Hamburg Hass auf AfD und Grüne: Wissenschaftler finden ein Gegenmittel
Kritik am politischen Gegner wird immer hemmungsloser – bis hin zu Verachtung, Entmenschlichung und Gewalt. Hamburger Psychologen haben eine Idee, wie der verhängnisvolle Trend zu bremsen wäre.
Forscher aus Hamburg haben einen Weg gefunden, wie sich Hass auf AfD und Grüne spürbar verringern lässt. Im Rahmen einer Studie nutzte das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) dafür eine Methode aus der Behandlung von Wahnüberzeugungen und Schizophrenie. Erstaunliches Ergebnis: Selbst hartnäckige Vorurteile gegenüber dem politischen Gegner gerieten bei den Teilnehmern der Untersuchung ins Wanken.
In der gemeinsamen Studie mit der Uni Augsburg waren etwa 1000 Menschen mittels Metakognitiven Trainings (MKT) online zu stereotypischen Überzeugungen gegenüber politisch Andersdenkenden befragt worden. Als ihnen im Anschluss die korrekten Antworten vorgelegt wurden, mussten viele erkennen: Ihr vermeintlich sicheres Wissen über die AfD oder die Grünen war schlicht falsch. Prof. Steffen Moritz, Forschungsleiter Neuropsychologie und Psychotherapie am UKE: „70 Prozent haben einen Denkanstoß gespürt, der eine Änderung anbahnen könnte und bei einigen sogar bereits eingeleitet hat.“
Die Studie sollte erkunden, wie die Gesellschaft Herabsetzung, Entmenschlichung und Gewaltneigung im politischen Raum Einhalt gebieten kann. Wähler links orientierter Parteien (SPD, Die Linke, Grüne) sowie rechtsorientierte Wähler der AfD wurden dazu befragt, was sie über die AfD beziehungsweise die Grünen zu wissen glaubten. Beide Parteien sind in Deutschland am häufigsten Zielscheibe von Anfeindungen und Gewalttaten.
Moritz betont zwar: Mit dem Einsatz von MKT aus der Behandlung psychischer Krankheiten hätten die Forscher keineswegs Extremismus und Wahn gleichsetzen wollen. Aber: In beiden Fällen lasse sich auf diese Weise „Überkonfidenz“ reduzieren – also das Handeln auf Grundlage sehr fest gefügter Überzeugungen.
Den Teilnehmern lagen zwölf Fragen zu verbreiteten politischen Stereotypen vor, dazu je drei Antwortmöglichkeiten, von denen eine richtig war. Reihenweise entpuppten sich dabei bisherige Gewissheiten über den ideologischen Gegner als unzutreffend – in beiden Lagern.
So wussten zwei Drittel der AfD-Anhänger nicht, dass sich Robert Habeck von einer früheren Aussage distanziert hat, er finde Patriotismus „zum Kotzen“ und könne nichts mit Deutschland anfangen. In einer anderen Frage wollten die Forscher wissen, ob Habecks Grünen-Kollegin Katrin Göring-Eckardt Vergewaltigungen durch Migranten relativiert hat. 70 Prozent der Befragten aus dem rechten Spektrum bezeichneten ein entsprechendes Zitat der Politikerin als richtig – obwohl es frei erfunden war.
Auf der anderen Seite zeigte sich bei Grünen-Anhängern erhebliches Nichtwissen zur AfD. Die Hälfte von ihnen bezeichnete die Aussage als falsch, die Rechtspopulisten hätten einen Abgeordneten aus Baden-Württemberg wegen Holocaust-Leugnung aus der Partei geworfen – was auf Betreiben des AfD-Bundesvorstandes tatsächlich geschehen war. Sogar drei Viertel der Grünen sagten fälschlicherweise, dass folgender Passus nicht im AfD-Parteiprogramm steht: „Muslime, die sich integrieren und unsere Grundordnung und die Grundrechte anerkennen, sind geschätzte Mitglieder unserer Gesellschaft.“
Die Wissenschaftler werten die Ergebnisse als Beleg dafür, dass MKT feindselige Einstellungen gegenüber einer gegnerischen politischen Gruppe reduzieren kann. Wem derart die Augen über sein Unwissen geöffnet werden, sei tendenziell bereit, verhärtete Ansichten zu überdenken.
Nur: Wie lässt sich die Erkenntnis praktisch anwenden? Voruteilsbehaftete Parteianhänger zum Psychiater? Das natürlich nicht, entgegnet Steffen Moritz, regt aber an: „Schule wäre ein toller Anfang, zum Beispiel im Politik-, Religions- oder Geschichtsunterricht.“ Denn Kinder und Jugendliche seien vielfach radikaler in ihren Meinungen – aber auch leichter davon abzubringen.
Dem UKE-Professor geht es nach eigener Aussage nicht darum, politische Extremisten zu bekehren. Aber eine Hoffnung hat er nach Abschluss der Untersuchung doch: Gegner mögen vielleicht weiterhin den Kopf schütteln, wenn sie Alice Weidel oder Ricarda Lang sehen – „aber sie bedrohen sie nicht mit Gewalt oder Vergewaltigung und machen keine abfälligen Bemerkungen über ihr Aussehen.“