Osnabrück Zwei Meister und Wegweiser: Warum Jürgen Habermas und Banksy mir fehlen werden
Sie haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun – Jürgen Habermas und Banksy. Jetzt nehmen wir von beiden Abschied. Warum das ein Grund zur Trauer ist – und für ein trotziges Weitermachen.
Was hat der Meisterdenker mit dem mysteriösen Sprayer gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Trotzdem gehören Jürgen Habermas und Banksy für mich zusammen und das nicht allein, weil sie beide jetzt gerade von uns gegangen sind – der eine als Mensch, der immerhin 96 Jahre alt wurde, der andere als Kunstfigur, die Enthüllungsjournalisten zur Strecke gebracht haben.
Was hielt diese ungleichen Figuren vor allem zusammen? Ihr immenser Einfluss, ihre Fähigkeit, in einer chaotischen Zeit die Richtung vorzugeben, ihre Stärke, die darin bestand, inmitten all der Verächter der Moral eine moralische Instanz zu sein.
Aus Jürgen Habermas schien die Vernunft selbst zu sprechen so wie Banksy für viele jener Gewissensprüfer war, der gerade aus der Anonymität heraus besonders machtvoll zu intervenieren verstand. Beide sind nicht mehr. Und ich weiß sicher, dass sie nicht nur mir sehr fehlen werden.
Denn was ist Banksy noch wert, wenn alle Welt seinen Klarnamen Robin Gunningham kennt? Nichts natürlich, da mit der Anonymität auch der Zauber dieser Figur verflogen ist. Banksy tauchte so unvermittelt wie Zorro mit der Maske auf, um den Schwachen beizustehen. Ob ein Mädchen mit dem Luftballon oder zwei Polizisten, die sich küssen – immer wirkten seine Bilder wie Zeichen jener Wahrheit, die die Mächtigen lieber nicht sehen.
Jürgen Habermas war in anderer Weise allgegenwärtig, als Gelehrter und Intellektueller, als Diskursredner und Denker, der den Gesellschaften des freien Westens die gedankliche Matrix der Demokratie entworfen hat und deren Programm gleich noch beispielhaft vorlebte, indem er öffentliche Debatten zu Gelenkstellen in der Entwicklung des öffentlichen Bewusstseins machte. Der von Habermas 1986 dominierte Historikerstreit ist da nur das prominenteste Beispiel.
Was verbindet Habermas und Banksy? Meiner Meinung nach die Fähigkeit, grundsätzlichen Fragen eine Öffentlichkeit zu verschaffen, die über den Sekundenreiz der Klicks und Likes hinausgeht. Beide haben den Blick des großen Publikums auf das gelenkt, was wesentlich ist: Vernunft und Mitgefühl. Jürgen Habermas war der Überzeugung, dass Vernunft kein exklusiver Besitz einzelner ist, sondern in der Kommunikation entsteht. Banksy appellierte an das Mitgefühl mit jenen, die schwach und ausgegrenzt sind.
Beide Fähigkeiten gehören zum schönen Leben. Gleichzeitig ist klar, dass gerade nichts so sehr unter Druck steht, so sehr verlacht wird wie die Vernunft und das Mitgefühl. Viele Akteure auf der politischen Bühne leben eher nach dem Ressentiment als nach der Ratio. Sie haben kein Gespür dafür, dass die Empathie siegen sollte, nicht der Egoismus. Die Besserwisser sind lauter als die Bescheidenen. Was für eine verkehrte Welt.
Mit dem Tod von Jürgen Habermas scheint sich ein großer historischer Zyklus geschlossen zu haben. Und mit Banksys Enttarnung ist eine Kometenkarriere an ihr Ende gekommen. Viele Menschen tragen Trauer, weil sie das Gefühl haben, dass Größen dahingegangen sind, die ihrer Zeit Orientierung gegeben haben, wie Leuchtfeuer in zunehmender Dunkelheit.
Ob der Tod von Jürgen Habermas oder das Verschwinden Banksys – beides macht mich nachdenklich. Ich verstehe all jene, die jetzt die Leistungen beider resümieren. Bloße Rückschau hilft aber nicht. Machen wir die Öffentlichkeit wieder zu einem Ort der Vernunft und das Miteinander zu einem Feld der Empathie. Hören wir nicht länger auf Populisten, lassen wir Autoritäre nicht gewähren. Der Denker und der Sprayer, sie haben uns Werkzeuge an die Hand gegeben, mit denen sich eine bessere Welt bauen lässt. Nehmen wir sie in die Hand. Arbeiten wir mit ihnen.