Würzburg Alles nur PR? Studie zeigt: Darum ist die Trennung von Sport und Politik eine Illusion
Das IOC beruft sich offiziell auf die „Regel 50“ und verbietet politische Botschaften, um Sport und Politik zu trennen – ein Ideal, das in der Praxis jedoch häufig instrumentalisiert wird. Eine neue Studie analysiert nun die tiefere Systematik dahinter.
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo haben das Verhältnis zwischen Athletik und Politik erneut in das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Nicht zuletzt durch den ukrainischen Skeletonfahrer Wladyslaw Heraskewytsch, der mit den Konterfeis von im russischen Angriffskrieg verstorbenen Sportfreunden auf seinem Helm an den Start gehen wollte. Das IOC schloss den Athleten aus, mit dem Verweis auf die „Regel 50“ der olympischen Charta, die politische Botschaften während der Spiele verbietet.
Für Furore sorgte zuletzt auch Gianni Infantino, der als Fußball-Weltverbandschef auch IOC-Mitglied ist, und „eine echte Partnerschaft“ zwischen Trumps Friedensrat und der FIFA verkündete. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry bekräftigte daraufhin, dass das IOC politisch neutral bleiben werde.
Während Coventry betonte, dass der Fokus künftig allein auf dem Sport liegen solle, verdeutlichen aktuelle wissenschaftliche Analysen der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), wie untrennbar sportliche Großereignisse mit staatlicher Machtausübung verwoben sind.
Im Fokus der Untersuchung des Sportwissenschaftlers Tobias Thune Jacobsen stehen dabei die Winterspiele 2022 in Peking, an denen er selbst als Teil des dänischen Curling-Teams teilnahm. Konkret geht es um das Phänomen des sogenannten Sportswashing.
Unter Sportswashing wird der Versuch von Staaten oder Unternehmen verstanden, durch das Ausrichten von Sportevents oder Sponsoring ihr Image aufzubessern und von internen Problemen wie Menschenrechtsverletzungen abzulenken. Laut Jacobsen fungiert der Sport hierbei als Instrument der Soft Power: „Im Gegensatz zu Hard Power, also militärischer oder wirtschaftlicher Macht, nutzt Soft Power subtilere Wege.“ Diese Form der Macht setzt auf kulturelle Attraktivität und universelle Verständigung, um den Einfluss einer Nation subtil zu stärken.
Im Vorfeld der Spiele in Peking war der internationale Diskurs massiv von Kritik am Umgang mit der Minderheit der Uiguren geprägt, was zu diplomatischen Boykotts durch mehrere Staaten führte.
China begegnete diesem Druck mit einer gezielten Kommunikationsstrategie, stellte Jacobsen heraus. Unter dem Motto „Together for a Shared Future“ verbreiteten Staatsmedien Narrative von Einigkeit, technischer Innovation und Nachhaltigkeit, um kulturelle Differenzen und politische Spannungen zu überlagern.
Die Untersuchung von Jacobsen, die am 28. Januar 2026 im „International Journal of Sport Policy and Politics“ veröffentlicht wurde, belegte eine messbare Veränderung der Wahrnehmung im Zeitverlauf. Eine Analyse europäischer Medienbeiträge zeigte, dass kritische Begriffe wie Boykott oder Menschenrechte während des Veranstaltungszeitraums rückläufig waren. In der Untersuchung wurde festgestellt, dass es der Gastgebernation durch strenge Restriktionen gegenüber Medien sowie Athleten gelang, das Narrativ weitgehend zu kontrollieren.
Diese Entwicklung deute wiederum darauf hin, dass die anfängliche Wahrnehmung von Sportswashing mit fortschreitender Dauer der Wettkämpfe oft einer positiver gewerteten Form von Soft Power weiche. Das IOC spiele in diesem Prozess eine entscheidende Rolle, da es durch die Vergabe der Spiele den Rahmen für diese Form der politischen Einflussnahme erst ermögliche.
Entgegen der verbreiteten Annahme, Sportswashing diene primär der Außenwirkung, unterstreicht die Forschung der JMU die Bedeutung für das Inland. Sportliche Erfolge – wie das chinesische Rekordergebnis von 15 Medaillen im Jahr 2022 – werden genutzt, um das politische System zu legitimieren und ein nationales Einigkeitsgefühl zu beschwören. Jacobsen führt hierfür den Begriff der negativen Soft Power ein, die darauf abzielt, ein „Wir-gegen-die“-Gefühl zu erzeugen.
In diesem Kontext hat der Wissenschaftler das Konzept des „Reverse Sportswashing“ entwickelt. Demnach können Regime den Vorwurf des Sportswashing gezielt umkehren, um ihre Macht im Inneren durch die Abgrenzung gegen externe Kritik weiter zu festigen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass einfache moralische Urteile oder die Frage nach Boykotts nicht ausreichen, um die komplexe Nutzung des Sports als politisches Werkzeug vollumfänglich zu verstehen.