Berlin  Alexander Scheer über ADHS-Mittel und andere Drogen: „Was David Bowie hatte, hatte ich auch“

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 20.03.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Heroes-Tour: Alexander Scheer geht mit den Songs von David Bowie auf Reisen. Foto: picture alliance / dpa / Kirsten Nijhof
Heroes-Tour: Alexander Scheer geht mit den Songs von David Bowie auf Reisen. Foto: picture alliance / dpa / Kirsten Nijhof
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Alexander Scheer tourt mit Songs von David Bowie: Ein Gespräch über den Rock ’n’ Roll, die Partys der 90er und Songs, bei denen man jedes Gramm hört.

Alexander Scheer hat schon Keith Richards verkörpert, den DDR-Musiker Gundermann und mehrfach David Bowie – mit dessen Songs der Schauspieler jetzt auf Tour geht. Im Gespräch erzählt der 49-Jährige vom Rock ’n’ Roll seiner Teenagerjahre im Osten, von wilden Partys im Nachwende-Berlin und von seiner ADHS-Diagnose und ihren Folgen.

Frage: Herr Scheer, vor zehn Jahren ist David Bowie gestorben. Und seitdem, scherzen die Leute in den sozialen Medien, geht es bergab: Brexit, Trump, die Polarisierung. Auf Instagram teilen deshalb gerade viele Leute nostalgische Fotos aus dem Jahr 2016.

Antwort: Ich bin nicht auf Instagram, aber ich weiß noch, was ich damals gemacht habe: Am 11. Januar 2016 fuhr ich – verkleidet als Gladbecker Geiselnehmer Degowski zu einem Vorsprechen. Im Autoradio lief die ganze Zeit David Bowie, weil er einen Tag vorher gestorben war. Auf der Rückfahrt rief der Regisseur Leander Haußmann an: Ich soll sofort ins Berliner Ensemble kommen. Am nächsten Abend lief „Drei Schwestern“ von Tschechow, Uwe Bohm war ausgefallen, ich musste einspringen und die letzte Probe war – jetzt. Also komme ich, beziehungsweise kommt Degowski, in die Theaterkantine, samt Augenringen, Lederjacke, Bart und Pistole im Hosenbund. Und dann steht da mein Freund Steffen Sünkel, der Dramaturg, erkennt mich nicht und ich ziehe die Waffe und …

Frage: Um Gottes willen – und was?

Antwort: … und ich frage ihn: „Hast du eine kulturell wertvolle Idee für ein nächstes Projekt?“ Darauf er: „Ach Scheer, du bist’s! Wie wär’s mit Bowie..?“ Das stimmt wirklich: Die Idee zum Bowie-Abend, mit dem wir jetzt touren, hatten wir am Tag nach seinem Tod. Auch das Konzept war schon da. Wir bauen den Abend um die 100 Bücher herum, die Bowie auf seiner berühmten Leseliste empfohlen hat.

Frage: Ist es üblich, dass man vor einem Gangstercasting schon bei der Anfahrt verkleidet ist? Und bewaffnet?

Antwort: Es wird ganz gern gesehen. So signalisiert man echtes Interesse. Man wird meistens relativ kurzfristig eingeladen, eine oder zwei Wochen vorher. In dieser Zeit tauche ich dann in der Recherche ab. In Castingbüros gibt es in der Regel keine guten Feuerwaffen. Und ich habe zufälligerweise eine 45er zu Hause. Nur eine Replika natürlich, aus einem Actionfilm. Damit spricht es sich viel besser vor als mit irgendeinem Klammeraffen, den ich sonst vom Schreibtisch nehmen müsste. Die meisten Gangstercastings werden mit Büroartikeln gemacht.

Alexander Scheer singt David Bowies „Where Are We Now“

Frage: David Bowie hat nicht nur eine Leseliste erstellt. Er ist auch mit einem Überseekoffer voller Bücher getourt. Bei Ihrem Abend steht eine Nachbildung davon auf der Bühne. Gelesen haben Sie das alles doch aber wohl nicht.

