Hamburg  Ein Niederländer verzweifelt an der Bahn in Deutschland

Marie Busse
|
Von Marie Busse
| 18.03.2026 12:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
„Nie wieder“, sagt der Niederländer Ben van den Anker nach seiner Bahnfahrt in Deutschland. Foto: IMAGO / Michael Gstettenbauer
„Nie wieder“, sagt der Niederländer Ben van den Anker nach seiner Bahnfahrt in Deutschland. Foto: IMAGO / Michael Gstettenbauer
Artikel teilen:

An der Bahn in Deutschland verzweifeln regelmäßig schon Deutsche. Wer aus dem Ausland kommt, verzweifelt doppelt. Wir haben mit einem Holländer gesprochen, der einen Flug nach Spanien inzwischen simpler findet als eine Bahnfahrt nach Berlin.

Um 6.45 Uhr soll es am Arnheimer Bahnhof losgehen. Der 58-jährige Niederländer Ben van den Anker will die deutsche Hauptstadt besuchen. Sein Reiseplan lautet: von Arnhem, unweit der deutschen Grenze, mit einem Regionalzug der deutschen Privatbahn Vias nach Duisburg und von dort mit dem Flixtrain nach Berlin. „Ich hatte die Verbindung extra mit nur einem Umstieg gebucht“, sagt er.

Doch van den Anker steht vergebens am Gleis, sein Zug kommt nicht. Der Niederländer nimmt die nächste Bahn, verpasst allerdings seinen Flixtrain in Duisburg. Was dann folgt, beschreibt er später lachend als Gesellschaftsspiel mit dem Titel: „Finde deinen Anschluss, wenn du kannst.“

Statt einer einfachen Fahrt wird die Reise zu einer improvisierten Kette aus Regionalzügen. Die Route führt ihn über Emmerich, Duisburg und Hamm. Die Schwierigkeit für ihn: Er hat ein Kombiticket des privaten Anbieters Flixtrain. Damit kann er Regionalzüge und den Fernzug des Flixtrains nehmen, in einen ICE darf er allerdings nicht steigen.

Nach gut eineinhalb Stunden kauft van den Ank er, völlig entnervt, eine ICE-Fahrkarte von Hamm nach Berlin. Kostenpunkt: 110,10 Euro. „Ich habe also zweimal für die gleiche Strecke bezahlt. Hätte ich das früher gewusst, wäre ich nach Griechenland oder Spanien geflogen“, sagt er.

„Ich habe nichts erfahren, und als Ausländer habe ich auch nicht alle Apps für Deutschland“, sagt er. Für den Bahnverkehr gibt es eine ganze Reihe digitaler Informationskanäle: die App der Deutschen Bahn, die App von Flixtrain, Anwendungen der privaten Regionalbahnen – dazu Websites wie zuginfo.nrw, die über Schienenersatzverkehr informieren. Doch nicht alle Informationen erscheinen gleichzeitig in allen Systemen. Gerade für Reisende aus dem Ausland ist es schwer, in diesem Geflecht aus Apps, Websites und verschiedenen Bahnunternehmen den Überblick zu behalten.

Mit gut zwei Stunden Verspätung erreicht van den Anker schließlich die deutsche Hauptstadt. Nach drei Tagen geht es wieder zurück und auch diese Verbindung läuft nicht reibungslos. Zwischen Emmerich und Arnhem sollte es Schienenersatzverkehr geben. „Es gab keine Ersatzbusse und wieder keinerlei Informationen“, sagt van den Anker. Er wartet nicht auf weitere Züge oder Busse, sondern ruft seine Frau an. Sie holt ihn schließlich im knapp 40 Kilometer entfernten Emmerich ab.

„Deutschland ist so stolz auf seine Pünktlichkeit, aber bei der Bahn funktioniert das gar nicht“, sagt er. Es gebe zwar auch im niederländischen Netz Verspätungen, aber nicht in diesem Ausmaß. Zum Vergleich: In den Niederlanden kommen knapp 90 Prozent der Fernzüge pünktlich an, in Deutschland sind es weniger als 60 Prozent.

Für den Niederländer endet der Bahnfrust nicht mit der Ankunft zu Hause. Er will die Kosten für die ICE-Fahrt erstattet bekommen und wendet sich an Flixtrain. Die verweisen ihn allerdings an den Regionalbahnbetreiber Vias, auf dessen Zugausfall der verpasste Anschluss zurückzuführen ist. Vias wiederum verweist ihn zurück an Flixtrain. Die Verantwortung wandert zwischen den Unternehmen hin und her. „Fehler können passieren“, sagt van den Anker. „Aber der Kunde hat hier wenig Chancen, obwohl es Fahrgästrechte gibt.“

Flixtrain erklärt auf Anfrage unserer Redaktion: „Die Regionalzug-Verbindung funktioniert dabei als Zubringer oder Anschluss zum Flixtrain, wird aber nicht von Flixtrain selbst durchgeführt.“ Fällt diese Fahrt aus, sei grundsätzlich der jeweilige Regionalzuganbieter für eine Rückerstattung verantwortlich. Trotzdem habe Flixtrain „eine Rückerstattung für die Hinfahrt in die Wege geleitet“. Für die Rückreise erklärt das Unternehmen, zwischen Emmerich und Arnhem habe ein Schienenersatzverkehr bestanden, der mit dem vorhandenen Ticket kostenfrei hätte genutzt werden können.

Auch der Regionalzuganbieter Vias verweist auf die komplexen Informationswege im Bahnverkehr. Bei mehreren beteiligten Unternehmen müsse zunächst die Zuständigkeit geklärt werden. „Der Vias ist bewusst, dass dieser Prozess mitunter einige Wartezeit, weiteren Aufwand und bisweilen ein erhöhtes Stresslevel für die Betroffenen bedeutet“, erklärt das Unternehmen.

Der Niederländer ist überzeugt: „Man muss Druck machen, um das Geld überhaupt zu bekommen“, sagt er. Nach mehreren Mails hat er das Geld für die Hinfahrt mittlerweile erhalten. Mit der Bahn in Deutschland will er dennoch nie wieder fahren. „Und ich kann es auch niemandem empfehlen“, sagt er.

Ähnliche Artikel