Berlin Alice Schwarzer über Manuel Hagels Rehaugen-Video: „Kaum der Rede wert und kein Sexismus“
War das Rehaugen-Video im Baden-Württemberger Wahlkampf Feminismus oder eine Schmutzkampagne? Was muss Justizministerin Hubig tun, damit sexuelle Gewalt nicht folgenlos bleibt? Alice Schwarzer beantwortet uns neun Fragen zum Zeitgeschehen.
„99 Worte” nennt Alice Schwarzer ihr neues Buch. Auf je einer Seite diskutiert sie darin die Themen, die sie in ihren mehr als fünf Jahrzehnten der Frauenbewegung beschäftigt haben – von der Abtreibung über das Kopftuch bis hin zu privaten Einblicken wie ihrem Leben mit Katzen. Wir haben uns auf Schwarzers Zahlenspiel eingelassen und der Femistin neun Fragen zum Zeitgeschehen geschickt. Dies sind ihre Antworten:
Frage: 1. Der Wahlkampf in Baden-Württemberg war überraschend feministisch geprägt: dank Manuel Hagels Schulbesuch und seinem sexualisierenden Blick auf Mädchen. Vielfach wurde den Grünen eine „Schmutzkampagne” vorgeworfen. Wie ordnen Sie die Debatte ein?
Antwort: Mir schien dieser Wahlkampf keineswegs feministisch. Im Gegenteil: Dieses acht Jahre zurückliegende Alt-Herren-Benehmen eines konservativen jungen Mannes war kaum der Rede wert und kein Sexismus. Die Klage war also eher ein wahltaktisches Manöver als ein feministischer Akt.
Frage: 2. Die Philosophin Manon Garcia hat den Pelicot-Prozess besucht und wirft in ihrem Buch die Frage auf: Wenn in einem 50-Kilometer-Umkreis um ein ganz normales Dorf 75 Männer bereit sind, eine Bewusstlose zu vergewaltigen – kann man dann überhaupt noch mit Männern leben? Kann man?
Antwort: Ja, da hat Garcia ganz recht: Fast noch erschreckender als das scheinbare Ausnahme-Monster Monsieur Pelicot sind die vielen ganz normalen Männer nebenan, die mitgemacht haben. Einer von ihnen hat ja gleich schon angefangen, das Modell nachzubauen – und Dominique Pelicot war einer seiner ersten Kunden. Ich denke, in einem ersten Schritt müssen die Frauen selber lernen, genauer hinzuschauen – und weniger wegzuschauen. Erst dann werden sich auch manche Männer wirklich ändern. Von den 50 Ehefrauen der 50 angeklagten Mitvergewaltiger im Fall Pelicot zum Beispiel war nicht eine bereit, das Angebot der Polizei wahrzunehmen, ihr Haar darauf untersuchen zu lassen, ob nicht auch sie schon unwissentlich unter Drogen gesetzt wurde. Studien zeigen immer wieder, dass ein Drittel der Männer Machos sind, ein Drittel feige Unentschlossene und ein Drittel Feministen, zumindest schon mal theoretisch. Auf sie müssen die Frauen sich konzentrieren.
Frage: 3. Unter dem Motto „den Opfern glauben” gerät mitunter auch die Unschuldsvermutung unter Beschuss – zum Beispiel in der Debatte um den Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar. Sie selbst fordern eine Justizreform, um sexuelle Gewalt besser verfolgen zu können. Was erwarten Sie von Justizministerin Stefanie Hubig?
Antwort: In keinem Bereich wird so wenig von den Opfern gelogen wie in dem der Sexualverbrechen. Ganz einfach, weil in den Missbrauchs- und Vergewaltigungsprozessen in der Regel die Opfer noch mal zu Opfern gemacht werden. Doch nur jeder 100. Vergewaltiger wird in Deutschland letztendlich auch verurteilt. Da muss etwas passieren! Was Justizministerin Hubig angeht, mache ich mir Hoffnungen. Sie hat sehr rasch mehrere Gesetzesentwürfe im Bereich der sexuellen Gewalt eingebracht und dafür gesorgt, dass ab 1. April der Handel mit K.o.-Tropfen verboten sein wird.
Frage: 4. Was ist feministische Außenpolitik – und was halten Sie davon?
Antwort: Feministische Außenpolitik ist Friedenspolitik. Denn in allen Kriegen werden die Soldaten traumatisiert und brutalisiert. Und die Überlebenden führen nach dem großen Krieg den kleinen Krieg weiter: gegen Kinder und Frauen.
Frage: 5. In den sozialen Netzwerken erleben traditionelle Rollenbilder eine Renaissance. Ist ein Social-Media-Verbot für Jugendliche die Lösung?
Antwort: Bei dem Problem soziale Netzwerke geht es um so viel mehr als nur traditionelle Rollenbilder. Das größte Übel ist die Pornografie. Die zerstört das Begehren der jungen Frauen wie der jungen Männer. Die einen deformiert sie zu Opfern, die anderen zu Tätern. Jeder zweite Jugendliche glaubt einer Studie des britischen Kinderschutzbeauftragten zufolge heute, Würgen und Schlagen gehöre zur normalen Sexualität. Also ja, unbedingt ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16, auf welchen Wegen auch immer!
Frage: 6. Die erste der vielen Debatten, die Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ausgelöst hat, war die um ein Gender-Verbot. Geht der Streit auf Kosten der Akzeptanz für den Feminismus im Ganzen? Und ist es das wert?
Antwort: Was verstehen wir unter Gender? Kluge Linguistinnen haben einst das Gendern eingeführt, um die Hälfte der Menschheit, die Frauen, in der Sprache sichtbar zu machen. Mit den heutigen Auswüchsen des Genderns wollen diese Linguistinnen selber längst nichts mehr zu tun haben. Mit den Sternchen, Unterstrichen und Doppelpunkten, die für winzige Bevölkerungsgruppen hinterm Komma stehen sollen. Das ist in der Tat absurd.
Frage: 7. Männer bringen sich öfter um als Frauen, sie sterben häufiger an Alkohol, viel häufiger an Drogen und haben eine um Jahre geringere Lebenserwartung. Warum gelingt es trotzdem so schlecht, Männer gegen das Patriarchat zu mobilisieren?
Antwort: Offensichtlich sind die Vorteile des Mannseins trotz dieser Misere immer noch größer als die Nachteile. Beim Kampf der Geschlechter geht es um Interessen, um Privilegien, die die Männer auf Kosten von Frauen haben – und von denen sie nicht so leicht lassen wollen. 50 Jahre Feminismus sind eben ein Fliegenschiss gegen 5.000 Jahre Patriarchat.
Frage: 8. Mit Rita Süssmuth haben wir gerade eine prägende Feministin verloren. Auf welche jungen Politikerinnen – oder Politiker – setzen Sie Ihre Hoffnung?
Antwort: Mir fällt immer wieder Julia Klöckner auf. Als ungewöhnlich selbstbewusst und durchsetzungsfähig. Auf der anderen Seite ist auch Heidi Reichinnek eine starke Frau.
Frage: 9. Ihr aktuelles Buch geht den Feminismus in 99 Schlagworten durch. Welches war das 100. Wort, auf das Sie verzichten mussten?
Antwort: Menschsein. Nachdem wir den ganzen Ballast des Frauseins und Mannseins hinter uns gelassen haben.
Das Buch: „Feminismus pur. 99 Worte” von Alice Schwarzer ist im Heyne Verlag erschienen, 224 Seiten, 22 Euro.