Jüdisches Leben  Begegnungsstätte in Weener – und was sie erzählt

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 11.03.2026 10:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Für Weeners Bürgermeister Heiko Abbas ist es gerade in der heutigen Zeit wichtig, die NS-Zeit in Weener nicht aus den Augen zu verlieren. Foto: Oliver Bär
Für Weeners Bürgermeister Heiko Abbas ist es gerade in der heutigen Zeit wichtig, die NS-Zeit in Weener nicht aus den Augen zu verlieren. Foto: Oliver Bär
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Weltkarte, Briefe, Einzelschicksale: Die Begegnungsstätte für jüdisches Leben in Weener zieht alle Generationen an. Doch abgeschlossen ist das Projekt nie – sagt Bürgermeister Heiko Abbas.

Weener - Nicht einmal eine Woche war die Begegnungsstätte für jüdisches Leben geöffnet, da führte Bürgermeister Heiko Abbas schon jene Gäste durch die Ausstellungsräume in der Westerstraße, die die wohl längste Anreise hinter sich hatten. Aus New York war die Familie Nossel nach Leer gekommen, und als sie von der neuen Begegnungsstätte in Weener hörte, wollte sie sich diesen Ort nicht entgehen lassen. Ein kurzer Besuch, dachte man. Eine kleine Stippvisite. Doch während Abbas durch die Räume ging, zeigte sich: Die Verbindung nach Weener war enger, als es auf den ersten Blick schien. „Der Urgroßvater der Oma war zu Beginn des 20. Jahrhunderts hier Religionslehrer an der jüdischen Schule“, berichtet Abbas. Genau dort, wo heute die Ausstellung untergebracht ist.

Das Schicksal von Moritz de Vries wird exemplarisch in der Begegnungsstätte für das jüdische Leben erzählt. Foto: Oliver Bär
Das Schicksal von Moritz de Vries wird exemplarisch in der Begegnungsstätte für das jüdische Leben erzählt. Foto: Oliver Bär

Ein anderer interessierter Gast in der Begegnungsstätte war ein Mann, der beruflich in den Abgründen des 20. Jahrhunderts zu Hause ist: der Historiker Jürgen Matthäus. Er hatte im September 2025 Jakobus Onnen, geboren in Tichelwarf, als Schützen auf einem ikonischen Foto aus der NS-Zeit identifiziert. Das Bild ist weltweit bekannt, sein Titel klingt wie ein Schlussstrich, der keiner sein darf: „Der letzte Jude in Winniza“. Entstanden im Zweiten Weltkrieg in der Ukraine, zeigt es einen Mann mit ausgezehrtem Gesicht am Rand einer Grube; zu seinen Füßen liegen Leichen, ein Massengrab. Ein Uniformierter, Jakobus Onnen, steht daneben und zielt mit einer Pistole auf seinen Kopf. Ein Moment, eingefroren als Dokument und als Anklage.

Viele Besucher, offene Türen: So wird die Ausstellung in Weener angenommen

Doch es sind nicht nur weitgereiste Familien oder Experten, die den Weg nach Weener finden. Auch ein Männerkreis aus Holthusen war bereits da und ließ sich vom Rathauschef persönlich durch die Ausstellung führen. „Nach den Führungen sind die Leute zutiefst beeindruckt, zum Teil auch richtig erschüttert“, berichtet Heiko Abbas von seinen Erfahrungen. „Ich glaube, die Leute nehmen da sehr viel für sich mit.“

Mit Bildern und Texten wird das dunkle Kapitel in der Stadtgeschichte Weeners aufgearbeitet. Foto: Oliver Bär
Mit Bildern und Texten wird das dunkle Kapitel in der Stadtgeschichte Weeners aufgearbeitet. Foto: Oliver Bär

Die Begegnungsstätte, die das einst blühende jüdische Leben der Stadt sichtbar macht und die Schrecken der NS-Zeit auch anhand von Einzelschicksalen dokumentiert, zieht ohnehin zahlreiche Besucher an. Am Tag des offenen Denkmals etwa standen „bunt gemischte Gruppen“ vor den Exponaten, ließen Texte und Bilder auf sich wirken. Und auch zu den regulären Öffnungszeiten der Stadtbücherei, während derer die Ausstellungsräume ebenfalls zugänglich sind, kommen immer wieder Menschen vorbei. „Relativ häufig schauen sich unsere Besucher auch in den Räumen der Begegnungsstätte um“, sagt Büchereileiterin Sarah Möhlmann. Auffällig: Das Publikum ist keine geschlossene Gesellschaft. Jugendliche sind darunter, Familien, Senioren: Erinnerung als gemeinsamer Raum, nicht als elitäres Ritual.

„Abgeschlossen ist solch ein Projekt nie“: Stadt und Ehrenamt bauen weiter

Heiko Abbas wirkt zufrieden, ja beinahe erleichtert, dass sein „Herzensprojekt“, wie er es immer wieder betont, angenommen wird. Gleichzeitig weiß er: Mit dem Aufschließen der Türen ist es nicht getan. „Abgeschlossen ist solch ein Projekt eigentlich nie“, betont Abbas. Räume, Konzept, ein „vernünftiger roter Faden“, all das sei nun vorhanden, eine tragfähige Basis. Aber eine, auf der weiter gebaut werden müsse. „Führungen durch eine Ausstellung zu gestalten, ist ja nicht die vordringlichste Aufgabe eines Bürgermeisters“, sagt Abbas und meint damit: Es braucht Strukturen, Menschen, verlässliche Zuständigkeiten. Gerade in einer Gegenwart, in der Geschichte im Sekundentakt verdrängt wird, sei es entscheidend, dieses dunkle Kapitel der Stadt nicht dem Vergessen zu überlassen. Und ja: Auch das sei Aufgabe einer Stadtverwaltung.

Die Arbeit von Fritz Wessels ist ein Grundstock der Begegnungsstätte für jüdisches Leben in Weener. Foto: Oliver Bär
Die Arbeit von Fritz Wessels ist ein Grundstock der Begegnungsstätte für jüdisches Leben in Weener. Foto: Oliver Bär

Getragen wird diese Erinnerungskultur in Weener vor allem vom bürgerschaftlichen Engagement, von den Arbeitskreisen Synagogenbrand und Stolpersteine. Der Arbeitskreis Synagogenbrand gründete sich 1988, nahm zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms Kontakt zu ehemaligen jüdischen Bürgern auf und lud sie in ihre frühere Heimat ein. Dokumentiert ist diese Initiative in der Begegnungsstätte mit einer Weltkarte und historischen Briefen. Ein Name ist damit besonders verbunden: Fritz Wessels.

Arbeitskreise, Briefe, Bücher: Wie Erinnerung in der Bücherei weiterlebt

Wessels, der 2015 starb, hatte damals die „Woche der Begegnung ins Leben“ gerufen, Kontakte zu ehemals jüdischen Mitbürgern gesucht und geknüpft. Vorab, so heißt es, seien die Ängste groß gewesen: Wie würden die Eingeladenen reagieren? Würde es Vorwürfe geben? In dieser gemeinsamen Woche, in der es viele traurige Momente gab, entstanden schließlich auch Freundschaften. Und hier schließt sich der Kreis zur Bücherei: Nicht nur zahlreiche Exponate stammen aus dem Nachlass von Fritz Wessels. Im hinteren Teil der Stadtbücherei steht außerdem seine gesammelte Literatur zum Thema – aufgereiht, zugänglich, zum Stöbern und Lesen. Erinnerung, die nicht im Schaukasten endet, sondern im Alltag weitergeht.

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