Berlin Was tun mit dem Heer der Überflüssigen durch KI, Karsten Wildberger?
Digitalminister Karsten Wildberger sieht ein KI-Zeitalter aufziehen, in dem die Gesellschaft komplett umgepflügt wird. Dass viele Menschen davor Angst haben, findet er nachvollziehbar. Er macht aber auch Vorschläge, wie die Revolution gelingen kann.
Friedrich Merz hat den Topmanager Karsten Wildberger (56) aus der Wirtschaft geholt und zum ersten Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung gemacht. Wildberger gab dafür nicht nur seinen Job als Chef der Media-Saturn-Holding auf, sondern trat auch in die CDU ein.
Was dem Gießener unter den Nägeln brennt: Wie die Künstliche Intelligenz Wirtschaft und Gesellschaft in den kommenden Jahren völlig auf den Kopf stellen wird. Dass ein „Heer der Überflüssigen“ entsteht, hält der Physiker für unausweichlich. Aber er hat auch Ideen, wie das Land damit klarkommen kann.
Natürlich haben wir den Digitalminister auch gefragt, was er von einem Social-Media-Verbot hält. Die Antwort macht klar: So eilig wie Daniel Günther oder Hendrik Wüst hat er es nicht.
Frage: Herr Minister, mehrere Ihrer Kabinettskollegen sind selbst weitestgehend Social-Media-abstinent. Wie intensiv ist der Digitalminister auf X, Insta oder Tiktok unterwegs?
Antwort: Klar nutze ich das. Ich kann nur Politik machen, wenn ich die Lebensrealität der Menschen kenne.
Frage: Da ist viel Stuss und Anstößiges zu sehen, aber auch witzige und niedliche Sachen. Man kann sich austauschen, den Horizont erweitern. Muss oder darf die Politik Jugendlichen bis zum Alter von 16 Jahren Social Media verbieten?
Antwort: Ich bin dafür, dass es eine Altersgrenze für Social Media gibt – womöglich als Übergangslösung. 16 Jahre erscheint mir allerdings hoch, 14 Jahre finde ich persönlich angemessener. Es geht ja auch um die digitale Teilhabe von Jugendlichen. Die gesellschaftliche Debatte, wie wir Kinder und Jugendliche im Netz schützen, ist richtig, genauso wichtig ist die Perspektive der Wissenschaft. Die von Frau Prien eingesetzte Expertenkommission schaut sich das intensiv an und wird bis Sommer einen Vorschlag machen.
Frage: Ihre Partei, die CDU, drängt auf das Verbot. Auch Daniel Günther und Hendrik Wüst machen Druck.
Antwort: Das Problem hat mehrere Dimensionen. Wenn die Eltern zu Hause ständig am Smartphone hängen, wird es Kindern schwerlich gelingen, Social Media angemessen zu nutzen. Erziehung gehört dazu, die kann der Staat durch ein Verbot nicht ersetzen. Aber in der Abwägung kann eine Altersgrenze ein Weg sein. Wir müssen auch ein Zeichen setzen, dass uns der Schutz der jungen Leute sehr am Herzen liegt.
Frage: Zur Künstlichen Intelligenz (KI): Etliche Unternehmen sind längst dabei, durch den Einsatz von KI ihren Gewinn zu maximieren und ihre Mitarbeiterzahl zu minimieren. Steuern wir auf ein Heer an Menschen zu, die nicht gebraucht werden?
Antwort: Die Künstliche Intelligenz stellt die Gesellschaft vor die Herausforderung, die Sie beschreiben. Das ist so. Und das treibt mich sehr um. Wir müssen nach neuen Antworten suchen. Die Wege der zurückliegenden 30 Jahre führen nicht mehr weiter.
Frage: Welche Pisten sehen Sie?
