Historiker erhebt Vorwürfe Dunkler Fleck in der Geschichte der Ostfriesischen Landschaft
Der Historiker Andreas Wojak kritisiert mangelhafte Aufarbeitung der Nazi-Zeit. Eine der Schlüsselfiguren bei der Zwangssterilisation in Ostfriesland wurde 1976 sogar ausgezeichnet.
Emden/Aurich - Hat die Ostfriesische Landschaft ein Problem mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit? Das meint jedenfalls Andreas Wojak. Der Historiker hielt am Dienstag, 17. März 2026, auf Einladung des Vereins „1820 – die Kunst“ einen Vortrag im Emder Rummel. Dabei sparte er nicht mit kritischen Tönen. Ausgangspunkt des Vortrags war ein Buch, das Wojak 1992 über Moordorf veröffentlicht hat und in dem er mit etlichen, zum Teil heute noch kursierenden Vorurteilen aufräumt. Einiges davon wurde bewusst von den Nationalsozialisten vorangetrieben – und das auch aus politischen Motiven. Während der Weimarer Republik war Moordorf eine Hochburg der Kommunisten, die dort bis zu 60 Prozent der Stimmen erreichten. 1938 gab das Auricher Gesundheitsamt eine „Denkschrift“ heraus, die als „Lösung“ für das „Problem Moordorf“ empfahl, „Asoziale“ einer Zwangssterilisation zu unterziehen, was daraufhin tatsächlich passierte. Dass die Zahl der Betroffenen auf 27 begrenzt blieb, lag laut Andreas Wojak hauptsächlich am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.
Verfasst wurde die „Denkschrift“ von dem 1909 in Loga geborenen Arzt Arend Lang, der bereits 1931 in die NSDAP und SS eingetreten war. 1934 hatte er sich am gescheiterten Juliputsch gegen den österreichischen Kanzler Dollfuß beteiligt. In den Jahren 1937 und 1938 war der Mediziner am Auricher Gesundheitsamt tätig und arbeitete anschließend für das Hauptgesundheitsamt in Wien. Aus einen Brief von 1941 geht hervor, dass er die Ostfriesische Landschaft gerne aufgelöst und in das SS-Ahnenerbe als deren Rechtsnachfolgerin eingegliedert gesehen hätte, „weil ich der Ansicht bin, daß die friesische Forschung nirgends so viel Verständnis findet wie beim Reichsführer der SS“, so seine Begründung.
Veröffentlichung abgelehnt
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hängte Arend Lang den Arztberuf an den Nagel und machte sich einen Namen als Kartograph. Er lebte auf Juist, wo er bis kurz vor seinem Tod 1981 das Küstenmuseum leitete. Seine nationalsozialistische Vergangenheit war da längst kein Thema mehr, auch nicht bei der Ostfriesischen Landschaft, die Arend Lang 1976 mit der Ubbo-Emmius-Medaille als ihre höchstmögliche Auszeichnung geehrt hatte. Vor allem diese Ehrung ist aus Sicht von Andreas Wojak ein „sehr dunkler Fleck in der Geschichte der Ostfriesischen Landschaft“ und sollte umfassend aufgearbeitet werden inklusive des damaligen Umfeldes. Dazu gehörte der 2004 verstorbene langjährige Leiter des Auricher Staatsarchivs Walter Deeters, der in dem auch online einsehbaren Bibliographischen Lexikon der Ostfriesischen Landschaft über Arend Lang schreibt, der Mediziner sei zu seinen Schandtaten während der NS-Zeit von einem „Dämon“ namens Adolf Hitler „mehr als nötig verführt“ worden. Den Vorschlag zur Eingliederung der Ostfriesischen Landschaft in das SS-Ahnenerbe bezeichnet er in dem Beitrag als „Reform“.
Pikant daran ist, dass Andreas Wojak sein Moordorf-Buch ursprünglich auch der Ostfriesischen Landschaft zur Veröffentlichung angeboten hatte. Die lehnte das Werk jedoch ab mit dem Hinweis, es sei „nicht wissenschaftlich und zu journalistisch“. Das war offensichtlich eine Fehleinschätzung, wie zahllose positive Kritiken (z.B. in dem renommierten Wochenblatt „Die Zeit“) eindrucksvoll untermauern. Oder scheuten sich die Verantwortlichen davor, dass unbequeme Wahrheiten ans Licht kommen könnten?
„Segensreiche Institution“
Als Johannes Diekhoff Andreas Wojak 2011 bei der Ostfriesischen Landschaft für eine Ehrung vorschlug war die Reaktion ähnlich. Eine Mehrheit votierte dagegen. „Ich bin überhaupt kein Gegner der Landschaft, sondern halte sie für eine segensreiche Institution für Ostfriesland“, betonte Wojak in seinem Vortrag am Dienstag. „Aber Kritik muss schon erlaubt sein. Was diese Ehrung oder generell Ehrungen aus der Vergangenheit angeht: Man kann sie nicht aus der Welt schaffen. Aber man kann sie posthum aberkennen – so wie es bei den Ehrenbürgerschaften aus der Nazi-Zeit schon öfter geschehen ist, oder auch bei Straßennamen, die gelegentlich umbenannt werden. Damit würde man gerade in Zeiten wie heute ein wichtiges Zeichen setzen.“