Krummhörn  Mann verärgert – Ärzte telefonisch nicht erreichbar

Hannah Weiden
|
Von Hannah Weiden
| 18.03.2026 12:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Viele Arztpraxen sind telefonisch schlecht zu erreichen. Symbolfoto: Hannes P Albert/dpa
Viele Arztpraxen sind telefonisch schlecht zu erreichen. Symbolfoto: Hannes P Albert/dpa
Artikel teilen:

Man braucht einen Termin oder hat eine Frage, doch viele Arztpraxen sind telefonisch nicht zu erreichen. Ein Krummhörner findet: Vor allem für ältere oder schwerkranke Menschen ist das ein Unding.

Krummhörn - Einen Termin vereinbaren oder absagen, Rezepte bestellen oder eine Frage stellen: Viele Patientinnen und Patienten greifen zum Hörer, um diese Dinge direkt und persönlich mit Arztpraxen zu klären. Immer öfter nimmt dabei aber niemand ab. Es ertönt ein Anrufbeantworter oder ein digitaler Sprechstundenassistent. Was jahrzehntelang relativ gut geklappt hat, scheint seit ein paar Jahren immer komplizierter zu werden.

Für Thomas Snieders aus der Krummhörn ist das ein Unding. Seinen Namen haben wir geändert, weil er lieber anonym bleiben möchte. Snieders ist 58 Jahre alt und Unternehmer im Ruhestand. Seit gut drei Jahren lebt er in der Krummhörn und fühlt sich dort grundsätzlich auch wohl. Seine Heimat, die Grafschaft Bentheim, und Ostfriesland sähen sich ziemlich ähnlich – von der Mentalität, dem Plattdeutschen oder den demografischen Gegebenheiten.

Angst vor Lungenfibrose – Ärzte nicht erreichbar

Beim Thema Ärzteversorgung und insbesondere Erreichbarkeit von Ärzten habe er aber massive Unterschiede feststellen müssen, so Snieders. Als sich bei ihm im Herbst 2025 gesundheitliche Probleme verdichteten, habe er einen kleinen Ärztemarathon zurückgelegt. Sein Vater sei vor drei Jahren an einer Lungenfibrose verstorben. „Er ist elendig erstickt“, sagt der 58-Jährige. Als er dann selbst plötzlich Lungenprobleme bekam, sei er deshalb sehr nervös geworden.

Lange habe er nach einem Arzt gesucht, der noch neue Patienten aufnimmt. Bei einem Lungenarzt in Emden hatte er dann Glück und konnte sich nur zwei Tage später wegen seiner Atemprobleme bei ihm vorstellen. Dieser schickte ihn in ein Schlaflabor und ins MRT. Über ein Online-Tool habe er sich beim MRT gemeldet, doch dann den Rückruf aus der Praxis verpasst. Bei seinen unzähligen Rückrufen habe keiner abgenommen, sodass er sich kurzerhand ins Auto gesetzt habe und vor Ort in der Praxis einen Termin ausmachen musste.

Langes Warten auf eine Diagnose

Die Ergebnisse der MRT-Untersuchung sollten ihm dann wiederum vom Lungenarzt mitgeteilt werden. Einen Termin hätte er dort aber erst ein halbes Jahr später bekommen – trotz seiner Angst vor einer akuten Lungenfibrose, bei der die Überlebensprognose meist nur wenige Jahre beträgt. „Ihr wollt mich also ein halbes Jahr auf die Info warten lassen, wie lange ich noch zu leben habe? Seid ihr bescheuert?“, sagt Snieders. Er habe sich deshalb kurzerhand einen Termin im Klinikum geben lassen, wo er dann die Diagnose Schlafapnoe bekam.

Bei dieser Schlafstörung haben Betroffene im Schlaf Atemaussetzer von mehreren Sekunden, die den Sauerstoffgehalt im Blut sinken lassen. Symptome sind lautes Schnarchen, ausgeprägte Müdigkeit am Tag, Konzentrationsstörungen sowie Sekundenschlaf. Auch Snieders schläft schlecht, ist nachts an ein Beatmungsgerät angeschlossen, ist unausgeruht, obwohl er meist zwölf Stunden schläft. In der ersten Tageshälfte sei mit ihm kaum etwas anzufangen. Hinzu kämen Kopfschmerzen und seit Kurzem nun auch Hörprobleme.

Insbesondere ältere Menschen bleiben auf der Strecke

Als er deshalb einen Termin beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt machen wollte, habe er erneut die Erfahrung machen müssen, dass telefonisch bei mehreren Praxen in der Umgebung rein gar nichts zu machen sei. Er habe sich deshalb wieder ins Auto gesetzt und sei zu einem Arzt nach Norden gefahren. Die Arzthelferin habe ihm gesagt, dass sie das Telefon meist gar nicht mehr abnehmen würden.

„Aber man kann doch nicht tagelang hinter einem Termin herrennen, wenn man keine Luft bekommt oder nichts mehr hört“, sagt er. Er denke dabei auch an ältere Menschen, die selbst nicht Auto fahren könnten oder niemanden hätten, der das für sie übernehme. Online-Angebote zur Terminbuchung oder digitale Sprechstundenassistenten am Telefon seien da keine Lösung, zumal insbesondere ältere Menschen nicht immer Zugang zu digitalen Angeboten hätten.

Viele Praxen sind an der Belastungsgrenze

Als Thomas Snieders in seiner Not bei dem telefonischen ärztlichen Bereitschaftsdienst, der 116 117, anrief, seien ihm dort nur Telefonnummern von Praxen mitgeteilt worden, bei denen er es selbst längst versucht hatte. Die Patienten blieben in diesem System auf der Strecke und viele Praxen, so sein Eindruck, zeigten nicht einmal die Bereitschaft, für die Patienten erreichbar zu sein.

Laut Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, ist die schlechte telefonische Erreichbarkeit vor allem auf den akuten Fachkräftemangel zurückzuführen. Hinzu kämen ein „extrem hohes Anrufaufkommen“ in den Praxen, hohe bürokratische Belastungen sowie aktuelle Grippe- und Infektionswellen. Auch der Rückgang der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte führe zu einer höheren Belastung der verbleibenden Praxen.

Ältere Menschen kommen mit digitalen Lösungen nicht immer zurecht

„Es fehlt einfach an Medizinischen Fachangestellten, die den Telefondienst besetzen“, schreibt er. Immer mehr Praxen setzten deshalb auf digitale Lösungen und reduzierten die telefonische Besetzung bewusst, um ihre Effizienz zu steigern. Gleichwohl räumt er ein: „Damit kommen ältere Bürgerinnen und Bürger aber nicht immer gut zurecht.“

Thomas Snieders hofft nun, dass sich an der Erreichbarkeit in Zukunft wieder etwas ändern könnte. „Deshalb hau ich hier nicht ab, aber es ist schon schockierend“, sagt der 58-Jährige. Und: „Ich verstehe aber auch jeden, der als alte Person von hier wegzieht deswegen.“ Auch für jüngere Menschen oder Unternehmen, die überlegten, sich in Ostfriesland anzusiedeln, sei es doch unattraktiv, wenn sie immer wieder von solchen Problemen hörten. Ob sich etwas ändert, bleibt für ihn und alle anderen aber abzuwarten.

Ähnliche Artikel