Antwort: Ich bin überzeugt: Wenn wir in Deutschland die KI-Technologie führend anwenden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu deutlich überproportionalem Wachstum führt, sehr hoch. Das wäre eine Grundvoraussetzung, um diesen Wandel überhaupt gestalten zu können. Denn wir brauchen deutlich höhere Steuereinnahmen, damit wir mit dem Geld den Jobmarkt umbauen können. Wenn die KI den Informatikern, Mathematikern und vielen anderen ihre Jobs wegnimmt, dann brauchen diese Menschen eine andere sinnvolle Betätigung.
Frage: Das klingt heftig.
Antwort: Die schlimmste aller Antworten wäre es, zu sagen: Wir lehnen KI ab. Aufhalten können wir das nämlich nicht. Wir können und müssen alles tun, um auch als Gesellschaft von der KI zu profitieren, und wir können nicht zulassen, dass das große Geld weiterhin fast ausschließlich in den USA und in China gemacht wird.
Frage: Könnten die Gewinne der KI-Profiteure in Deutschland wirklich hoch genug werden, um den Überflüssigen, um es mal drastisch zu formulieren, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu finanzieren?
Antwort: Ich halte es für möglich, dass dank KI sehr hohe Gewinne erlöst werden können, auch in Deutschland. Und ich bin überzeugt, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen ein Teil der Lösung werden kann, um die Umwälzungen am Arbeitsmarkt aufzufangen. Aber ausreichen wird das nicht. Wir Menschen brauchen eine sinnstiftende Tätigkeit. Kaum jemand kann doch nur zu Hause sitzen und Videos schauen, ohne verrückt zu werden.
Frage: Es muss verhindert werden, dass die Gesellschaft an Langeweile zugrunde geht?
Antwort: Im Pflege- und sozialen Bereich wird es immer sehr viel zu tun geben. Auch das Handwerk wird im KI-Zeitalter nicht von Computern erledigt. Es werden neue Jobs geschaffen, von denen wir noch gar nichts wissen. Dessen ungeachtet müssen wir uns nichts vormachen: Die Zeit, in der die Industrie eine Jobmaschine war, geht zu Ende. Mein Appell geht daher an alle Gruppierungen; an Arbeitgeber, Gewerkschaften und aus der Zivilgesellschaft: Wir müssen uns zusammenraufen und die Zukunft neu gestalten.
Frage: Zu beobachten ist, dass die Länder Europas zu Konsumentenkolonien der USA und Chinas werden. Ein europäisches ChatGPT ist nirgends in Sicht…
Antwort: Der Rückstand ist unbestreitbar groß. Allerdings nicht bei der Entwicklung von KI-Modellen, nicht bei der Anwendung, nicht bei der Forschung. Es gibt Mistral aus Frankreich, Aleph Alpha aus Heidelberg … Was wir noch nicht schaffen, ist das große Ausrollen, die Skalierung. Aber Deutschland und Europa machen sich endlich auf den Weg, am Mittwoch hat das Kabinett die erste Strategie zur Ansiedlung von Rechenzentren beschlossen. So etwas hatten wir vorher in Deutschland noch nicht.
Frage: Der Zug ist noch nicht abgefahren?
Antwort: Mit so einer Einstellung hätten wir doch schon verloren. Die Chinesen haben eindrücklich bewiesen, wie unglaublich schnell man aufholen und andere teils überflügeln kann. Wir sind aufgewacht. Jetzt müssen wir uns alle weiter zusammenreißen und verhindern, dass wir wieder wegdösen. Denn dann können wir nur in einem Albtraum aufwachen.
Frage: Die Decke über den Kopf ziehen hilft nicht?
Antwort: Ich kann verstehen, dass viele Menschen Angst haben. Angst um den eigenen Job, Angst um die Zukunft der Kinder und der Gesellschaft … Ich nehme das sehr ernst. Aber die Politik kann Rahmen setzen. Die Bundesregierung hat ihre Innovationsstrategie geschärft. Was die Politik nicht kann: den Menschen die Aufgabe abnehmen, ihr Schicksal auch in die eigene Hand zu nehmen, nach Chancen zu suchen und sie zu nutzen.