Antwort: Ich habe nicht alle 100 Bücher gelesen, aber immerhin alle gekauft. In der Probenzeit habe ich der Liste in Antiquariaten nachgestöbert und für 800 Euro eingekauft. Keine Ahnung, ob ich das Geld vom Berliner Ensemble jemals wiederkriege. Vor dem Lesen habe ich mir die Liste genau angesehen. Die Quote ist ziemlich letztes Jahrhundert: Auf 88 Autoren kommen zwölf Autorinnen. Aus Prinzip habe ich erstmal die Frauen gelesen. Und in der Inszenierung zitieren wir jetzt genauso viele Frauen wie Männer.

Frage: Picken Sie mal ein Buch raus.

Antwort: Auf Bowies Liste steht auch Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ Das musste ich nicht kaufen. Meine Mama hat es im Bücherregal. Und als ich es aufschlug, stand da tatsächlich „Margitta Scheer“ – der Name meiner Mama – „Juni 1976“. Ich bin am 1. Juni ‚76 geboren. Also nehme ich an, dieses Buch war ein Geschenk zu meiner Geburt, vielleicht sogar von meinem Herrn Papa. Sie hat es gelesen, während sie mich stillte. Ich habe Christa Wolf mit der Muttermilch aufgenommen. Auf der Bühne verbinden wir es mit dem Song „Where Are We Now?“, von dem verbrieft ist, dass Bowie sich auf den Roman bezieht.

Frage: Dass Sie Ihre eigene Geschichte mit auf die Bühne nehmen, überrascht ein bisschen. Wie viel Alexander Scheer steckt in Ihren Figuren?

Antwort: Viele fragen mich, wie es ist, David Bowie zu verkörpern. Dabei möchte ich auf einer Bühne gar keinen verkörpern. Ich versuche, so radikal ehrlich wie möglich zu sein. Ich stehe als ich selber da, nicht als angeschaffte Figur. Wenn ich Bowies Songs singe oder – in einem anderen Programm – Lieder des DDR-Musikers Gundermann, dann muss ich die Seele rauslassen. Anders kann man gar nicht singen. Natürlich geht’s bei mir um David Bowie, um die Songs und um seine Zeit in Berlin. Aber es geht auch um mich und darum, was das alles für mich bedeutet – jetzt, in diesem Moment, auf der Bühne. Wenn mir unser Inspizient vor der Show sagt, dass wir noch kurz warten müssen, weil sich ein Zuschauer im Klo eingesperrt hat – vor ein paar Tagen ist das wirklich passiert –, dann frage ich natürlich erstmal ins Publikum, ob der Mensch wieder heil auf seinem Platz angekommen ist. Jeder Abend soll anders sein. Dafür spielt man ja live.

Frage: Heißt das, alle Anekdoten, die Sie auf der Bühne erzählen, sind wahr? Auch die ADHS-Diagnose, die Sie immer wieder zitieren?

Antwort: Ich spitze vielleicht ein bisschen zu, aber es stimmt alles. Mit dem ADHS ist es bei mir so: Meine Freundin hat auf einer langen Zugfahrt eine Arztserie gesehen, in der die Testfragen aus der ADHS-Diagnostik vorkamen. Bei jeder Frage dachte sie: Kenne ich von Alexander. Damit hat sie mich dann zum Arzt geschickt und der hat festgestellt: Ich habe hochgradig ADHS. Was ich gar nicht so schlimm finde. Ich komme mit allem gut klar: mit dem Hyperfokus, mit der Parallelität von Ereignissen in meinem Kopf auch. Ich kann mich sehr gut mit sechs Dingen gleichzeitig beschäftigen. Mein einziges Problem: In Interviews bilde ich Schachtelsätze, als gäb’s keinen Morgen.

Frage: Nehmen Sie Medikamente? Ritalin oder was immer man da verschreibt?

Antwort: Bei ADHS hat man zu wenig Dopamin im Hirn. Dagegen kann man sich wirklich was verschreiben lassen. Vor unserem Treffen hätte ich mal was nehmen sollen. Ich mache das aber nur selten, wenn ich mich wirklich konzentrieren muss – zum Beispiel, als ich diese zwölf Bücher lesen wollte. Lesen fällt mir natürlich schwer. Aber mit so einer Pille habe ich dann teilweise ein Buch pro Tag gelesen.

