen sich auf das Gesundheitswesen verlassen und jederzeit eine adäquate Versorgung erhalten können, und zwar unabhängig vom Geldbeutel. Auch wenn die Kassen unter großem finanziellem Druck stehen, dürfen Maßnahmen zur Stabilisierung der GKV nicht zulasten der Patienten gehen.“ Es sei Aufgabe der Politik, die Stabilität der Kassen und die Versorgung im psychischen Bereich zu sichern. Dafür brauche es zeitnah Reformen.
Beim GKV-Spitzenverband steht man weiter hinter dem Beschluss. Die Versorgung in Deutschland zeichne sich bereits durch eine „hohe Qualität“ aus, für die jährlich 4,6 Milliarden Euro aufgewendet würden. Aus Sicht der Kassen hätten auch die massiven Honorarsteigerungen der Vergangenheit die Verfügbarkeit von Therapieplätzen nicht positiv beeinflusst. Eine Sprecherin sagt: „Obwohl die Anzahl der Psychotherapeuten stetig steigt und sich die Leistungsmenge ausweitet, erkennen wir keine verbesserte Versorgung oder verkürzte Wartezeiten.“
Stattdessen verweist man auf die hohe Teilzeitquote: 72 Prozent der niedergelassenen Therapeuten arbeiteten nicht in Vollzeit. Statt über die Honorare zu diskutieren, brauche es eine gezielte Steuerung, um vor allem psychisch schwer erkrankten Menschen schneller einen Therapieplatz zu garantieren, fordert der GKV-Spitzenverband.
Am 28. März sind in 23 Städten Demonstrationen gegen die Honorarkürzungen angekündigt.