Osnabrück Macht KI uns dumm? Ein Neurowissenschaftler erklärt, wie wir das verhindern können
Warum selber denken, wenn KI es schneller kann? Genau darin liegt das Problem: Wie unser Gehirn durch die KI-Nutzung beeinträchtigt werden kann und wie man das verhindern kann, erklärt ein Neurowissenschaftler.
Künstliche Intelligenz nimmt uns immer mehr Aufgaben und bisweilen auch das Denken ab. Macht uns die Nutzung von KI also dumm? Nicht zum ersten Mal gibt es die Sorge, der technische Fortschritt könnte die menschliche Intelligenz bedrohen: In den 1970er- und 80er-Jahren protestierten Mathelehrer gegen die Nutzung des Taschenrechners in niedrigen Jahrgängen. Schüler könnten die Fähigkeit des Kopfrechnens verlieren, so die Befürchtung.
Als Navigationssysteme in den 2000er-Jahren marktfähig wurden, warnten Experten vor dem Ende des menschlichen Orientierungssinns.
Bei Taschenrechnern haben sich die Befürchtungen zwar nicht bewahrheitet. Bei den Navis sieht es anders aus: Ihre Nutzung vermindert sehr wohl die räumliche Orientierung, wie unter anderem eine Studie des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) von 2006 zeigte.
Doch KI kann weit mehr als Rechnen oder Routen planen. Texte zusammenfassen, Apps programmieren, Röntgenbilder auswerten oder Haushaltstipps geben – alles in Sekunden erledigt. Was also bedeutet die neue Technologie für unser Gehirn? Der Neurowissenschaftler Boris Konrad gibt Antworten.
Das Gehirn arbeite immer so, wie es herausgefordert werde und die Welt wahrnehme, erklärt Boris Konrad, Neurowissenschaftler am niederländischen „Donders Institute for Brain, Cognition, and Behaviour“ und Gedächtnissportler. „Würden wir jetzt also anfangen, unsere Kernfähigkeiten an KI auszulagern und nicht mehr selber auszuüben, dann werden wir darin eher schlechter.“ Im Englischen nennt man dieses Prinzip „Use it or lose it“, was etwa mit „Nutze es oder verliere es“ übersetzt werden kann.
Lernen bedeutet, so der Experte, dass sich im Gehirn Neuronen mit Synapsen verknüpfen und Netzwerke formen. Wer eine Tätigkeit nicht nur ausführt, sondern bewusst darüber nachdenkt, trainiert diese Netzwerke. Wenn aber das Gegenteil passiert und Denkprozesse ausgelagert werden, dann werden Verknüpfungen abgebaut.
Nachdem im vergangenen Jahr eine entsprechende Studie der amerikanischen Eliteuniversität MIT veröffentlicht wurde, überschlugen sich die Schlagzeilen, dass KI die Menschen verdummen lasse. Ein entscheidendes Ergebnis wurde in der Berichterstattung jedoch oft außer Acht gelassen, sagt Konrad. „Für die Studie sollten Studierende ein Essay schreiben – eine Gruppe mit KI, die andere ohne.“ Bei beiden Gruppen wurde die Gehirnaktivität gemessen und hinterher getestet, wie gut sich die Studenten ihr Thema merken konnten.
Das Ergebnis: Die Gehirnaktivierung und das Wissen fielen bei der KI-Gruppe geringer aus als bei der Vergleichsgruppe. „Was oft nicht erwähnt wird: In einer späteren Phase der Studie wechselten die Bedingungen. Dabei zeigte sich, dass diejenigen, die zuerst selbst gedacht und erst danach KI genutzt hatten, eine höhere Gedächtnisleistung und stärkere Hirnaktivität aufwiesen als die, die von Anfang an mit KI gearbeitet hatten“, schließt Konrad. Es kommt also nicht darauf an, ob wir KI nutzen, sondern wie – und ob wir gleichzeitig unseren eigenen Kopf anstrengen.
An der Uni sieht der Experte, was das für einen Effekt haben kann: Viele Studenten arbeiteten zu Beginn viel mit KI, ließen sich die Skripte der Dozenten zusammenfassen und hätten das Gefühl, gut im Thema zu sein. „Wenn sie dann zum ersten Mal richtig auf die Nase fallen, weil sie KI in einer Prüfung nicht nutzen dürfen, haben die allermeisten zum Glück auch die Einsicht“, so Konrad. Inzwischen seien die Hörsäle wieder voller, Stift und Papier lösten immer öfter die Laptops ab.
Doch hier könnte die Theorie mit der Realität kollidieren: der Bequemlichkeit des Menschen. Warum erst lange über ein Thema nachdenken, wenn die KI doch schneller ist und vielleicht sogar zu einem besseren Ergebnis kommt? „Das Gehirn neigt tatsächlich dazu, Mühe zu verringern, um Energie zu sparen“, erklärt Konrad.
Außerdem führe schon die reine Erwartungshaltung, dass Informationen immer verfügbar sind, laut Konrad dazu, dass man sie sich weniger gut merkt. Das gelte auch schon für Suchmaschinen wie Google. Doch die ständige Informationsverfügbarkeit habe auch ihr Gutes: Man erhielte schneller und deutlich mehr Informationen, sodass Forscher beim Allgemeinwissen keine Abnahme verzeichnen.
Künstliche Intelligenz macht den Menschen also nicht automatisch dumm – sie verändert nur, wie wir denken und lernen. Entscheidend ist, ob wir sie als bloße Abkürzung nutzen oder als Werkzeug. Wer sein Gehirn weiterhin fordert, kritisch hinterfragt und aktiv mitdenkt, kann von KI sogar profitieren.
Gerade in der Schule sei es laut Konrad daher wichtig, Schüler früh über den richtigen Umgang mit Künstlicher Intelligenz aufzuklären. Eltern sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein: „Wie benutzt man denn selbst KI, wenn die Kinder es mitbekommen? Stellt man direkt die Frage nach der Hauptstadt von einem Land, oder denkt man erst selbst darüber nach?“, so Konrad.
KI in der Schule zu verbieten, sei jedenfalls keine Lösung. Besser sei es, das Gehirn vielfältig zu stimulieren: In der Grundschule lernten Konrads Kinder einerseits, einen eigenen Nachrichtenbeitrag zu filmen und zu schneiden; andererseits sollten sie den menschlichen Körper mit Knete nachbauen. „Solche Ansätze halte ich in der Entwicklung für das Beste.“