Frage: David Bowie hat in seinem Leben vermutlich alles eingeworfen, was man einwerfen kann. Welche der Substanzen, die er geschluckt hat, haben Sie auch schon ausprobiert?

Antwort: Alles.

Frage: Es klingt so, als ob Sie das völlig ernst meinen.

Antwort: Ich bin ein Kind der 90er und komme aus Ost-Berlin. Wir hatten einiges nachzuholen. Und Berlin war damals der freieste Ort im ganzen Universum. Natürlich wurde das zelebriert. Damals war ich aber auch noch kein Schauspieler. Irgendwann habe ich nämlich gemerkt: Entweder feiern oder Text lernen – beides geht nicht. Schauspiel ist Teamsport. Drogen sind da Doping und das widerspricht der olympischen Idee – die Leistung kommt aus dir! David Bowie war in den 70ern hochgradig kokainabhängig. Um clean zu werden, geht er mit seinem Kumpel Iggy Pop ausgerechnet nach West-Berlin, der damaligen Hauptstadt des Heroins. Immerhin entstanden hier wesentliche Alben und mit „Heroes“ die Berlin-Hymne schlechthin. In der Musik kann ich Drogen übrigens tolerieren.

Frage: Weil?

Antwort: Musik hat mit Feuern in der Nacht zu tun. Die kommt vom Schamanentum und der Ekstase. Da stehen Drogen einem nicht im Wege. Legen Sie mal eine Rolling-Stones-Platte auf. Man hört jedes Gramm.

Frage: Haben Sie mal eine Drogenerfahrung gemacht, die nüchterne Menschen nicht erleben?

Antwort: Ich habe mal auf 100 Meter Entfernung ein Tagpfauenauge an der Hauswand sitzen sehen, mit beinahe mikroskopischer Schärfe. Als ich dort ankam, saß es wirklich da. Es gab den Schmetterling tatsächlich. Ich habe ihn auf 100 Meter erkannt. Ich glaube, da war ich auf psycho-halluzinogenen Pilzen. Oder auf Mikros, der chemischen Variante davon. Wir haben damals ja nicht nur die 90er-Jahre ausgekostet, sondern auch noch die psychedelischen 60er nachgeholt, Hippietum und parallel Techno. Hendrix und House: Das waren meine 90er. Vorher war das alles ja völlig verboten. In der DDR galt das nicht nur für Drogen, sondern sogar für die Musik.

Frage: Beim Mauerfall waren Sie 13 Jahre alt. Was war das Rock ’n’ Rolligste, das Sie vorher erlebt haben?

Antwort: Mit drei Jahren bin ich auf der Couch auf- und abgehüpft und habe immer wieder Little Richards Single „Tutti Frutti“ aufgelegt. Auf der B-Seite war nämlich „Lucille“. Die Nummer hat mich echt weggeblasen. Was es im Osten gab, waren die ganzen schwarzen Blueser: John Lee Hooker, Howlin’ Wolf und Muddy Waters, von dessen „Like a Rolling Stone“ die Stones dann ihren Namen geklaut haben. Heute finde ich die Originale viel besser. Damals wollte ich aber die Stones hören, also die weiße Kopie. Von denen gab’s keine einzige Platte. Die waren sowas von verboten. Elvis gab es. Ich kann mich erinnern, dass ich meine Elvis-Poster selber gemalt habe. Für echte hätte ich „Bravo“-Poster zum Tauschen gebraucht. Dafür fehlte mir eine West-Connection.

Frage: Und was war mit zeitgenössischer Westmusik?

Antwort: Depeche Mode haben 1988 in der Werner-Seelenbinder-Halle gespielt. Die Partei hatte einige Tickets an irgendwelche FDJler verteilt. Einige der Glücklichen waren an unserer Schule und haben in der Turnhalle damit angegeben. Es hat uns völlig irre gemacht. Die waren da und wir nicht.

Frage: Wie haben Sie da reagiert?

Antwort: Auf die einzig vernünftige Weise. Aus Wut haben wir die Umkleide komplett zerstört. Das scheint mir jetzt allerdings 100 Jahre her zu sein. Fast so verrückt wie die Vorstellung, jetzt mit meiner eigenen Band durch die schönsten Konzertsäle der Republik zu touren. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr wir uns darauf freuen …

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